Wer fehlerhaft schreibt, wer den Leser bei fast jedem Wort zwingt, zu erraten, was der Schreiber mit diesem Buchstabenhäufchen ‚eigentlich‘ mal gemeint haben könnte, der findet nicht viele Leser. Deswegen erlernt auch das anarchistischste Plappermäulchen aus der regelarmen Teenie-Community irgendwann die ‚richtige‘ Schreibweise. Das Medium erzieht sich seine Schreiber.

Damit haben sich dann nicht die ‚bürgerliche Repression‚ und die ‚kapitalistische Dressur‘ durchgesetzt, wie dies einige linke Regelallergiker gelegentlich noch meinen, sondern schlicht der gesunde Menschenverstand: „Wenn ich schreibe, will ich gelesen werden. Folglich schreibe ich am besten so, dass ich gelesen werde„.

Gegen den Stachel gelöckt hat hier immer die Kunst. Denn die legt es nicht auf ‚Eingängigkeit‘, auf unmittelbare Rezeption an. Sie will gerade nicht beim ersten Überfliegen schon verstanden sein, sie bricht daher mit der gewohnten Schreibweise, obwohl sie diese durchaus beherrscht. Das bekannteste Beispiel ist Arno Schmidt:

»Se nenn‘ Dich, im Werk, öffders ‚Das Wanndlnde Lecksiekonn’« versetzte die schtummfe Schtimme neben-mier, geradeaus, auf die lukije Mauer-drübm; an der ächzend Wind schwankte, im Schattn. Bei schtarkem, und beschwerlich fallendem Tau: »Tao. -«

Bei allen Verstößen gegen die Orthographie – solch einen Roman wie ‚KAFF auch MARE CRISIUM‘ hätte niemand schreiben können, dem die Rechtschreibung nicht vertraut ist. Bei solch einem Verfahren gilt nämlich ein altes Gesetz, wonach ein Schreiber die bestehenden Regeln erst einmal meisterhaft beherrschen muss, bevor er sie sinnvoll brechen kann.

Bis gestern war ich der Ansicht, dass der Herr Schmidt aus dem schönen Bargfeld ein Solitär und ein Unikum gewesen sei, jemand, der – als Pionier und letzter Mohikaner zugleich – eine neue Ebene der Sinngebung suchte, indem er die Konformität der Wörter mit einer anderen, hintergründigen Semantik zerschlug.

Seit gestern weiß ich es besser: Unter dem Titel ‚Abtrünnig‘ fiel mir antiquarisch ein Buch von Reinhard Jirgl in die Hände, ein Schriftsteller – ich bitte hier um Pardon für meine Ignoranz! – der mir bisher völlig unbekannt war. Sein Buch liest sich wie ein gemäßigter Arno Schmidt, rasend gut also und weniger klippenreich, so dass ich derzeit nur noch das Notwendige arbeite – und ansonsten voller Begeisterung lese, lese, lese – wie schon seit langem nicht mehr:

-!Dummheiten. – Rief Hermann und schielte voller Haß auf 1 der öligen Typen an der Bar.
– Aber Dummheit=hier hört auf dumm zu sein dort wo 1 Aus-Weg aus allem Leben’s Elend ins verlockend=ungelebte Leben erscheint.
– Und Das verlockend=ungelebte-Leben -!das vermuten Die=?Alle bei ?uns. – Hermann starrte mich an. Raunte dann in sein Glas: -Meine Frau !haßt Dieseleute….. u ich.

Solche Texte hauen mich um – ich liebe Menschen, die sich eigene, wiewohl völlig einsehbare Regeln geben.

Literarische Anlageberatung ...

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