Stilstand

If your memory serves you well ...

Ob Merkel das weiß?

Dass sie unter die Apokalyptiker gegangen ist, meine ich:

„Merkel fürchtet Untergang: Wenn wir so weitermachen, sind wir verloren!“

Immer, wenn ich bei den ‚Deutschen Wirtschafts Nachrichten‘ lande, denke ich, das wäre eine Satire auf die zahnlosen Kassandras der Ökonomenzunft …

10 Kommentare

  1. hihi, gib‘ zu, du liest das nur, um dich zu amüsieren und den kommentatoren beim versuch zu denken zuzugucken.

    aber (wer hätte das gedacht, daß ich an dieser stelle tatsächlich ein aber in petto habe?): von der ansprache vor der luxembourger presse anfang des jahres, in der jean claude juncker die anwesenden darum bat, sich doch mal intensiver mit dem jahr 1913 zu befassen, habe ich jedenfalls zuerst bei „schall & rauch“ erfahren und so ganz ist diese ansprache ja immer noch nicht hier angekommen.

    für das buch von christopher clarke mache ich ja auch schon länger reklame, nicht nur weil’s ein unfassbar spannender schmöker ist, farbig und sehr gut zu lesen. ja sogar so etwas wie etwas neues in der art, wie man an geschichte herangeht, nämlich aus einer vielzahl von perspektiven gleichzeitig. wirklich lesenswert und schön, daß die merkelsche ein exemplar in die finger bekam.

    es gibt ein interview mit clarke, in dem er erzählt, daß er während er es schrieb, regelmäßig nachts aufwachte und seine familie in panik versetzte, indem er den vorschlag machte, umgehend nach australien zurückzuziehen … weil ihm die parallelen zur jetztzeit zu offensichtlich waren.

    in „1913“, diesem ebenfalls schön zu lesenden schinken von florian illies, gibt es ein wort, das so gut wie gar nicht vorkommt: krieg.

    auch wenn es jetzt gerade die DWN sind, die natürlich ihre untergangsphantasieen einem publikum unterbreiten, das eh davon ausgeht, daß der euro, die eu oder die ganze welt morgen untergeht:

    das sollten wir alles lieber mal im auge behalten. wird uns nicht viel nützen, wenn wir knietief in der sch###e stecken werden, aber dann sind wir wenigstens nicht überrascht.

  2. Vom Hermann Broch gibt es eine gleichnamige Romantrilogie – ‚Die Schlafwandler‘ aus den 20er Jahren. Insbesondere der dritte Band (‚Huguenau oder die Sachlichkeit‘) ist interessant. Meist als ‚Untergang der Bürgerlichkeit‘ und als Verkündung der kommenden Nazi-Herrschaft missinterpretiert, beschreibt der Text in meinen Augen bloß das Heraufdämmern des „kaufmännischen Partialsystems“, wie Broch das nennt, eine soziale Ebene, die sich einfach ‚ausklinkt‘ – eine kalte Kampfzone, prall gefüllt mit Lügnern, Zynikern und Opportunisten. Et voilà … was haben wir heute? Jede Zeit produziert ihren Typus.

  3. klaus,

    da es ja glücklicherweise eine schöne hörspielversion vom dlf gibt, ist mir broch natürlich ein begriff, auch wenn ich ihn noch nicht gelesen habe … immerhin, das höspiel ist im archiv 😉

    wenn ich das recht erinnere, nimmt clarke selbst bezug auf die trilogie. [wobei ich nicht sicher bin, ob er es in dem forumgespräch des swr (habe ich gerade verlinkt) tut oder in einem der vielen interviews, die es im verlauf des jahres so mit ihm gab. gestern hat er ja den hintergrund politik Großbritannien und Frankreich: Allianz der Kolonialmächte als ersten teil einer reihe über den ausbruch von WK I verfasst.]

    was den hauptunterschied zu damals macht (für mich) ist ja die allgegenwärtige verfügbarkeit von informationen heute. wenn früher der landwirt in der tiefsten eifel von dem typus, den george grosz in seine bilder malte, nur bedingt kannte, sollten wir ihn ja heute nur zu genau kennen (können), wir sollten auch aus der geschichte gelernt haben … aber wie das so ist mit dem wald und den bäumen: wir sehen so viel und übersehen das naheliegende. was (für mich) der schleichende prozess von renationalisierung und wohlgefälligem starren auf den eigenen bauchnabel sein dürfte.

    ich kann mir ganz gut vorstellen, daß die in den DMN kurz abgerissene gemengelage sich tatsächlich so darbietet und das sollte uns erschrecken. mal gucken, wann, ob und wie das in den mainstrammedien durchschlägt.

    unser „typus“ heute ist der, der so lange „boy cried wolf“ und „wehret den anfängen“ gespielt hat, daß er nur zu gerne übersieht, daß wir schon mitten drin sind. heute bekommt der grosz’che typus wiederum liveschalten in die ganze welt, in denen er als engel verkauft wird …

  4. ach ja – nur so aus gründen der nachhaltigkeit und weil ich in solchen dingen nun mal eine behrrliche nervensäge bin: hast du in der zwischenzeit irgendwo anders einen bericht entdeckt, der die von der DMN kolportierte unruhe thematisierte?

    ich nicht …

    was ich aber wohl lese sind wunderbare leserbriefe wie diesen auf artikel, in denen ein „detuscher“ kommissar, der ja nun wirklich nicht für germanophobie bekannt ist – eher für geschichtsklitterung – dieser blöden k#h die meinung geigt, die mal wieder alles wegbeissen will, was ihr in die quere kommen könnte.

    hätten wir vdl/trittin, wäre so was nicht passiert 😉

  5. Tscha – der Ölpreis sinkt, der Gaspreis bleibt stabil oder sinkt auch, der Strompreis steigt lange nicht so stark, wie es uns die Kassandras im Wahlkampf prophezeiten, der Euro ist derzeit so ziemlich die härteste Währung der Welt, die Wirtschaft floriert – woher bloß diese ‚Lust am Untergang‘ kommt? Selbst der Oettinger ist doch in Brüsseler Luft ganz vernünftig geworden. Das muss dann wohl am journalistischen Krakeel-Modus liegen … und am Wettbewerb um den dicksten Sautreiber hier.

  6. klaus,

    ich gehe mal davon aus, du meinst das ironisch – sont müsste ich dich darauf hinweisen, daß es in deutschland eine bauchnabelguckerei gibt, die alles ausblendet, was „da draussen“ passiert.

    da draussen ist in diesem fall „le monde“. fremdsprachige zeitungen zu lesen gehört dummerweise nicht mehr zu den dingen, die ein deutscher journaillist so tut, dem reicht es schon, uns täglich die nachricht zu unterbreiten, wie gut es uns doch geht und überhaupt, daß wir froh sein können, in diesem wunderbaren land zu leben.

    zu blöd, es gibt eine aussenansicht auf deutschland. und jeder, der es verläßt – und sei es nur für einen job bei der eu – dem wird wie etwa stoiber und öttinger, schnell klar, was schief läuft. und zack verwandeln sie sich in europäer.

    die andere seite ist eben unsere. und da hat diese blöde k#j nichts besseres zu tun, als jean claude juncker wegzubeissen????

    ich denke, es gibt eine gute menge gründe, dem frieden nicht zu trauen, er ist langsam nur noch das produkt unserer selbstzufriedenen phantasie, geschürt von unqualifizierten journalisten, die nicht mehr ihren job machen sondern – hat greenwald wohl gestern gesagt – nur noch propaganda für die besitzenden.

    davon werden wir im spiegel auch nichts lesen …

    versteh‘ mich bitte nicht miß als apokalyptiker, so bin ich nicht drauf, aber ich bin auch nicht blind genug, den unterschied zwischen aussen- und innenansicht nicht mehr zu bemerken: hier wird (heute gerade von der csu) eine stimmung geschürt, die sich gegen das fremde, das nur an unseren geldbeutel will, richtet.

    das ergebnis von so was ist absehbar. aber, hey, das weisst du selbst so gut wie ich 😉

  7. ich finde übrigens, daß der user „frozen“ beim spiegel ganz gut ausdrückt, wie das durchschnittliche unterbelichtete ####loch da draussen die lage einschätzt. das greift um sich.

  8. Sagen wir’s kurz: Die Selbstzufriedenen wollen noch nicht aus ihrem toitschen Schlummer geweckt werden.

    Meine Überzeugung bleibt: Das politische Ziel muss der europäische Bundesstaat sein, mit allem Pipapo – da bin ich, wo nicht ‚Weltbürger‘, so doch ganz ‚Europabürger‘. Deswegen kotzt mich die Hetze auch so an, welche die CSU zur Zeit in Bayern (mal wieder) betreibt. ‚Nationale Souveränität‘ ist ein Konzept aus dem 20. Jahrhundert …

  9. hey, klaus,

    ich bin überzeugtester anhänger dessen, was ich schon immer (lange bevor der begriff letztes jahr mal plötzlich durch die medien flackerte) anhänger der „bundesrepublik europa“, deutsch französischer austauschschüler in den 70ern, ich denke, einen glühenderen europäer als mich wirst du (neben dir) kaum finden.

    ich weiss ja auch, daß die debatte, die gerade geführt wird, zu einiger verwirrung geführt hat, geht mir ja auch so: ich lese was und frage mich „wo steht der kerl eigentlich?“. da kannst du bei mir als einem, der wenn er durch luxembourg am denkmal für monet (an der mosel vor remich) vorbeifährt, aussteigt und blumen ablegt, ziemlich sicher sein, wo ich zu lokalisieren bin: ich mag deutschland so sehr, am liebsten hätte ich vier davon …

    ich befürchte auch nicht, daß dieses jahr ein krieg in europa ausbricht, aber ich bin wirklich nicht blind genug, die dummheit zu übersehen, mit der uns madame gerade an die wand fährt oder gar den chor unterbelichteter hirnis wie dieser beiden zeit-autoren zb., die auf den greenwaldschen hinweis, daß die presse nur der hofnarr der mächtigen ist, wie zwei rottweiler reagieren. wenn ich „deinen job“ machen müsste, käme ich zu gar nix mehr 😉

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