Stilstand

If your memory serves you well ...

Polizeigespräche

Mein dialogbetriebener Bauernroman marschiert auf die zweihundert Seiten zu: Inzwischen sind Bergwerkstaucher hinzugekommen, alternde Dorfgermanen tummeln sich trotz dubioser Herkunft in arischen Orden der strikten Observanz, Chinamänner wundern sich über gar nichts mehr, eine zweite Leiche ward auf der Kalihalde gefunden, die Püsterolsch erzählt uns was vom dicken Kind, und der Kommissar verzweifelt an wuchernden Männertitten. Die Polizei kommentiert brav das Geschehen:

„… Während Jenny noch am Feldrand schmökte, war Karshüsing zu den Kollegen von der Ortswache in Hinterrode gefahren. Ein Polizeiwagen älteren Semesters stand vor dem kleinen Klinkerbau.

„Moin, Feldmann!“

Der grauhaarige Mann an dem altersschwachen Schreibtisch schaute auf: „Mönsch, Karshüsing – was verschlägt dich zu uns Provinzeiern?“

„Ich unterhielt mich gerade mit eurem Rockerhäuptling. Unsere Wasserleiche stammt nämlich aus Völlersode, und als sie noch kregel war, gehörte sie zur Stammkundschaft im Bambi-Club.“

„Würde jeder, der zu diesen Puffgängern gehört, eine Lampe auf dem Kopf tragen, dann wäre Hinterrode hell erleuchtet. Und wir könnten uns das Geld für die Straßenbeleuchtung sparen. Was hat er denn gesagt? Willst ’nen Kaffee, Karl?“

„Von eurem Mokka-Asphalt? Nee, danke. Gesagt hat er, dass er nichts zu sagen hat. Und seine Jungs waren auch nü nüch irgendwo mittenmang oder auch nur am Rande dabei gewesen.“

„Tschaja – unser Wohltäter, das große Unschuldslamm. Du weißt, dass er die gesamten Finanzen der Road Raider verwaltet. Bundesweit.“

„Woher soll ich das wissen? In eurem ‚Heide-Boten‘ steht davon ja nichts. Gut, manchmal lese ich natürlich auch eine der größeren Zeitungen.“

„Tscha – verstehen kann man das zwar nicht. Wohl aber erklären. Für den Heinrich Aaltorf, den Verleger von unserem Käsblatt also, sind die goldenen Zeiten auch vorbei, wie eigentlich für die gesamte Geschäftswelt hier. Internethandel und so. Der Bär ist eigentlich der letzte interessante Anzeigenkunde, mit seinem ‚Samurai‘, diesem Taek-Won-Do-Club für die türkischen Jungmänner, mit seiner Bowling-Bahn, mit seiner Muckibude da unten im Gewerbegebiet und natürlich auch mit seinen Betrieben für erotische Dienstleistungen, vom Porno-Shop bis hin zur Telefonsex-Bude. Das ganze Blatt wirkt dadurch zwar etwas schmuddeliger – aber das sind immerhin auch ein paar tausend Euro für Inserate, die noch in die Kasse fließen. Also darf der Krischan Hörmann nur Gutes über den Bär schreiben. Im Zweifel schreibt er gar nichts. Aus unserer polizeilichen Sicht sieht das natürlich anders aus. Du siehst also: Wichtig ist bei uns nur das, was nicht in der Zeitung steht.“

„Nun ja, Journalismus ist eine Kastratenveranstaltung, das wissen wir am besten. Was steht denn nicht drin über den Bär?“

„Beispielsweise, dass seine Jungs kürzlich eine Abschlussfeier von Abiturienten aufgemischt haben, nur weil die nicht den Bär‘schen Ordnungsdienst eingesetzt hatten. Das kostete den Aaltorf zwar einige Abos von empörten Eltern, die auf den Ausgaben für ihr Hansaplast sitzen blieben, aber die Kosten-Nutzen Abwägung ließ Aaltorf wohl den bewährten Weg der Omerta verfolgen. Auch einige von uns bekamen übrigens im Getümmel was auf die Fresse. Auf Druck des Bürgermeisters wurde die Anzeige dann niedergeschlagen – ein Herumstochern im Dreck würde doch nur dem touristischen Ruf unserer idyllischen Gemeinde schaden.“

„Oha – Rechtsbeugung im Amt?“

„So würde der das wohl nie nennen. Dieser famose Doktor Hans Vermooren spricht ein perfektes Polit-Sprech, er sagte im Rat etwas von einer notwendigen Güterabwägung und von einer politischen Entscheidung, die es zu treffen galt. Außerdem müsse jeder selbst wissen, mit wem er geschäftlich verkehrt, es herrsche schließlich freie Marktwirtschaft. Mit diesem liberalen Blabla überzeugst du hier jeden. Und die ganze Geschäftswelt, also die gute Gesellschaft unserer Stadt, die stand ja auch wie ein Fels hinter ihm. Nur die Opposition, vor allem aber unser grünes Ratsmitglied, das scharrte als notorischer Unruhestifter noch ein wenig mit den Hufen. Seit bei ihm aber der Müllcontainer brannte und bei seinem Anwalt Todesdrohungen an die Wand geschmiert wurden, ist der auch wesentlich ruhiger geworden. Jedenfalls war an dem Tag, als eine überregionale Zeitung über die Ereignisse berichtete, das Blatt in ganz Hinterrode morgens um halb acht schon völlig ausverkauft. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Während der verbissen nichtssagende Heide-Bote wie Blei am Kiosk lag.“

„Und was macht ihr?“

„Nun ja, unsere Ermittlungsergebnisse versanden zumeist auf dem Weg in die Justiz. Wenn du willst, dort im Schrank findest du Kopien der Vorgänge. Die Staatsanwaltschaft in Verden ist übrigens etwas rühriger. Sie hat den Bär jetzt wegen ausbeuterischer Zuhälterei angeklagt. Er habe bei den Damen, alles Nataschas und Sonjas und Tatjanas übrigens, zwar nicht direkt Moskau Inkasso betrieben. Aber weil ihm ja die ganzen Love-Mobile gehören, hätte er ein lukratives Franchise-Geschäft aufziehen können: Völlig überhöhte Preise für Wagenmiete, für Anfahrten zum Arbeitsort, für – ähem – Dienstkleidung, sogar für Handtücher und Kondome. Zuhälterei alten Stils ist so etwas von gestern … die Nutten bleiben aber nach wie vor die Verliererinnen.“

„Bringt dir dein Job denn noch Spaß?“

„Ich kann dir sagen, manchmal möchte man ihnen den Kram vor die Füße schmeißen. Erfolgserlebnisse gibt’s hier nur, wenn du mal ein paar rumänische Wohnungsknacker hops nimmst. An die großen Schweine darfst du nicht ran. Naja, noch drei Jahre bis zur Pension.“

„Die stehst du auch noch durch. Ist dir der Name Riethmüller schon mal untergelaufen?“

„Der junge Herr Maisbaron wurde vor drei Jahren mal auffällig, als er im Bambi-Club randalierte. Irgend so ‘ne Tamara hatte ihm wohl gewisse Liebesdienste verweigert. Da wollte er sein Geld zurück. Die Muckimänner dort haben ihm den Liebeslohn dann auf beiden Augen ausbezahlt. Wir haben ihn draußen vor der Tür gefunden, wo er im Matsch rumtaumelte, weil er durch die geschwollenen Klüsen kaum noch etwas sehen konnte. Er brüllte irgendwas davon, dass er jetzt endgültig auspacken wolle. Da ist aber nichts gekommen, sogar die Anzeige hat er am nächsten Tag zurückgezogen. Ein großschnäuziger, unangenehmer Kerl …“

„Tscha – nu isser dot!“

„Friede seiner Asche. Wisst ihr denn schon was?“

Karshüsing kratzte sich am Kopf: „Tausend Motive, aber keinen den wir darauf festnageln könnten. Die Leiche war ja auch schon mächtig angegangen, als wir sie fanden. Die Spurensicherung ist also auch keine Hilfe.“

„Frag doch mal die Rademacher.“

„Wen?“

„Na, unsere Püsterolsch. Da rennt hier alles hin, was Probleme hat oder Warzen.“

„Komm, hör auf, mich zu verarschen. Eine Kommissarin Spökenkieker …“

„Naja, viele Leute schwören auf sie. Überleg dir’s. Sie wohnt da am Bahnhof, in einem der heruntergekommenen Häuser dort.“

„Also ist sie im Leben ziemlich erfolglos gewesen – oder? Reich ist sie durch ihren Hokuspokus jedenfalls nicht geworden.“

„Das hat andere Gründe. Sie nimmt schon aus Prinzip keine Bezahlung. Das Geld verdirbt nur alles, sagt sie, das Geld macht die Leute blind. Wenn du da also hingehst, biete ihr bloß keinen Lohn an. Allenfalls einen Kasten Bier kannst du ihr abkaufen. Unsere Oma Rademacher betreibt nämlich einen kleinen Getränkehandel, um über die Runden zu kommen.“

„Pffft! … ich denke mal drüber nach, wenn ich gar nicht mehr weiter weiß. Jetzt aber düse ich zurück in unsere Heide-Metropole, nach Sösskarken. Mal hören, ob wenigstens Jenny ein wenig weitergekommen ist. Apropos – weißt du etwas von einer chinesischen Wirtschaftsdelegation, die hier anreisen soll?“

„Tschaja, hinter den Kulissen ist das hier Stadtgespräch. Unser Bürgermeister poliert schon Tag und Nacht sein Wirtschaftsenglisch, um nicht ganz dumm dazustehen. Ob’s was hilft?“

„Oha, ein Provinzpolitiker in der großen weiten Welt: Wi prautlie wellkamm ziss laffli dellegäschin fromm sse piepels repapplick of Tscheina. Dazu Tusch, tiefer Bückling und dann den üblichen Teller mit der Hinterroder Bockwindmühle als Gastgeschenk. Was wollen die bloß hier in unserem Krähwinkel?“

„Vage heißt es, sie wollten ungenutzte Energiepotenziale in der Gegend erschließen. Worin die aber bestehen sollten, weiß ich auch nicht. Das Maisland ist doch schon fest in Bauernhand.“

„Und wenn sie dann hier im Hotel Hinterrode übernachten, dann sind sie auch ganz schnell wieder weg.“

„Sag nichts gegen unser original altdeutsches Ambiente in einer einzigartigen touristischen Oase. Aber du hast ja recht – ‚Hotel Modernisierungsstau‘ wäre wohl der bessere Name für dieses örtliche Kleinod: Knarzmatratzen, Kupferlampen, Resopaltische mit Goldbordüre, das Bad auf dem Gang, Matschkartoffeln, Duftsteine im Klo … kurzum alles, was das Herz eines echten Nostalgikers begehrt.“

„Sollst du dir immer so das Maul zerreißen? Tschüß dann!“

„Tschüß – un kiek moal wedder rin!“

1 Kommentar

  1. Hat Spaß gemacht zu lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑