Theologen beherrschen das Metier seit Jahrhunderten perfekt. Da wird dann nicht mehr der Krieg verurteilt, es heißt: ‚Angesichts der Grausamkeiten ringsum müssen wir uns fragen, weshalb der Herr uns solch harte Prüfung auferlegt‚. Die ‚Sünde‘ des Mordens wurde glücklich von den Generälen und Politikern zu allen Schäfchen der Gemeinde abgeschoben, jetzt hat die ganze Christenheit laut ‚unerforschlichem göttlichem Ratschluss‘ mit Not und Tod zu sühnen. Eine Schuld wurde glücklich kollektiviert.

Annette Schavan ist Theologin. Auch bei ihr geht es – zumindest in ihren Augen – nicht mehr um die Frage, ob sie in ihrer Dissertation nun abgeschrieben hat oder nicht, nein, es geht um viel grundlegendere Dinge:

„Inzwischen dreht sich die Debatte um eine sehr grundsätzliche Frage: Ab wann spricht man in der Wissenschaft von einem Plagiat? Und das halte ich für eine ganz wichtige Frage, gerade weil ich Wissenschaftsministerin bin.“

Wir lernen daraus: Es geht gar nicht um sie, es gibt gar keinen ‚Fall Schavan‘ mehr. Die Prämissen, auf denen der Diskurs ruht, wurden unter der Hand mal eben ein wenig an den Rand verschoben. In der Realität hingegen, in der die gewöhnlichen Menschen leben, weiß natürlich jeder Trottel, was ein Plagiat ist, die Frage ist ihm sozusagen fraglos. Er nennt ein Plagiat bildhaft ‚das Schmücken mit fremden Federn‘.

Aber gut, der Frau Schavan geht es längst nicht mehr um diese Frage, auch nicht darum, ob sie nach der Einleitung des Verfahrens jetzt schnellstmöglich zurücktreten sollte, weil eine Wissenschaftsministerin, sofern sie die Wissenschaft belogen hat, logischerweise einer Felicitas Krull oder einer Gerda Postel im Amt gliche. Ebensowenig könnte bspw. eine Theologin im Amt bleiben, die permanent gegen Gottes Ordnung verstößt – die Zeiten der Borgia-Päpste sind glücklicherweise vorbei. Unserer Forschungsministerin aber geht es längst um ganz andere Dinge – sagt sie:

„Wenn daraus ein gemeinsames Verständnis und ein Kodex zum wissensgerechten Umgang mit Plagiatsvorwürfen entstünde, dann wäre das ein gutes Ergebnis.“

Schon wieder so’n Konditionalsatz – ganz ohne Rücktrittsandeutung. Genau so etwas nenne ich ‚Prämissen verschieben‘: Möglichst rasch möglichst weit entfernt vom Thema auf halbwegs neutralem Gebiet aufatmend zu landen. Statt auf ihrem Podex landet Frau Schavan nur weich auf einem Kodex.

Wohl zu diesem Zweck lockt Annette Schavan derzeit auch alimentierte Wissenschaftler in den Schlammgraben ihrer versumpften Diskurslandschaft. Womit sie die Wissenschaft nur noch weiter bekleckert. In meinen Augen leisten solche diensteifrigen Professores mit ihren Sancho-Pansa-Diensten eine kaum noch wissenschaftliche Exkulpation, adressiert an besonders Blauäugige im Geiste:

„Wer also glaubt, dass gute wissenschaftliche Praxis das Leitmotiv eines umtriebigen Wissenschaftsfunktionärs mit dieser exorbitanten Publikationsleistung ist, kann auch getrost einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben.“

Nun gut – das tun diese ‚Wissenschaftler‘ derzeit auch. wobei sie wohl eher an eine ‚Weihnachtsfrau‘ zu glauben scheinen …