Stilstand

If your memory serves you well ...

PR 2.0

Auch wenn mancher manchmal einen anderen Eindruck gewinnen könnte – ich bin gar kein grundsätzlicher Gegner der Public Relations. Zwar gibt es zahllose Beispiele erschütternder Sprach- und Ahnungslosigkeit, wie kürzlich erst im Falle Vodafone wieder zu besichtigen. Es gibt aber auch (wenige) Beispiele für eine gelungene Öffentlichkeitsarbeit, wo jemand sogar Begriffe wie ‚Mikromedien‘ und ‚Long Tail‘ wirklich verstanden zu haben scheint. Ein solches Schulbeispiel lag vor zwei Tagen in meinem Briefkasten.

Der Umschlag trug die Aufschrift „PONS“ und „Presse“, der übliche Brüllbalken des Direktemang-Marketing-Eleven – „Achtung, wichtige Unterlagen!!!!! Darf nur vom Inhaber PERSÖNLICH geöffnet werden!“ -, der fehlte diesmal komplett. Als ich den Umschlag öffnete, fiel mir ein Schulheft in grünem Schutzumschlag entgegen.

Das Schulbeispiel

Das Schulbeispiel

Es fanden sich darin meine Zugangsdaten für eine Vorabbesichtigung des neuen Pons-Rechtschreib-Portals – zu dem ich hier nur so viel sage: ‚Es muss gar nicht immer der Duden sein!‚ – ich hätte, als Dank für meine kleine Bewertung, mir einen kostenlosen Band der gedruckten ‚PONS Rechtschreibung‘ bestellen können (was ich aber nicht getan habe) – und ich will auf all das auch gar nicht hinaus. Viel interessanter ist für mich die Form des Mailings. Das neue Portal kann und soll sich jeder Netizen ab Ende Juli selbst betrachten: unter http://pons.eu …

Dieses Anschreiben aber, das war die Abkehr von der ‚Massenaussendung für Massenmärkte‘, es wurden nicht mehr alle erreichbaren Kanäle geflutet, was zwar der Agentur einen Haufen AE-Provisionen einbringt, aber beim Kunden in der Regel nur wenig bewirkt. Hochselektiv wurden im Falle von PONS einzelne Personen herausgepickt, wie sie als ‚Heavy User‘ eines solchen Portals in Frage kämen. Um sie anzusprechen, wurde jedes Schulheft ‚personalisiert‘.

So nahm sich Anne Pelzer, bei PONS zuständig für die Aktion, in diesem Fall meinen Text über die Leberreime vor, schrieb handschriftlich einen kommentierenden Text dazu, komplett mit einem selbstgedichteten Leberreim (‚Die Leber stammt von einem Hecht und nicht von einer Kuh, wer Reime ohne Fehler mag, sieht nach bei pons.eu‚). Zusätzlich wurden meinem Text noch zwei Fehler bei der Zeichensetzung angekreidet (der abschließende Anführungsstrich stünde erst NACH dem Satzzeichen). Weshalb ich der Frau Pelzer an dieser Stelle aus revanchistischen Gründen mitteilen möchte, dass manche Formulierungen in ihrem Text – ‚einen Besuch abstatten‘, ‚haben wir uns erlaubt‘ – nach Wilhelminismus müffeln, selbst wenn solche ’stilistischen Fehler‘ in keine Online-Rechtschreibhilfe passen. Doch Schluss mit den Sticheleien: Wir haben hier ein ganz und gar großartiges und auch absolut neuartiges Mailing vor uns …

Über die Hintergründe der Aktion kann man sich hier informieren – an dieser Stelle will ich nur auf zwei Dinge hinweisen: Dieses Mailing ist ein ‚Schulbeispiel‘ für Public Relations in den Zeiten des ‚Long Tail‘. Eine solche handschriftliche Aussendung macht eine Mörderarbeit, ich kann mir daher nicht vorstellen, dass dieses Mailing mehr als eine 200er-Auflage hatte (‚knapp einhundert‚ seien es gewesen, höre ich von der Anne Pelzer gerade im Interview – und ich wünsche ihr daher, dass ihre Sehnenscheidenentzündung schnell wieder abklingen möge). Nimmt man aber das Reden vom ‚Ende des massenmedialen Zeitalters‘, von ‚Crossmedia‘ oder ‚Mikromedien‘ ernst, dann wird die Öffentlichkeitsarbeit in Zukunft wohl eher wie bei PONS als z.B. so aussehen.

Was für Konsequenzen hat die Aktion nun für mich? Nun ja – ich weise meinen Nukleus, also die 1.200 Leute, die dieses Blog täglich ansteuern, gern auf das neue Portal hin, vor allem aber auf dieses gelungene Beispiel einer Werbung für die Online-Repräsentanz eines alteingesessenen Wörterbuch-Produzenten. Schlicht deshalb, weil mir die Aktion gefallen hat. Trotzdem ist für mich persönlich eine Rechtschreib-Plattform nur nützlich, wenn ich unterwegs bin – denn ich konsultiere nach wie vor in allen Fragefällen einen gedruckten Wälzer. Bei mir geht es ‚auf dem Holzweg‘ deshalb schneller, weil die Nachschlagewerke in Reichweite rechts von mir stehen. Dort im Regal finden sich blaue Bände (Langenscheidt), weiße Bände (Harenberg), bunte Bände (Duden) und eben auch grüne Bände (PONS). Von letzteren wiederum zählt bis heute die ‚Deutsche Idiomatik‘ zu meinen Allzeit-Favoriten – für jeden professionellen Schreiber ist das Buch unverzichtbar. Wenn die Idiomatik mal ‚online‘ auftauchen würde, das wäre dann tatsächlich was. Oder – dies als Tipp für das PONS-Verlagsmanagement – endlich mal ein ‚rückläufiges Wörterbuch‚ der deutschen Sprache.

Ansonsten habe ich zur Rechtschreibung ein eher ‚wurschtiges‘ Verhältnis, wie viele andere Leute im Netz auch: Nichts schlimmer als die Rechthaber vom Verein für Deutsche Sprache. Richtig geschrieben ist ein Text dann, wenn der Leser ihn als richtig geschrieben wahrnimmt. So einfach ist das …

So – und wer mich wegen dieser Lobhudelei jetzt als ‚Kommerzblogger‘ bezeichnet, der kann mich mal kreuzweise.


8 Kommentare

  1. Oho, nicht nur Herr Kohlbrück, auch Herr Jarchow. Mal sehen, wann Niggemeier, Becker, Vetter …

    PONS, übernehmen Sie diesen Auftrag?

  2. … und bevor das mal wieder falsch verstanden wird: Ich find’s gut!

  3. Wolfgang Hömig-Groß

    25. Juli 2009 at 16:40

    Als ich noch in der Werbung gearbeitet habe, habe ich mir für solche Aktionen bei meinen Kunden den Mund fusselig geredet (ich hatte immer das Bild, mit dem Zielfernrohr statt mit der Schrotflinte auf Kundenjagd zu gehen). Natürlich haben sie es mit Blick auf den Preis, der ja zunächst ungünstig aussieht, abgelehnt – warum für 100 Mailings so viel Geld ausgeben wie für 3.000. Das Feedback auf eine sehr persönliche Ansprache rechtfertigt das aber allemal; wo klassiche Aussendungen mit einer Antwortrate von 2% bereits SEHR erfolgreich sind, habe ich es locker auf Werte zwischen 50 und 75% gebracht. Und dabei ist noch kein Wort über die Qualität der entstehenden Kundenbeziehung gesagt – etwa das Kunden selbst zum Multiplikator werden (wie hier oder durch Weitergabe in der Peergroup) oder einen beim Treffen dann fragen „Sarensema, was das Ihr Idee?“

  4. Tja, da lag ich daneben. Im Interview sagt Anne Pelzer, dass sie die Briefe tatsächlich alle selbst mit der Hand geschrieben hat! So was habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen oder gar selbst verfertigt – eine ganz und gar erstaunliche Aktion eben.

  5. Eine mörderische Maloche, die dementsprechend gewürdigt wird. Was kann PR mehr wollen? Dennoch fürchte ich, daß diese Aktion nicht viele Nachahmer finden wird: 1. ist es zu viel Arbeit, 2. ist die Anzahl der Adressaten zu klein, und 3. sind 99% der PR-Schranzen lernresistent.

  6. Lieber Herr Jarchow,

    danke für die Analyse und die Stil-Nachhilfe – mir sind einfach irgendwann zwischen Heftchen 50 und 60 die modernen Formulierungen ausgegangen….
    Die Deutsche Idiomatik Online schlage ich gerne mal der Deutsch-Redaktion vor.

    Viele Grüße
    Anne Pelzer

    Deutsche Idiomatik

  7. Es freut mich, dass auch hierzulande man nun zu fortschrittlichen Methoden greift. Denn die Werbung als solche kann noch erfolgreicher sein, wenn sie den Menschen anspricht statt abschreckt.

    Das hier ist eine höchst gelungene Aktion!

  8. Hello, „Muh, muh, muh! So ruft im Stall die Kuh. Die gibt uns Milch und Butter, wir geben ihr das Futter. Muh, muh, muh! So ruft im Stall die Kuh.“ Ein wunderbarer Kinderreim, oder? Gruß, Jennifer

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