Stilstand

If your memory serves you well ...

Nutzen der Füllwörter

Wolf Schneider ist einer der größten Eiferer gegen jeden Einsatz von Füllwörtern. Nicht ohne Grund: Kehrte doch mit ihrem Einsatz Verpöntes in den ‚objektiven Qualitätsjournalismus‘ zurück: die Wertung, der Sarkasmus, die Ironie, manchmal gar der Humor. Betrachten wir zunächst den unnötigen Einsatz von Fürwörtern.

Auf geplante Steuerersenkungen musste Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“ – das wäre ein ganz normaler Schnarchsatz aus jeder provinziellen Redaktionsschmiede in Deutschland. Ein kleines ‚hinweisendes Fürwort‘ aber, eine Deixis, und schon zeigt der Finger auf den notorisch Erfolglosen: „Auf geplante Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten„. Eine sarkastische Note ist dadurch in den Text hineingeraten, nur deshalb, weil der Schreiber plötzlich fürwortgestützt mit dem Finger auf den Übeltäter zeigt, ihn sozusagen persönlich in die Verantwortung nimmt. Mit einem weiteren ‚besitzanzeigenden Fürwort‘ ließe sich ihm die Niederlage noch fester ans Bein binden: „Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten„.

Noch schlimmer wäre der Einsatz eines weiteren färbenden Füllworts namens ‚auch‘, dass den Vorgang in eine Reihe von vergleichbaren Niederlagen einbände: „Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch verzichten“ … die Nachricht über ein Faktum verwandelt sich prompt in den Abschluss einer mitgedachten polemischen Aufzählung. Richtig rund würde dies Verfahren durch ein zusätzliches ’noch‘: „Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch noch verzichten„. Jetzt ist der Gipfel erreicht, den Eisbecher krönt die Kirsche, dieses letzte Ereignis in einer ganzen Kette setzt dem Nichtskönner die Eselsmütze aufs Haupt.

Zwar wurde der Satz durch jedes dieser ‚Füllwörter‘ länger, aber er wurde dadurch eben nicht schlechter, allen journalistischen Ratgebern und Stiltröstern zum Trotz. Nur die ganz hartgesottenen FDP-Parteigänger fänden ihn wohl mit jedem Füllwort empörender. Selbst ’schwammigste‘ Worthülsen gewinnen in diesem wert(ungs)steigernden Füllwort-Verfahren ihren Sinn, oft sogar geradezu polemische Durchschlagskraft. Nehmen wir folgendes Faktum: „Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009„. Es genügt hier ein einziges Füllwort, das an die Girlande angehängt wird wie eine Narrenschelle, um die Ironie erblühen zu lassen: „Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009 irgendwie“ …

4 Kommentare

  1. „Und wo bleibt das Positive?“ Hier ist es endlich.

  2. In dem Zusammenhang fällt mir schon seit längerem auf, dass Irgendwieismus in zunehmendem Maße vom Lyriker unter den Sportmoderatoren – Béla Réthy – als Stilmittel eingesetzt wird.

  3. Das „dann“ hätte ich weggelassen: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni endgültig verzichten“. Klingt für mich „irgendwie“ noch endgültiger.

  4. Sprachkritik: Wolf ‚Emotionslos‘ Schneider.

    Mehr kann ich dazu nicht mehr schreiben.

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