Das semantische Feld der Eigentumsbegriffe ist ein vermintes Gebiet, auf dem schon viele ideologische Schlachten geschlagen wurden. Heute sind vor allem vier Begriffe kurrent, die ich hier so vorstellen will, wie ich sie sehe – ganz ohne jeden wissenschaftlichen Anspruch:

Der Besitz ist ein altes Wort. Am Anfang meint das Wort nichts als die Verfügungsgewalt über eine Sache, über Haus, Pferd, Pflug oder Boden, man ’saß‘ auf dem Seinen und machte etwas daraus, so wie auch die Henne ihre Eier ‚besitzt‘, um die Küken schlüpfen zu lassen. Das Wort Besitz bezieht sich damit auf menschliches Maß, auf die bewegliche Habe oder auf die Lebensspanne. In diesem Sinne bin auch ich ein Besitzbürger: Ich besitze eine große Bibliothek, einen Hund, viele CDs, schöne Möbel, sogar ein Haus usw. Typisch an diesem Begriff ist es, dass sich der Besitz nach meinen Tod in alle Winde verstreuen kann, dafür werden oft genug die lachenden Erben schon sorgen. Der Besitz erhält damit eine persönliche oder familiäre Note, der Besitzer ist eine konkrete Person, der Besitz ist das, was diese Person sich in ihrem Leben erwirbt und genießt. Der Begriff kann aber auch umschwenken, ein Mann ist dann ‚besessen‘, er wurde zum ‚Besitz‘ von Dämonen, Sukkubi, Teufeln. Wegen dieser ursprünglichen Bildlichkeit ist mir das Wörtchen ‚Besitz‘ so sympathisch, auch wenn die Juristen heutzutage mit Unterscheidung zwischen Sachbesitz und Rechtsbesitz das Konkrete des Ursprungs zu verwirren pflegen. Auch kann jemand durchaus im Besitz einer Sache sein, ohne der Eigentümer zu sein – zum Beispiel ein Bankräuber mit einem Sack voll gestohlenen Geldes bleibt solange der Besitzer, bis ihn die Polizei stellt.

Das Eigentum wiederum enthält einen Hauch jener Individualität, die wir auch in einem Adjektiv wie ‚eigentümlich‘ noch entdecken: Das Eigentum kommt nur jenem und niemand anderem zu. Es betont also Ausschließlichkeit und Exklusivität. Eigentümer einer Sache kann immer nur dieser oder jener sein, auch wenn er sein Eigentum verleihen, verpachten und vermieten kann, so dass jemand anderes es ‚in Besitz‘ nimmt. Vor allem aber ist das Wort Eigentum aus dem Recht geboren. Der Miteigentümer einer Fabrik besitzt zwar einen konkreten Rechtstitel auf Teilhabe am Gewinn usw., aber nicht auf diese Maschine oder jenen Ziegelstein in der Fabrikmauer, er ‚besitzt‘ nicht dies oder das. Ihm gehört also ein abstrakter ‚Wert‘, kein Produkt, sondern ein Teil der Produktivität. Mit dem Begriff des ‚Eigentums‘ beginnen sich folgerichtig Besitz und Eigentum voneinander zu scheiden, der Gedanke der Nutzung, der beim Besitz noch zentral war, fällt fort. Bei einem Raub wechselt der Besitzer, aber nicht der Eigentümer. So gesehen steht das Eigentum am Anfang der Ausdifferenzierung einer bürgerlichen Gesellschaft mit Hilfe von Rechtssystemen: „Der Begriff Eigentum wird meist nur in Gesellschaften oder Populationen gebraucht, in denen es eine rechtliche Unterscheidung von Eigentum und Besitz gibt.

Das Vermögen enthält in meinen Augen immer die Komponente einer Chance: Ein Mensch ‚vermag‘ mit Hilfe seines Vermögens dieses Ding zu erwerben – oder aber auch jenes. Entscheidet er sich aber in dieser Situation für eine Alternative, dann ist sein Vermögen fort – und dafür Besitz da. Das Vermögen ist also nicht ortsfest, es ist nur eine Möglichkeit, die sich in Form Bankguthaben, Depots, Bargeld oder Patenten manifestiert – in Dingen also, die nur so lange einen Wert haben, wie die Menschen an solche Dinge glauben. Das Vermögen ist damit volatil, um einen modernen Ausdruck zu verwenden, und es kann wie ein Verkleidungskünstler blitzschnell die Form verändern – von Fondsanteilen in Derivate, von Wechseln in Cash. Kaum jemand aber würde den Rubens an der Wand des Millionärs dessen ‚Vermögen‘ nennen, das wäre immer nur sein Besitz oder sein Eigentum. Eine Vermehrung des Vermögens meint daher vor allem immer mehr Macht, dieses oder jenes damit möglicherweise zu tun – eine Vermögenssteuer zielt folgerichtig auf die Verringerung dieser Macht, Einfluss zu nehmen. Im Kern bleibt das Vermögen aber solange unproduktiv, bis es in (Kauf-)Handlungen umgesetzt wird. Mit dem Vermögen kommt zugleich ein klassenkämpferischer Zug in die Debatte: Ein Vermögender ist mächtig und vermag viel, ein Unvermögender ist ohnmächtig und vermag nichts oder wenig. Was aber noch lange nicht heißt, dass das Volk deshalb viel vermag, weil sein ‚Volksvermögen‘ groß ist, denn das bleibt zumeist in wenigen Händen geballt. Der Begriff Vermögen verschleiert daher oft ‚die wahren Verhältnisse‘, schließlich sind die Vermögenden bis auf weiteres nicht mit dem Volk und mit dessen Volksvermögen gleichzusetzen. Im Kern also ist das Vermögen ein Begriff, der mich ein wenig an die Taschenspielertricks des PR-Gewerbes erinnert. Nicht nur Alt-Marxisten nennen Vermögen übrigens auch gern „Kapital“, ein Begriff der mir viel zu ideologisch aufgeladen ist.

Das Asset wiederum ist ein Modebegriff unserer Zeit – es ist das gute alte Vermögen in des Kaisers neuen Kleidern. Ein Asset Manager ist schlicht ein Vermögensverwalter, der Macht und Möglichkeiten im Auftrag seiner Kunden zu mehren hat, ohne dabei allzuviel Rücksicht auf die Verluste anderer Leute zu nehmen. Im Grunde wurde dieser Begriff im Neoliberalismus nur kurrent, „damit nicht mehr ersichtlich sei, wo irgendein Gewinn dabei“ (Mandeville).