Neulich abends spielten wir mal wieder Doppelkopf. Unsere Nachbarin war auch dabei. Hier ein Auszug aus dem Wortprotokoll:

Wir also los – bis zu diesem Outlet da – weißt, da draußen? – Lloyd Schuhe in Sulingen – ej, da war was los, alles voller Leute da, vor allem Vertreter, die suchten da möglichst vorab schon ausgelatschte Treter – höhö! – wir also kommen da an, war echt schwierig mit Parkplatz, nech — hast du auch Karlchen mitgezählt? Ja? — wir denn also rein, und da schnackt gleich so’ne Verkäuferin meinen Tim von der Seite an, so von hinten umme Ecke — Überhaupt wie steht’s? Führ’ ich noch? — Will bloß gucken, sagt Tim also zu der Ollen, war so’n älteres Semester, Bluse, Faltenrock, er wollt wirklich bloß gucken, aber die macht Service total, kam wohl gerade vom Lehrgang oder so, jedenfalls …

So in etwa – ohne Punkt und Komma – ginge es zu, wenn wir aufschreiben würden, wie wir sprechen. Wobei ich hier durch großzügig verteilte Satzzeichen Reste von Ordnung und Struktur zu erhalten versuchte. Am Tisch kam die Gestik dazu, dazu die Einwürfe der anderen.

Kurzum: Sobald wir in geselliger Runde einen Schwatz halten und nicht hinter einem Rednerpult stehen, dann sind wir bloß „am Sabbeln“. Tucholsky hat mit seinen Wendriner-Geschichten den großen Alltagssprech, das Vor-sich-hin-Monologisieren, das sich „Unterhaltung“ oder fachlich „verbale Kommunikation“ nennt, erfolgreich aufs Papier gebannt. Aber der Mann war schließlich Künstler, der durfte das. Wir andern aber, wir sollten bitte NIEMALS so schreiben wie wir sprechen.

Am Ende ginge es uns sonst so, wie dem bayrischen Ex-Ministerpräsidenten, dessen sinnfreie verbale Ergüsse längst Kultstatus genießen: „Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug zehn Minuten schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an wenn Sie in Heathrow in London oder sonst wo meine Charles de Gaulle in äh Frankreich oder in Rom wenn Sie sich mal die Entfernungen ansehen …“ Wir zeigen an dieser Stelle Erbarmen und unterbrechen unhöflicherweise den älteren Herrn und seine wildwuchernde Tirade.

Mit der populären Forderung, dass wir so schreiben sollen, wie wir sprechen, ist also etwas anderes gemeint. Die Menschen möchten, dass wir ihnen verständlich bleiben, sie möchten keine Gedankenakrobatik nachvollziehen müssen, keinesfalls staunend verbale Kunstflugfiguren hoch oben am Geisteshimmel verfolgen. Um dem Wunsch zu entsprechen, sollten wir vor allem nahe an ihrer Alltagserfahrung bleiben, nur Bilder aus dieser Welt verwenden und die Abstrakta und Fachwörter jener Welt meiden. Wobei mit diesen Fremdwörtern keineswegs nur Exoten und professorale Raritäten wie „chthonisch“ oder „Heuristik“ gemeint sind. Es geht auch schon um jene Wörter, die zwar ebenfalls aus der Wissenschaft kommen, längst aber als gute Arbeitspferde im Dienste der PR und anderer Pseudo-Wissenschaften stehen und uns den Alltag mit ihrer Unanschaulichkeit versauen. Zum Beispiel: „Information“, „Prozess“, „Problem“, „Kommunikation“, „Energie“, „Struktur“, „Strategie“, „Ressource“, „Konsum“, „Produktion“ usw.

Alle diese Wörter haben in der Wissenschaft durchaus ihre Bedeutung und ihre Berechtigung, dort sollen die Eierköpfe sie auf ihren Kongressen in Gottes Namen verwenden. Sobald diese Exoten aber in unseren Alltag einwandern, dann erzeugen sie eine Art „kommunikativen Diskomforts“, um auch mal ansatzweise so zu formulieren. Bei uns am Küchentisch sagten wir: „Darüber müssen wir mit euch unbedingt reden“ – und nicht: „Wir wollten mit Ihnen zeitnah in Kommunikation darüber treten“. Wir sagen, „die Angelegenheit ist falsch aufgebaut“ – und nicht „die Struktur der Planung erscheint im Ansatz fehlerhaft“. Ich jedenfalls würde jeden, der in meinem Privatleben so daherschwätzt, umstandslos von der Liste der Freunde streichen.

Fazit: Wir sollten daher „idiomatisch“ reden und schreiben, immer ganz nahe am Sprachgebrauch des Alltags. Wie das nun wieder geht, weshalb manche sich sogar eine „Idiomatik“ dafür kaufen, darüber irgendwann mal mehr …