Hungerlohn! SPD sucht billige Wahlkämpfer!“ – mit dieser feisten Überschrift eröffnet die BILD-Zeitung heute ihren Beitrag zum schwarzgelben Wahlkampf. Die moralische Gleichung ist klar – wer Mindestlöhne will, der muss selbst Mindestlöhne zahlen:

„Von wegen 7,50 Euro Mindestlohn: Wenn es um billige Helfer für den Wahlkampf geht, nimmt es die SPD mit dem eigenen Wahlprogramm nicht so genau“.

Also alles klar? – – – Keinesfalls! Denn ich zahle einen Lohn doch nur demjenigen, der für mich auch arbeitet. Während des Wahlkampfs aber ist für Parteimitglieder der Dienst an der Idee eine ‚Ehrenpflicht‘: Der Ortsverein verabredet sich und zieht mit dem Kleintransporter und dem Kleistertopf um die Blocks, um ‚für die eigene Sache‘ etwas zu tun. So ist es in der SPD, so ist es in der CDU, so ist es bei den Grünen – nur bei der FDP bin ich mir nicht so sicher: die vergeben vermutlich einen Auftrag. Wenn die BILD also etwas zu monieren gehabt hätte, dann, dass ‚die Parteien‘ ihren Klebekolonnen keinen Mindestlohn zahlen, was aber dieser aus dem Hals duftenden Moral jeden Biss nähme.

Was sich am BILD-Zeitungs-Beitrag zeigt, ist ein typisches Moment des moralischen Diskurses: Die Moral ist immer die Moral der anderen. Für mich gibt es kaum etwas Verlogeneres auf der Welt als eine ausschließlich moralische Argumentation, die nicht durch echte Gründe unterfüttert ist. Das gilt auch und vor allem dann natürlich für die Artikel der schreibenden Zunft.

Natürlich klingt es gut, wenn wir einem aufrechten Journalisten „eine wache Moral“ zuschreiben, dann, wenn er bspw. den Grimme-Preis entgegennimmt. Jeder wächst innerlich um einige Zentimeter, hört er solche Sonntagspredigten – der Reporter wandelt endlich mal auf den Höhen der Menschheit. Je länger man allerdings über diese Behauptung nachdenkt, je fragwürdiger wird dieser Sachverhalt – zumindest mir …

Weshalb denn wird nirgendwo sonst in der Presselandschaft so viel mit Moral gekleckert, wie ausgerechnet in den Blut-und-Titten-Blättern des Boulevards? Gerade die ’schlechten‘ Journalisten sind es doch, die unentwegt Maulhurerei mit dem Vokabular der Moral betreiben. Sie sind jene, die mit der Peitsche des Moralischen den Lynchmob guseln, auf dass er sich über eine schlappe Rechtsprechung und über demokratische Prinzipien ‚moralisch‘ entrüste.

Andere Bereiche, die ebenfalls gern und häufig von Moral triefen, sind mir mindestens genauso unangenehm: So erinnere ich mich nur ungern an Schorsch Dabbeljuhs pathetische Reden über eine künftige moralische Weltordnung, diesen präsidial inkorporierten Eigennutz im hohlsten Pastoralton, der den Terrorismus gleich ‚im Interesse der Welt‘ eindämmen wollte. Unter der Menschheit tat der’s schon gar nicht mehr – und am Schluss kam heraus, dass unter dem Deckmantel all des moralischen Geseires diese Welt von ihm unentwegt belogen worden war. Aber auch Ossamas Predigten über das moralische Gebot für jeden jungen Muslim, sich für Allah in Hackfleisch verwandeln zu lassen, gehört in dieselbe Katagorie: Zyniker hier – Zyniker dort – und das Moralgebläse gehört unweigerlich beiderseits zum Handwerkszeug! Kurzum: Moral und Zynismus sind geradezu Zwillingsgeschwister.

Gerade mir eher unangenehme Berufsgruppen – Politiker, Pfaffen, Boulevardisten, Rechtsanwälte, Diktatoren – die sind es, die den Talmi moralischer Grundsätze stets in Überdosis verstreuen, so wie ein Snob das Duftwasser. Mugabe führte seinen antikolonialen Freiheitskampf mitsamt aller moralischen Befreiungsrhetorik dann am unerbittlichsten, als er sein Volk in Zimbabwe wissentlich verhungern ließ. Solche Beispiele ließen sich zu Tausenden anführen. Wer mir also mit Moral kommt, von dem nehme ich innerlich – bis zum Beweis des Gegenteils – aus hygienischen Gründen erst einmal drei Schritte Abstand. So sollten wir es auch beim Schreiben halten. Die aktuelle Forderung bspw., Managern das Gehalt zu beschneiden, die wäre dann gar nicht aus moralischen Gründen sinnvoll – diese Gründe, die sollten uns schlicht am Mors vorbeigehen – es könnte aber aus gesellschaftlich-pragmatischen Gründen sinnvoll sein, dies so zu beschließen, vielleicht, weil uns sonst der Laden um die Ohren fliegt. Ein Wespennest am Haus beseitige ich doch nicht aus moralischen Gründen, sondern weil ich gewisse soziale Überzeugungen über die Möglichkeit eines Zusammenlebens habe …

Mögen also alternde Leitartikler weiterhin in seniler Sehnsucht moralisch daheronkeln – aus Gründen der Vernunft sollten wir einer ‚moralischen Sprache‘ misstrauen. Denn das ist allemal die Sprache des ressentimentgeladenen Kleinbürgers, es ist die angebliche Vernunft des Vorurteils und der selbstgewisse Klang mangelnder Einsicht, der mit Dickschiffwörtern die fehlende Logik zu übergröhlen versucht. Wir sollten Menschen immer anhand ihrer Sprache beurteilen, und wenn sie dann moralisch daher trompeten, dann denken wir uns eben unseren Teil …