Natürlich zählt das Wörtchen ‚pervers‘ zum Wortschatz der vereinigten Spießer, Philister und Pharisäer. „Pervers!“ schreit der süddeutsche Biertischpolitiker, wenn er etwas von ‚gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften‘ hört. „Pervers!“ findet der FDP-wählende Apotheker oder Anwalt jeden Gedanken daran, die sonst so gefeierten Gesetze der Deregulierung und des Wettbewerbs auch in seiner Branche einzuführen. Und „pervers!“ finden alle Internetausdrucker diejenigen, die nicht für Netzsperren im Internet sind – und die damit bekanntlich der Kinderpornographie Tür und Tor öffnen wollen. So weit, so blöd, so gut: Das Wörtchen ‚pervers‘ scheint auf den ersten Blick für vernünftige Zwecke verbraucht.

Das aber ist ein Irrtum. Stellt man solche Wörter, die ihr gesellschaftliches Verfallsdatum längst erreicht haben, in einen neuen Kontext, dann funkeln sie plötzlich wieder:

Da setzen also irregeleitete Jünglinge ihre Hoffnung auf Anabolika und Steroide, statt auf Intelligenz. ‚Männlich‘ möchten sie sein, mächtige Muskeln sollen ihnen wachsen statt des verlorenen Selbstbewusstseins, und der Brustkorb möchte bitte wie ein Tönnchen schwellen. Schon bald bekommen sie die Kehrseite ihrer Pillensucht zu spüren – dort unten schwillt plötzlich nichts mehr, die Aktivität ihrer Spermien gleicht der Arbeitslust von Silvana Koch-Mehrin, die Männlichkeit unter dem Waschbrettbauch hängt nächtens wie eine frische Nudel in den Seilen, auch die dümmste abgeschleppte Disco-Tusse zeigt sich darob zu recht enttäuscht, weshalb ihr der düpierte Muskelberg mit Gewalt das Maul stopfen möchte … und dann wachsen ihm plötzlich auch noch schlaffe Männertitten dort, wo sich Brustmuskeln verführerisch räkeln sollten. Prompt verzichten unsere Eiweiß-Junkies nicht etwa auf ihre geliebten Anabolika, nein, sie rennen zum Schönheitschirurgen und lassen sich ihre Hupen liften. Männertitten-OPs haben rasant zugenommen, vor allem bei jungen ‚Adonüssen‘

In ihrer gnadenlosen Dummheit und aus Angst um ihre Männlichkeit verschaffen sich zahllose junge Männer ein männlicheres Aussehen mit Mitteln, die wiederum alle funktionale Männlichkeit in blanke Impotenz verwandeln. So etwas nenne ich pervers, weil es den Sinn der Veranstaltung wirklich ‚verkehrt‘ oder ‚pervertiert‘!

Der Leser sieht – sobald sich der Kontext wandelt und der Sinn ins Wort zurückkehrt, dann funkeln auch die ausgelutschtesten Kaugummis des deutschen Wortschatzes wieder. Selbst geschmacklose Pfui-Wörter wie ’national‘, ‚kompetent‘ oder ’synergetisch‘ würden wieder kräftig zubeißen, wenn man sie nur auf die richtige Weide führen würde, fort von den zahllosen Missbräuchlern …