Stilstand

If your memory serves you well ...

Mit Puschkin voran!

Ach, was wünschte ich mir, unsere Stilakrobaten und Sprachnörgler würden sich gegen die zahllosen Manierismen und Gespreiztheiten im industriellen Sprachgebrauch, gegen die unvermeidlichen Fatzkes aus Werbung, Marketing und PR mal so wehren, wie gegen die zugewanderten Anglizismen! Doch hierzulande kämpft der Spießer eben auch auf sprachlichem Gebiet einzig und allein ‚gegen die vielen Ausländer‘.

Neuen Sprachkritikern fehlt es deshalb an Relevanz, sie schießen meterweit am Ziel vorbei, bzw. liegen sie völlig neben den Spur. Ich greife lieber zu älteren Vertretern dieses seltsamen Berufsstandes, die noch wussten, wovon sie reden. In einer Polemik gegen die Schreiber und Journalisten seiner Zeit attackierte Alexander Puschkin das alltägliche metaphernhubernde Stilverständnis der Schreibmausis seiner Zeit:

„Was soll man von unseren Schriftstellern sagen, die es für unwürdig halten, die allergewöhnlichsten Dinge einfach beim Namen zu nennen, und meinen, sie könnten ihre naive Prosa durch Zusätze und welke Metaphern beleben. Diese Leute können nicht ‚Freundschaft’ sagen, ohne hinzuzufügen: dieses heilige Gefühl, dessen edle Flamme usw. Es müsste heißen: ‚früh am Morgen’ – aber sie schreiben: kaum erhellten die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die östlichen Ränder des azurblauen Himmels – ach, wie ist das alles neu und frisch, ist es etwa schöner, nur weil es länger ist? (…) Genauigkeit und Kürze – das sind die vornehmsten Eigenschaften der Prosa. Sie braucht Gedanken und wieder Gedanken, ohne Gedanken sind die glänzendsten Formulierungen unnütz“.

Eben – auch unsere Tanja-Anjas und Himbeer-Tonis können nicht mehr schlicht formulieren und ‚ehrlich‘ sagen, sie schwätzen lieber ‚vom ethischen Grundverständnis unseres Unternehmens, das eine transparente Darstellung aller Sachverhalte zwingend erforderlich macht‘. Dieses Gedröhne wiederum hat mit den geschmähten Anglizismen rein gar nichts zu tun! Das ist ein öffentlich gemachter Denkstil – Deppen-Techno im Intellektualbereich …

‚Genauigkeit’, ‚Kürze’, ‚die Dinge beim Namen nennen’, ‚Inhalt haben’ – alles Gesetze, die heute noch vor allem anderen über die Wirksamkeit eines Textes entscheiden. Komisch, dass im sprachlichen Bereich derjenige fortschrittlich handelt, den es zurück zu Puschkin zieht …

Alexander Puschkin: Über die russische Prosa.
Ges. Werke in sechs Bänden, Bd. V, S. 17

4 Kommentare

  1. Wie bitte? Die „Werbemafia“ ist doch der Antichrist aller Sprachnörgler im VDS. Und geschwafelt wird anderswo wesentlich mehr als in der Werbung. Wobei ich die PR hier mal außen vorlassen würde: Presseportal.de ist tatsächlich Realsatire.

  2. Ja bei solchen illustren Vereinen geht es ja nicht um die Sprache, noch um die Stilistik, sondern einzig und allein um die Prinzipien. So auch den Puschkins Kritiker ging es eigentlich nicht um die Stilistik, sondern sie waren einfach zu viereckig.

  3. Schöne Veranschaulichung von Kürze und Länge: http://www.telescopictext.com/ (englisch).

  4. „gegen die unvermeidlichen Fatzkes aus Werbung, Marketing und PR mal so wehren, wie…“
    Na, dann fang doch mal an und sag‘ nur noch „Reklame“ zu all dem Zeug. Das ist einfach, schnell, billig und ärgert die Fatzkes ungemein. (frei nach Max Goldt. Wo er Recht hat, hat er Recht).

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