Stilstand

If your memory serves you well ...

Neue Wörter sind Alltag

Manche Zeitgenossen machen um neue Wörter viel Gewese. So hat der Kollege Detlef Guertler ein eigenes Blog dem Phänomen der Neologismen gewidmet – die Wortistik. Dabei spuckt doch die Sprache wie ein Vulkan ständig Neubildungen aus, zumindest dann, wenn man an den richtigen Stellen nachschaut, dort, wo die Kruste des Sprachgebrauchs dünn ist und die Magma des Neusprachlichen unbehindert an die Oberfläche treten kann. Die Rede ist natürlich von der Literatur. Ich habe mir einfach einmal einen Band Matthias Beltz aus dem Regal gegriffen [M.B.: Gut. Gesammelte Untertreibungen, Bd. I, 2004] und ihn an einer beliebigen Stelle aufgeklappt. Es war die Seite 78. Dort fand ich die folgenden Neubürger der Sprache:

1. Haßreklame
[„Statt zu hassen, macht er öffentlich-widerrechtliche Haßreklame“.]
2. vandalieren
[„Ob Fußballfans nach Spielschluß durch die Stadt vandalierten, überall sei Haßanwendung festzustellen.“]
3. Schmunzeldienst
[„Nicht das Kabarett, das politischen Parteien und Bewegungen Schmunzeldienste leistet …“]
4. Knallchargerei
[„Die Komödie des kommunistischen Klassenhasses, der heute nur noch banalste, schauerlichste Schmiere ist, Knallchargerei einer untoten Kultur …“]

Vier Neuwörter allein auf einer Seite – ich finde diesen Befund recht beachtlich. Noch erstaunlicher finde ich es, dass unser aller Denkapparat so eingerichtet ist, dass wir unmittelbar und ohne Erläuterung solche Neuprägungen auch verstehen. Nicht eines dieser Wörter überfordert uns – im Gegenteil: Sie wecken uns auf, amüsieren uns und fesseln unsere Aufmerksamkeit.

Dass also Neologismen allgegenwärtig sind, das kann – so sehe ich das – nur Journalisten wirklich erstaunen. Denn dort herrscht das große Dogma, wonach der Schreiber den Leser nicht überfordern dürfe, da sitzt der Redakteur mit der Schere im Kopf, der alles beschneidet, was ihm noch nie unterkam, dort wird ausschließlich auf das Bewährte zurückgegriffen, dort tanzen die Stanzen ihren Ringelreihen. Was aber gewonnen ist, wenn der Leser nicht überfordert wird, sondern permanent unterfordert, was also erstrebenswert daran sein soll, wenn er uns bei der Zeitungslektüre einschläft, das habe ich bis heute nicht begriffen …

6 Kommentare

  1. Wolfgang Hömig-Groß

    26. Juni 2009 at 17:00

    Es gibt schon eine Sorte Überforderung, die ich als Leser – speziell bei Journalisten – nicht leiden kann: Wenn nämlich der Journalist mir die Denkarbeit aufdrücken will, anstatt sie selbst zu leisten – im Sinne strukturierter und verständlicher Auf-, Ab- und sonstiger Sätze. Das ist natürlich weniger eine Frage verständlicher Wörter als verständlicher Konstruktion und durchdrungener Materie.

  2. Ich erinnere mich (aber nicht gern) an eine Chefredakteurin, die sogar Wörter wie „selbstironisch“ oder „abmoderieren“ strich und zum Wort „rationalistisch“ nur meinte, das gäbe es nicht (auch wenn es im Duden steht). Sie hatte übrigens Germanistik auf Lehramt studiert – ein Glück für die Schüler, dass sie nie Deutschlehrerin wurde …

  3. Hast recht – ich sollte auch mal anhand konkreter Beispiele über den Hang gewisser Journalisten-Eulen schreiben, dem arglosen Leser unverdaute Haufen ausgewürgten Wortgewölls auf den Lektüreweg zu rotzen.

  4. @ MartinM: Sie hat deine Texte eben fürsorglich ‚abmutteriert‘ …

    😉

  5. Vielleicht sollte man verschiedene Neologismen unterscheiden. Neue Komposita sind ja fast schon keine Neologismen mehr, weil sie eben ad hoc gebildet werden können, wie im Beispiel der Hassreklame. Beim Vandalieren handelt es sich um eine Derivation, also auch hier ein natürlicher ad hoc-Prozess. Eben diese Selbstverständlichkeit wird uns schmerzlich bewusst, wenn engstirnige Mitmenschen wie z.B. GEZ-Anwälte einem daraus einen Strick drehen wollen. Wir erinnern uns (vielleicht): http://www.drni.de/blog/archives/347-Kommentar-zu-GEZ-Neologismen-und-das-Ende-einer-Abmahnung.html

    Was „abmoderieren“ angeht, so ist eine Präfigierung mit „ab“ schon weniger durchschaubar… abgelesen, abgeleckt, abgefrühstückt, abgefuckt… immer scheint es etwas anderes zu bedeuten.

  6. Wenn Rechtsanwälte noch eine Latte kriegen, dann klingt das tatsächlich wohl oft so: „“ … Hierzu zählt zunächst die Nutzung nicht existenter Begriffe, die offenbar nur dazu dient, ein negatives Image der [XYZ] hervorzurufen. …«. Rechtsanwalt *kurvekratz*

    Blanke Imagination – ich meine. Lass sie den Schmarrn doch bloß mal ‚beweisen‘, dann ist Stottern unausweichlich …

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