Stilstand

If your memory serves you well ...

Neuer Spitzname

In den sozialen Netzwerken, vor allem im osteuropäischen und baltischen Raum, hat sich für Angela Merkel der Spitzname ‚Frau von Ribbentrop‘ eingebürgert, in Anspielung auf Hitlers Außenminister, der damals den Hitler-Stalin-Pakt einfädelte:

„As reported by our media, German Chancellor Angela Merkel is more often referred to as “Frau [von] Ribbentrop” in social networks because of her rather strange position on Russia’s aggression against Ukraine and unhealthy sympathy for Putin. … Our western neighbors remember how in 1939, Berlin and Moscow took long-suffering Poland to pieces. In 2014, history repeats itself in the case of Ukraine.“

Jaja, bloß keine Sanktionen wagen, das schadet doch der deutschen Wirtschaft … und wenn sogar ‚Forbes‘ das jetzt sagt:

„Merkel regrettably has taken to serving as Putin’s useful fool with her incessant demands for a peace settlement with separatist leaders before Ukraine, supposedly, lunges out of control. Putin has lobbied hard to stop Ukraine’s Anti-Terrorist Operation. He seems to have found an ally in Merkel.“

Das amerikanische Außenministerium hat übrigens weitaus weniger Hemmungen, die Dinge beim Namen zu nennen, insbesondere den tiefen ‚Gap‘ zwischen Worten und Taten. Sie hätten auch schreiben können, Putin lüge, dass sich die Balken biegen, aber das wäre wohl nicht sehr diplomatisch gewesen:

„While Russia says it seeks peace, its actions do not match its rhetoric. We have no evidence that Russia’s support for the separatists has ceased. In fact, we assess that Russia continues to provide them with heavy weapons, other military equipment and financing, and continues to allow militants to enter Ukraine freely. Russia denies this, just as it denied its forces were involved in Crimea — until after the fact. Russia has refused to call for the separatists to lay down their arms, and continues to mass its troops along the Ukrainian border. Many self-proclaimed “leaders” of the separatists hail from Russia and have ties to the Russian government.“

Und dann folgt die ‚list of evidence‘ … die Dinge stehen nach meiner Einschätzung derzeit Spitz auf Knopf: Hält sich Russland zurück, dann ist es mit der Rebellenherrlichkeit binnen Tagen vorbei, für die Bandidos gibt’s aktuell nur noch Aua an allen Fronten, während die Bevölkerung den ‚Befreiern‘ längst auf die Stiefel rotzt, da mag ‚Russia Today‘ noch so sehr mit Tartarenmeldungen von gekreuzigten kleinen Jungs um sich schleudern wie einst der ‚Stürmer’*. Marschiert Russland offen ein, dann bekämen wir hingegen den absoluten ‚Mayhem‘.

‚Mögest du in interessanten Zeiten leben‘, lautet ein alter chinesischer Fluch … und machmal denke ich, ‚Russia Today‘ ist nur eine verkappte psychiatrische Anstalt:
https://www.youtube. com/watch?v=C6UyBrMoSBA#t=59
(Leerstelle zwischen Punkt und com entfernen, weil ich den Scheiß nicht im Bild auf diesem Blog haben will …)

* Näheres hier

19 Kommentare

  1. „Es ist gefährlich, einen Abgrund in zwei Sätzen zu überqueren.“ — Alte chinesische Weisheit* (@ Hardys „Pausentaste“).

    * Ist genauso legit wie die „interessanten Zeiten“, die in China keiner als originär chinesisch kennt und die auf einen US-Schriftsteller zurückgehen sollen. Hab auf die Schnelle keine Quelle, könnte in einem WDR-Feature gewesen sein.

  2. Naja, bei Sprichwörtern den Ursprung feststellen zu wollen, gleicht der Aufgabe, eine Stecknadel im Heuhaufen zu suchen. Gut ist der Spruch trotzdem …

    😉

  3. Jetzt hab doch in Neugier investiert.

    Interessante Zeiten: http://books.google.de/books?id=d6JZryGvfxYC&pg=PA100&dq=chinese+curse+interesting+times&hl=de&sa=X#v=onepage&q=chinese%20curse%20interesting%20times&f=false

    Abgrund: „The World According to Twitter“, 2009, Antwort auf einen Aufruf von David Pogue.

  4. Zum Verhalten der deutschen Regierung gegenüber der Ukraine paßt diese Geschichte aus dem alten China:

    Der Fisch auf dem Lande

    Die Familie Dschuang Dschou’s war arm. Darum ging er hin, um Getreide zu entlehnen beim Aufseher des Flusses.

    Der Aufseher des Flusses sprach: »Ja. Ich werde jetzt bald Steuergelder bekommen, dann will ich Euch dreihundert Lot Silber leihen. Ist Euch das recht?«

    Da stieg dem Dschuang Dschou der Ärger ins Gesicht, und er sprach: »Als ich gestern hierher kam, da rief mich jemand mitten auf der Straße an. Ich blickte mich um, da sah ich eine Grundel in einem Wagengeleise liegen. Ich fragte sie und sprach: ›Ei, sieh da, eine Grundel! Was macht Ihr denn da?‹ Der Fisch antwortete: ›Ich bin der Wellenfürst des Ostmeeres. Herr, habt Ihr nicht einen Eimer Wasser, um mich am Leben zu erhalten?‹ Ich sprach: ›Ja, ich will nach Süden gehen, um die Könige des Südlandes zu besuchen, dann will ich vom Wasser des Weststromes schöpfen und es Euch darbringen. Ist es Euch recht?‹ Der Grundel stieg der Ärger ins Gesicht, und sie sprach: ›Ich habe mein Element verloren und weiß mir nicht zu helfen. Wenn ich einen Eimer Wasser bekäme, so bliebe ich am Leben. Aber ehe Ihr Euer Anerbieten ausgeführt habt, Herr, könnt Ihr längst in einer Fischhandlung, wo es getrocknete Fische gibt, nach mir suchen.‹«

    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Zhuang+Zi+%28Dschuang+Dsi%29/Das+wahre+Buch+vom+s%C3%BCdlichen+Bl%C3%BCtenland/3.+Verschiedenes/Buch+XXVI/2.+Der+Fisch+auf+dem+Lande

  5. Warum handelt Europa so?
    „Der Lehm-Buddha überquert den Fluss und kann sich selbst kaum schützen.“ ( 泥菩萨过江 — 自身难保。) -?
    „Der Edle bewegt den Mund, nicht die Hände.“ ( 君子动口,不动手。) -?
    „Faules Holz kann man nicht schnitzen.“ ( 朽木不可雕。) -?

  6. also, freunde im herrn, ich kann da einiges nicht so ganz teilen oder sehe es andres als ihr. für mich ist die tatsache, daß europa nun mal keine marschkapelle ist, die fröhlich stampfend in einen konflikt zieht, kein manko sondern ein feature.

    es wäre nichts gewonnen, eher alles verloren, wenn es so wäre.

    wer dieses seltsame interview mit dugin im spiegel (gedruckt) gelesen hat, ist villeicht auch über dei stelle gestolpert, in der dugin putin einen schizophrenen nennt, einen der zwei gesichter hat, eine tag- und ein nacht-gesicht.

    da sollte man sich vor augen halten, wenn man die europäer, vor allem die deutschen dabei beobachtet, wenn sie mit putin umgehen: „wir“ wollen den einfach nicht „verloren geben“, wir wissen, er ist ein verbrecher, aber unserer und wir haben mehr angst vor dem, was hinterher kommt als vor diesem würstchen.

    ich will die kanzleröse nicht in schutz nehmen, versteht mich da nicht fasch, aber, naja, hitler oder ribbentrop, da ist ja dann mal ein bißchen hin zu solchen vergleichen und wenn „die“ (was nicht so ist, unterstelle ich mal) ukrainer jetzt ihre f#c#kbook seite mit so was vollschmieren (warum sollen das keine nashibots sein, schon mal so auf die sache geguckt?), dann ist das dämlich. oder eben eine bewusste provokation.

    aber, vielen lieben dank für eure chinesischen sinnsprüche und geschichten. ich werde mir so was ja in absehbarer zeit persönlich anhören können. 😉

  7. @Hardy: „Nicht weinen, bis man den Sarg sieht“ (不见棺材不下泪). Denn „Arrogante Soldaten verlieren sicher.“( 骄兵必败) 😉

  8. @ hardy: Die Sache mit der Schizophrenie sehe ich sogar ähnlich wie Dugin, nur eben genau andersherum: Was bei ihm die Sonnenseite ist, ist bei mir die Mondseite. Dass dieser wirre Großfürst im Reiche der Philosophie dann von einem ‚lunaren Putin‘ sprach, gefiel mir nach dieser Verkehrung, weil’s so schön nach dem amerikanischen ‚lunatic‘ klingt …

    Nebenbei: Der Konflikt wäre längst vorbei, wenn die Sanktionen früher, entschiedener und deftiger ausgefallen wären. Das ist meine Meinung, tief im spekulativen Raum. Dass hinter Angie der BDI steht, ist mir dabei auch klar. Aber der Ribbentrop war ja auch nur ein kleiner Sektkellner, hinter dem ganz andere Leute standen …

    Sollte die Ukraine jetzt ‚russische Methoden‘ kopieren, dann kann ich das einerseits verstehen (‚when in info-war, do as the info-warriors do‘), andererseits ist es schade, denn die Stärke des Landes war bisher eine Informationspolitik, die verhältnismäßig rational, nachvollziehbar und faktengestützt ablief.

  9. Sollte die Ukraine jetzt ‘russische Methoden’ kopieren, dann kann ich das einerseits verstehen (‘when in info-war, do as the info-warriors do’), andererseits ist es schade, denn die Stärke des Landes war bisher eine Informationspolitik, die verhältnismäßig rational, nachvollziehbar und faktengestützt ablief.

    Beiträge, die sich auf #DankeFrauRibbentrop, „Slava Ukraini“ und „Putin khujlo“ beschränken, kann man bequem automatisch in Facebook und Twitter abkippen: Einfach per Crawler tausende Identitäten abgreifen, dann irgendein zusammenhangloses Geschrei, bestehend aus diesen Losungen und irgendwelcher unter heavy rotation ausgeleierten Ideologeme, unter Frau Merkels Auftritt auskippen. Fertig! Da braucht man auch keine Trollhöhle in Olgonkino. Diese Trolle diskutieren wenigstens noch herum wie derzeit auf Heise. Die Feindschaft der pro-russischen Truppen hatte aber wenigstens europäisches Niveau, d.h. besteht aus gepflegtem Macchiavellismus und nicht aus Minderwertigkeitskomplex wie die der Ukrainer.

  10. Nebenbei: Der Konflikt wäre längst vorbei, wenn die Sanktionen früher, entschiedener und deftiger ausgefallen wären. Das ist meine Meinung, tief im spekulativen Raum. Dass hinter Angie der BDI steht, ist mir dabei auch klar. Aber der Ribbentrop war ja auch nur ein kleiner Sektkellner, hinter dem ganz andere Leute standen

    Ja, über solche Sanktionen werden sich Ukrainer bestimmt freuen, wenn ihre auf Rußland ausgerichtete Wirtschaft von einem Tag auf den anderen einstürzt. In der Ukraine befinden sich auch zahlreiche Zulieferer der russischen Waffenindustrie, die mit Sicherheit von Sanktionen betroffen wären.

  11. Die Zukunft der Menschheit sei multipolar, sagt Putin. Das bedeutet gepflegter Macchiavellismus. Feindschaft in einer multipolaren Welt sieht etwa so aus, oder so.

  12. Dass hinter Angie der BDI steht, ist mir dabei auch klar…

    Wieso auch sollten die heutigen Industriebosse schlauer sein als ihre Pendants im Großbritannien der 1930er Jahre?

    http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCsseldorfer_Abkommen_%281939%29

    „Den Teufel spürt das neoliberale Völkchen nie / Und wenn er sie beim Kragen hätte…“

  13. @ georgi: Inzwischen gibt es erste Stimmen, die auch bei der ‚Ribbentrop-Schwemme‘ eher von einem Fake der altbekannten Seite ausgehen, um im Vorfeld der Sanktionsbeschlüsse einige Keile zu treiben … mir wäre es lieb, wenn sich das so bestätigen würde.

    Ob die Ukraine in absehbarer Zeit noch auf wesentliche Zulieferungen gen Russland hoffen darf, bezweifle ich stark. Egal, wie der Konflikt ausgeht …

    @ sol1: Wirtschaftliche Interessen machen blind für andere Interessen, das ist die Crux.

  14. @klaus

    bei lunatic höre ich halt immer kevin coyne in meinem kopf 😉

    https://www.youtube.com/watch?v=KKVAUxffLX4

    und ich bin natürlich kein bißchen überrascht, daß du das anders siehst als dugin, dessen kleine huserl referenz fand ich „süß“, seinen verweis auf chamberlain (huston, nicht neville) natürlich alles erklärend.

    dieser dreck schwappt einfach immer aus den kloaken, wenn diese art von pseudophilo über das „große ganze“ „nachdenkt“. und dann auch noch haushofer, wie nett, wir wissen, wer im salon des herren haushofer herumhockte und sich das von chamberlain induzierte geschwafel anhören musste.

    ein abgrund, keine frage, klaus, da must du mich nicht lang und breit überzeugen, wie du das verstehst …

    @georgi

    contenance und nachdenkliches vorgehen sind das schlechteste nicht. natürlich muss man dann immer mit den konsequenzen leben. in sachen merkel, die für mich die „kanzleröse“, die „regentin“ und die „totengräberin eines solidarischen europa“ ist, behalte ich natürlich im auge, daß die nachwelt das alles ganz anders sehen könnte, ihr attestiert, daß gerade das vorsichtige taktieren weit schlimmeres verhindert hat.

    es ist immer so das problem, daß man als zeitgenosse zeitgenössische vorstellungen und zu wenig phantasie für die alternativen hat. bei aller merkelverachtung schiele ich auch immer ein bißchen auf die dinge, die ich lieber nicht denken möchte, aber denken muss 😉

    auf der anderen seite: wenn dieser druck zu handeln, also die forderung nach härteren wirtschaftlichen sanktionen, nicht existieren würde, würde sich ja auch niemand genötigt fühlen.

    beides gehört also zusammen, das eine geht nicht ohne das andere. es ist halt alles immer eine frage der „ausführung“ und da bin ich persönlich für ein vorsichtiges „taktieren“ gar nicht mal sooo unempfänglich.

    „ah, finstere zeiten, in denen ein kluger mann sich gezwungen sieht, sich einander widersprechende dinge zu denken“, wie ein mönch in einem buch mal bemerkte.

  15. @ hardy: Ach ja, der Houston Steward und seine ‚Grundlagen‘. Der Antisemitenführer lag da bei der Winifred auf seinem Canapée und mimte den Großdenker – und der kleine Hitler wurde dann nach langem Beschnüffeln zum großen Meister vorgelassen und erhielt dort erst sein Testat als wahrer ‚Jung-Siegfried des deutschen Volkes‘, woraufhin plötzlich das Geld floss. Ohne den Wagner-Clan wäre aus dem Braunauer nie etwas geworden. Nachzulesen in ‚Wagners Hitler‘, für ein paar Cent auf jedem Grabbeltisch. Empfehlenswerte Lektüre … auch wenn das wagnertreue Kommentariat natürlich ganz anderer Ansicht ist. Dabei geht es dort doch weniger um Wagner, sondern um dessen obskure Nachlassverwalterinnen. Da gibt es eine lange Reihe – von Elisabeth Förster-Nietzsche bis hin zur Seebacher-Brandt. Bei Kohl deutet sich jetzt etwas ähnliches an …

  16. …dessen kleine huserl referenz fand ich “süß”…

    Wenigstens eine Hochstapelei mit Stil.

    „Unsere“ rechte Leitfigur Akif Pirinçci hat höchstwahrscheinlich keine Ahnung, wer Edmund Husserl und Johann Gottfried Herder sind.

  17. ich zitiere mal aus meinem ominösen thule-referat von 1986: „Durch die offene Tür sah man, wie er auf dem schmalen Gang die Gastgeberin fast unterwürfig höflich begrüßte, wie er Reitpeitsche, Velourhut und Trenchcoat ablegte, schließlich einen Gürtel mit Revolver abschnallte …“ , ein Geck, in seinem „blauen Anzug … violette(m) Hemd, braune(n) Weste und knallrote(r) Kravatte … eine Ausbuchtung in der Hüftgegend“ ein Hanswurst, der zum allgemeinen Entsetzen aller Zucker in den Wein tat.

    ach ja, die hatten schon immer kultur, die in den salons, in denen geschichte gemacht wird 😉

  18. @ sol1: Pirincci, wie er die ‚Briefe zur Beförderung der Humanität‘ liest? Du willst mir wohl das Hirn ausrenken …

  19. @sol1

    ich glaube, da wollte er halt den bildungsbürger durchblitzen lassen, pure anbiederei ohne inhaltlichen wert.

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