Stilstand

If your memory serves you well ...

Mutanten

Die Wörter unserer Sprache sind keine Informationsbehälter, sondern immer nur Auslöser oder ‚Trigger‘, die auf vorgefertigte Konstruktionen oder ‚Sprachwelten‘ in den Köpfen anderer Leute treffen, um dort dann dies oder das zu bewirken, je nach existierender Schablone. Sehr schön lässt sich das derzeit wieder im SpOn-Forum beobachten, inzwischen ein Ort des kommunikativen Grauens, wo alle Anti-Imperialisten und Verschwörungstheoretiker dieser Republik ihre Trutzburg errichtet haben. Circa hundert Männeken tummeln sich also da.

Hier der faktische Kern, um den es im Folgenden geht: Luis Moreno-Ocampo, der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag hat Muammar Al-Gaddafi „Anstiftung zu Massenvergewaltigungen“ vorgeworfen – und der ‚Spiegel‘ hat von diesem Vorwurf berichtet.

Was aber richtet eine solche Meldung jetzt im Kopf eines Menschen an, bei dem diese Fakten den üblichen ‚Da-nicht-sein-kann-was-nicht-sein-darf-Reflex‘ des gemeinen Verschwörungs-theoretikers auslösen? Nun – er vertauscht zunächst einmal ratzfatz den Absender: „Das ist geradezu armseelig von der Nato, was da behauptet wird.“ Zappzerapp – statt des Internationalen Strafgerichtshofs hat auf einmal die NATO diesen Vorwurf erhoben. Da stimmt das Feindbild wieder, da trötet die Trompete wieder, tätätä! – kurzfristig ausgerenkte Synapsen haben die gewohnte ideologische Abwehrstellung wieder eingenommen, alles scheint nach diesem mentalen Taschenspielertrick wieder klar.

Danach wird gleich mal die Faktenbasis angezweifelt. Obwohl Strafgerichtshof wie Chefankläger wohl kaum von Massenvergewaltigungen schwätzen dürften, wenn ihnen die eigenen Aussagen gleich wieder um die Ohren gehauen würden, obwohl also wohl ein starker Anfangsverdacht besteht, wird jetzt die Glaubwürdigkeit der Quelle bezweifelt, man müsse erst einmal ‚wahre Zeugnisse‘ abwarten, die wohl am besten aus irgendeiner Anarcho-Postille stammen sollten: „Massenvernichtungswaffen“, „Massenvergewaltigungen“, „Massenpotenzmittel“, die Propaganda lässt nichts unversucht, um einen illegalen Krieg zu legitimieren. Wie wäre es mit „Gaddafi soll massenhaft kleine Kinder zum Frühstück fressen!“ Ich würde gerne mehr hören, wenn die Erkenntnisse gesichert sind.“ Bleibt die Frage, wann sie gesichert wären? Wenn auch das libysche Staatsfernsehen darüber berichtet?

Die Stärke des Vorwurfs wird daraufhin als Schwäche gedeutet: „Außer den üblichen Massenvergewaltigungen haben die Ankläger nichts publicity-trächtiges vorzuweisen? Gaddafi frißt keine kleinen Kinder zum Frühstück, frönt nicht der Sodomie und erzählt auch keine Judenwitze? Ganz schwach, dieser Chefankläger. An der Öffentlichkeitsarbeit seiner Behörde muss er noch arbeiten.“ Der unabhängige Internationale Strafgerichtshof ist als reine Propagandaschmiede ausgemalt worden, Teil einer Volksverdummungsindustrie, natürlich im Dienste von NATO und Ölinteressen …

Denn jetzt betritt das stärkste Argument aller Verschwörungstheoretiker die Bühne – das ‚Cui bono‘ oder ‚Wem nützt es‘. Libyen hat Öl, schon scheint ihnen alles klar – es sind die Ölinteressen des Westens, obwohl doch faktisch die Ölanlagen des Westens von Konzernen stammten, die auch unter Gaddafi längst überall ihre Bohrtürme in die Wüste gepflanzt hatten, Anlagen, die zudem – neben den Menschen – am meisten unter diesem Krieg leiden: „„Es geht erstens um das libysche Öl und zweitens um die Pläne Gaddafis, eine afrikanische Goldwährung einzuführen.“ Aha! Soso! Hmmhmm! Ein Masterplan des genialen Führers musste verhindert werden, da kann man doch mal sehen …!

Am Ende steht dann immer die große allgemeine Medienverschwörung, zu der dann auch der Spiegel gezählt wird, obwohl sich unsere Quartalsirren hier beim Spiegel doch lang und breit und schlapp ausmären dürfen: „„Mir schwillt schon wieder der Kamm bei einer derart unreflektierten medialen Staatsterror-Propaganda. Warum sind deutsche Medien mit einem derart arroganten Auftreten wie vor allem DER SPIEGEL nicht in der Lage, den für sich propagierten Anspruch eines ethisch wertvollen Informationsjournalismus nachzukommen?“. Aha – der deutsche Staat, der an dem Libyen-Krieg bekanntlich gar nicht teilnimmt, der macht also trotzdem Staatsterrorpropaganda für einen Libyen-Krieg, den er nicht führt? Ischa interessant, was Sie da faseln …

Im Kern geht es bei dieser Parade der Blödköppe aber immer darum, dass ihre gewohnten Konstruktionen und Denkfiguren niemals aus dem Tritt geraten dürfen. Sie haben gar kein Mitleid mit dem libyschen Volk, sondern Selbstmitleid mit ihren lädierten Denkstrukturen. Und ändern können sie sich nicht. Also wird mit hanebüchenen Argumenten alles abgewehrt, was nicht zu ihrem Hirn passt, Und das ist so allerhand …

4 Kommentare

  1. Peter Pepicek

    10. Juni 2011 at 10:20

    Bravo, endlich wird einmal mit den Verschwörungstheoretikern aufgeräumt, „stilstands“ brillanter Blogartikel trifft diese Blödköppe tödlich ins Mark. Denn wir klugen und durch Gesellschaftskunde – oder wie diese schönen Schulfächer auch überall sonst heißen mögen – gebildeten Bundesbürger wissen natürlich bis ans Ende unserer Tage: Verschwörungen gibt es nicht, gab es nicht und wird es auch nie geben. Denn wir leben in einem wahrhaften Rechtsstaat und sind weltweit von rechtsstaatlichen Institutionen wie dem Internationalen Strafgerichtshof, der NATO, der CIA und einigen hundert anderen ähnlichen Organisationen umgeben, was uns ständig die Gewissheit gibt: Im christlichen Abendland geht alles wohlgesittet, rechtlich einwandfrei und vor allem transparent zu.

    Daran glaube ich unerschütterlich und ich schwöre, ich habe niemals irgendeinen unabhängigen Bericht über die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshof, z.B über den Milosevic-Prozess gelesen, habe nie auch nur irgendeine Erinnerung der ehemaligen Chefanklägerin Carla del Ponte zur Kenntnis genommen, so dass es für mich klar ist und klar bleibt, die Rechtsstaatlichkeit dieses Gerichtes ist eine klare Größe, an der man nicht zweifeln darf. Und dass sich die Hochburg der Demokratie, die USA, was sie selbst betrifft, vollständig aus dem Wirkungsbereich des Internationalen Strafgerichtshofs heraus halten – auch dies kann mich nicht eines schlechteren belehren, etwa zu behaupten dass diese ehrbare Gericht eine politische Einrichtung sei.
    Da ist z.B. doch die nicht anzweifelbare Faktenbasis. Dass dieser Fiesling Gaddafi Massenvergewaltigungen anordnet und dass seine Schergen zur Ihrer Befähigung dazu sogar Viagra zugeteilt bekommen das ist so was von plausibel, da muss man sich nur mal diesen Mann anschauen, da weiß man doch sofort, was Sache ist. Und nebenbei: Ich glaube immer noch, dass Saddam Hussein im Irak Millionen von Massenvernichtungswaffen versteckt hat, die sicher demnächst doch noch aufgefunden werden. Denn Herr Powell würde ja nicht vor aller Weltöffentlichkeit davon schwätzen, wenn ihm die eigenen Aussagen gleich wieder um die Ohren gehauen werden könnten.
    Und so lebe ich weiter in meiner kleinen Welt: Es ist alles gut, außer dem, was böse ist. Aber da bin ich zum Glück von jeder Menge rechtsstaatlicher Organisationen umgeben, die das Böse wegbomben oder wegprozessieren. Lieb’ Vaterland magst ruhig sein, ich jedenfalls bin’s …

  2. Schön, dass es auch noch vernünftige Leute gibt!

    😉

  3. Moinmoin!

    SpOn scheint also die politische Alternative zu den heise-Foren zu sein, in denen sich der Kaffesatz der IT-Landschaft Nichtigkeiten um die Ohren haut. Reflektion, Toleranz, Auch-mal-selber-denken ist ja so oft optional. Sturgeon, der mit der revelation ( http://en.wikipedia.org/wiki/Sturgeon's_Law ) hat’s wie so oft richtig getroffen.

    Was mich nun überrascht ist das quid pro quo. Wo ich recht gebe, daß die „Diskussionen“ auf SpOn mich eher zum Bangen und Koppschütteln bringen, als zum lesen, liest sich der Artikel hier (samt Antwort oben), doch eher wie ein „mit eigenen Mitteln schlagen“ — polemisiert wird hier doch auch.

    »„stilstands“ brillanter Blogartikel trifft diese Blödköppe« eben nicht »tödlich ins Mark«. Wie werden die Sponner denn reagieren, außer mit Schaum vor’m Maul? Ich habe mich über den Artikel hier sehr gefraut (Es gibt sie doch noch, die anderen zehn Prozent!), man möge das bitte bitte nicht mißinterpretieren. Doch als aufklärerische Schrift löst das hier doch nur wieder den Tollwutreflex aus und löst keine konsruktive Verarbeitung aus. 😐

    »Do not feed the trolls …« (Schade nur, daß wenn die Klugen immer nachgeben am Ende der Dumme gewinnt.)

    Zuletst: Beim »‘Da-nicht-sein-kann-was-nicht-sein-darf-Reflex’« mußte ich auflagen. Schöne Formulierung! 🙂

  4. @ Cornelius: „Von denen“ kann und werde ich wohl niemand überzeugen können. Mir ging es ja auch – siehe die Einleitung – eher darum zu zeigen, wie wir in unseren ‚Konstruktionen‘ gefangen, wie Argumentation und Vernunft für viele nur noch Dienstmägde sind, die jene verbalen Kötel dann auflesen dürfen, die wir auf unseren ideologischen Trampelpfaden als duftenden Sprachkot hinterlassen. Der Ausweg: Möglichkeiten der Viabilität, der Gangbarkeit, in uns ausbilden, verschiedene Konstruktionsweisen also, die es uns erlauben, den widerspruchsfreiesten unter mehreren ‚denkbaren‘ Wegen zu gehen, denjenigen, der mit den Fakten am wenigsten kollidiert. Dazu aber muss man sich selbst beim Argumentieren auch beobachten können, was ich ansatzweise hier getan habe. Polemik ist dabei schon recht, aber sie muss Substanz haben … „Don’t feed the trolls“ ist nämlich auch bloß eine Vermeidungsstrategie von Leuten, die sich die Hände nicht schmutzig machen wollen. „Feed the trolls!“ lautet der richtige Weg, und zwar mit ihren eigenen Produkten. Das ist Recycling …

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