Stilstand

If your memory serves you well ...

Nagelprobe

Gerade die ‚eingerosteten Metaphern‘ sind tückisch. So hat die bei Politikern beliebte Nagelprobe ihren Ursprung in altdeutschen Saufsitten: Ein Trinkgefäß galt nur dann als befriedigend gelehrt, wenn das ausgetrunkene Glas beim Umdrehen nicht mehr Restflüssigkeit herausrinnen ließ, als auf einem daruntergehaltenen Daumennagel Platz fand.

Wenn unser oberster Gewerkschaftsführer jetzt verkündet: „2010 wird zur Nagelprobe für den Sozialstaat“, dann geht er also davon aus, dass der Becher mit den Sozialmilliarden bereits nahezu restlos ausgesoffen sei – von wem auch immer – und dass die anstehenden Verteilungskämpfe sich allenfalls noch um ein paar tröpfelnde Restmilliönchen drehen könnten.

Da ich kaum glaube, dass der Herr Sommer diese illustrativ zwingende Bildwirkung beabsichtigt hat, können wir zu seiner Rechtfertigung einzig und allein den folgenden Schluss ziehen: Das Wortbild von der Nagelprobe ist im allgemeinen Sprachgebrauch bereits derart ausgeschlürft und von jeder Anschaulichkeit entleert, dass eine Nagelprobe ‚aufs Leben im Wort‘ auf jedem Babydaumennagel Platz fände. Dafür spricht auch die weitere Auslassung des Herrn, die mit der Sache in keiner anschaulich gearteten Bildwirkung mehr steht: „[2010] wird die Nagelprobe, ob dieser Sozialstaat trägt“. Um im Bild zu bleiben: Ein blauer Daumennagel wäre wohl die mindeste Folge, vor allem dann, wenn dieser schlimme Finger den gesamten Sozialstaat tragen soll.

Kurzum: Das Reden politischer Funktionäre ist abschaulich – und nicht anschaulich. Vielleicht liegt hier das Geheimnis ihrer mangelnden Wirkung …

2 Kommentare

  1. Ich wundere mich ja immer wieder darüber, weshalb so viele Menschen – unabhängig, ob sie in der Öffentlichkeit stehen oder nicht – mit Metaphern und Fremdwörtern um sich werfen, wenn sie offensichtlich keine Ahnung haben, was sie bedeuten. Die Zuhörer nehmen es hin und übernehmen den Quark der Redner – stilistisch und inhaltlich [ein Wort, das ich hier im weitesten Sinne benutze].

    Viel mehr der besser wissenden sollten karl-krausen, wir haben es bitter nötig.

  2. Sie reden vor allem in Bildern daher, die mit der heutigen Zeit in keinerlei Zusammenhang mehr stehen: Jemand war ‚der Steigbügelhalter‘ von irgendwem, er hat ’nur leeres Stroh gedroschen‘, besitzt ‚Geld wie Heu‘, will ‚tiefer pflügen‘ oder ‚er muss die Pferde zur Tränke führen‘, bevor ‚das Kind in den Brunnen fällt‘ … usw. usf.

    Diese ganze Bildwelt ist vorindustriell, soll aber auf unsere moderne Welt Anwendung finden. Erfindet endlich neue Bilder!

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