Stilstand

If your memory serves you well ...

Oha, Henryk Broder!

Sie können ja durchaus die diskutierenswerte These vertreten, dass eigentlich die Normalen die Irren seien, was uns nur wegen deren Majorität in schwatzgelben Regierungen, ‚Tagesthemen‘ oder auch Kirchen nicht so leicht auffällt. Und Sie dürfen gern auch als notorischer Beweis-Führer und als blakendes Irrlicht des Common Sense in folgendem Satz gipfeln:

„Wenn Sie sich davon überzeugen wollen, dass wir tatsächlich die Falschen behandeln und die Normalen unser Problem sind, dann müssen Sie nur einmal die Leserforen der großen Zeitungen besuchen.“

Aber sollten Sie solch bedenkenswerten Stoff dann ausgerechnet für die ‚Welt‘ schreiben, in deren Leserforen sich bekanntlich das ganze Jahr Karneval und verkehrte Welt psychotisch-halluzinierend austoben? Tscha, mitgefangen – mitgehangen! oder: Nach seinem Besuch im Schweinestall duftet auch der Inspektor von der Hygienekommission entsprechend. Das gilt natürlich dann auch für Sie, unseren Oskar Panizza der Jetztzeit … schauen Sie sich in den Fußnoten zu Ihrem Artikel doch bloß mal um: Alle quieken dort weiter fröhlich herum, und kein Borstenvieh fühlt sich getroffen.

10 Kommentare

  1. Natürlich gibt es jede Menge Wahnsinn in unserer Welt. Und Broder macht genau das, was alle Verrückten tun: Er erklärt sich für den einzig Normalen und erklärt uns, wie das alles angeblich funktioniert. Bei der Bilderstrecke werden dann berühmte angeblich schizophrene Gestalten aufgeführt und damit wird wieder die für die Betroffenen sehr ungemütliche Gleichsetzung von „psychisch krank“ und „irre“ gemacht. Am Ende bleibt Broder hier trotz aller wissenden Referenzen eben doch ein oberflächlicher Nörgler, der an den Kern der Sache nicht herankommt.

  2. Naja, wortgewaltig ist er ja. Bei verbalen ‚Gewaltmenschen‘ aber bleibt für mich immer die Frage der „Gewalt gegen wen“ virulent. In dem Punkt hat er sich von seinen akzeptablen Anfängen weit fortbewegt, gewissermaßen geleitet von Rechthaberei à tout prix und einer vermutlich populistischen Begeisterung für die Akklamation durch eine schäumende Masse intellektuell weniger Avancierter. Er führt heute leider ein gutes Florett für alles, was dumm ist. Auf diesem Wege kommt ihm auch folgerichtig der Humor immer mehr abhanden.

    Ich weiß übrigens auch nicht, wieso mir eben der Begriff „Schweinepriester“ durchs Hirn schoss …

    😉

  3. Broder brabbelt herum, und verleidet einem sogar das Lesen von Lützens Buch.
    Als ob es nicht Foucaults ‚Wahnsinn und Gesellschaft‘ gegeben hätte.
    Stattdessen rührt er den Schlamm auf, und freut sich kind-isch drüber.

    Schamanen würden von der westlichen Rationalität durchgängig als schizophren klassifiziert. Sie wurden in ihren Gesellschaften als wertvolle Grenzgänger integriert.

    Gestern gabs doch diese Doku auf arte zu ‚Geschichte der Substanz LSD‘.
    Die westlichen, ‚rationalen‘ Gesellschaften haben eine enorme Angst vor dem ‚Anderen‘.

    Wieso? DAS wäre wert, aufzuarbeiten!

    Gesellschaften haben eine ’natürliche‘ Tendenz, eine Membran zu generieren, an der das Eigene und das Andere separiert wird. (Ohne mich jetzt Luhmann anzuschliessen)
    Wie sie das machen, wäre eine interessante Frage für die Philosophische Anthropologie.
    Die Inka haben in ihrer Hoch-zeit alle angrenzenden Kulturen vereinnahmt und dem zentralen Dogma unterworfen, allerdings dann doch wieder anders als der Westen. Sie haben nämlich alles Wissen der Unterworfenen integriert.
    Ähnlich wie die Römer, die die Götter der Heiden mühelos ins Pantheon integriert haben
    An der Hermeneutik von belief-systems zu arbeiten, ist Broders Sache definitiv nicht. Eher umgekehrt!
    Er steigert die Verwirrung.
    Die verwirrten Kommentatoren zu seinem Artikel bestätigen natürlich seine wirren Thesen zum unteren Ende hin, inklusive seines wirren Egos, und so eskaliert das.
    Sozusagen eine Irrsinns-Spirale.

    Frage an Broder: Wieso schreiben sie Artikel wie diesen, wo Sie doch nur Verachtung für die empfinden, die ihm applaudieren?

  4. Die Angst vor der ‚Turbulenz‘ ist in allen Gesellschaften immer größer als die Angst vor der ‚Sklerose‘: Lieber jahrelang das gewohnte Rheuma ertragen als das unbekannte Dreitagefieber. In turbulentem Stil die Sklerose zu verteidigen, ist bei dieser Interessenslage ein probates Mittel, dennoch innovativ zu scheinen, obwohl unter dem Strich immer ‚das alte und bewährte Zipperlein‘ als unser aller Erdenlos steht. Ein konservativer Prophet vor seiner Glaskugel: „Wahrlich, ich sage euch, alles wird so sein, wie es immer war …“

  5. Nachtrag:

    Broder, als ferventer Zionist einerseits, Atheist andererseits, kulminiert in diesem Satz:

    Bleibt also nur die Sache mit Gott und seinem auserwählten Volk, eine Option, die auch gestandene Atheisten und dialektische Materialisten in den Wahnsinn treibt. Denn: Wenn es keinen Gott gibt, kann es auch kein von Gott auserwähltes Volk geben. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, über die wir uns mal in Ruhe unterhalten müssen, sozusagen von einem Irren zum anderen.

    Das macht ihn anscheinend ‚irre‘.

    Die Talmud-Juden waren/sind ein closed shop, was den selbsternannten Weltbürger und gleichzeitig Zionisten verständlicherweise in den Wahnsinn treibt.

    Toynbee hat das mal ‚inbreeder‘ versus ‚outbreeder‘ genannt.
    Das zerreisst ihn, weil er das nicht verstehen kann.

    Also propagiert er ‚Wahnsinn als Methode‘ als Ausweg.

  6. @Klaus Jarchow,
    grundsätzlich gebe ich Dir recht.
    Allerdings habe ich milde Zweifel an Deiner Metaphernwahl.
    ‚Turbulenz‘ versus ‚Sklerose‘.

    Finde ich einerseits schön ausgedrückt, andererseits kollidiert das mit meinen eigenen Metaphern.
    Was tun?
    Muss in meinem Werkzeugkasten kramen, und finde das:
    Die Metapher, wie die Analogie, hat gewisse Verbindungen zur ‚Realität‘.
    Das umsomehr, je mehr Attribute (jeder Begriff ist ein Attributebündel) die beiden Domänen 1:1 verbinden.
    Eine 100:100 Korrespondenz des Bündels verwehrt uns die ‚Welt‘.

    Das Numerische, das hinter dieser Deutung steckt, gefällt mir auch nicht wirklich.

  7. @Klaus Jarchow,
    ‚Metaphors We Live by‘.

    Yes.
    Allerdings ist Lakoff nahe an seinem eigenen Scheitern, wie er selbst zugibt.
    Er gibt ja zu, dass das Repub-Gedöns erfolgreicher als der Dem-Sprech ist.

    Seinen Eiertanz beobachte ich mit Sorge.

  8. Tipp:
    Weniger oberflächlich als Lütz zum Thema Wahnsinn/Normalität ist das bereits 1987 erschienene Buch „Der Wahnsinn der Normalität“ des Psychologen Arno Gruen, der darin eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität entwickelte (auch anhand von vielen Beispielen wie Hitler).

  9. @Hinweisgeber,

    …“Der Wahnsinn der Normalität” des Psychologen Arno Gruen, …
    habe ich mir mal gemerkt.

    Das tief Verstörende ist, dass wir ein halbes Leben verbringen müssen, um herauszufinden, was Sache ist.

    Als ‚Realist‘ fällt mir dazu nur ein, dass nur eine winzige Minderheit sich tatsächlich die Mühe macht, das zu erwägen.

    OHNE Chance, das jemals mehrheitsfähig zu machen!

    Was tun?
    Es öffentlich machen.
    Für Alle zu sehen.
    Immer und immer wieder.

    Und die Verzweiflung in einem winzigen Refugium zu kultivieren.
    Ohne Hoffnung.

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