Stilstand

If your memory serves you well ...

Metaphern lügen nicht

Über die neuere Metaphernforschung, die inzwischen längst auf soliden neurologischen Füßen steht, hatte ich mich hier schon mal ausgelassen. Wie verfestigte Bildwelten, die ‚Frames‘ und Metaphernreservoire des Gehirns, auf eintreffende sprachliche ‚Trigger‘ reagieren, dafür bietet die mediale Griechenland-Diskussion erneut ein schönes Beispiel. Bekanntlich lassen sich – zum Beispiel laut George Lakoff – unsere inneren Metaphernwelten letztlich immer auf zwei grundlegende Sets zurückführen, die sich in der Kindheit ausformten: auf die neurologische Repräsentation eines autoritären Familienmodells und auf das libertäre Familienmodell – dies eben auch im Fall der Griechenland-Krise.

Die Bild-Zeitung – und angeschlosssene Medienerzeugnisse in ihrem Umkreis – triggern sprachlich seit Wochen einzig und allein das autoritäre Modell: Die ‚in Sünde gefallene Tochter‘ – in diesem Falle also Griechenland – dürfe jetzt keinesfalls wieder in die Arme der Familie aufgenommen werden. Drakonische Maßnahmen müssten her, Erbarmen oder Geld seien nicht angebracht, die böse Tochter sei auszustoßen aus dem europäischen Familienbund, soll sie doch in der Gosse krepieren. Die deutsche Mutti und Kanzlerin müsse ‚hart‘ bleiben und die notwendige Strafe vollziehen (was ihr bekanntlich nicht gelang, weil es in Europa außer BILD-Journalisten auch noch ein paar Realisten gibt).

Das libertäre Modell hingegen richtet sich vergleichsweise eher darauf, einer Gestrauchelten aufzuhelfen, sie mit Hilfe und Liebe zurück auf den Pfad der Tugend zu führen. Schließlich seien wir Europäer eine Familie, die füreinander einstehen und auch Verantwortung tragen müssen usw. Was sei überhaupt eine Familie wert, die sich im Falle eines Falles nicht hilft? Aus der Krise eines Mitglieds könne dann sogar ein lehrreiches Exempel für die Zukunft werden. Von ihm aber, dem eigentlich vernünftigeren ‚Frame‘, ist derzeit so rein gar nichts zu hören, verglichen mit dem Getöse, das die autoritären Charaktere und Zuchtmeister in Deutschlands Redaktionsstuben veranstalten, die es eben nur verstehen, sprachlich mit der Peitsche zu knallen.

Tscha, zeige mir deine Metaphern, und ich sage dir, wes Geistes Kind du bist …

Nachtrag: Jetzt, wo in Brüssel dieser sagenhafte 750-Mrd-Euro-Thesaurus geschaffen wurde, lässt sich allenthalben beobachten, wie das metaphorische Familiensilber der einst verpönten Libertären aus dem Schrank geholt und geputzt wird. Bis hin zu einer ‚europäischen Schicksalsgemeinschaft‘ reicht jetzt der neue großfamiliäre Zusammenhalt, alles nur, um die Angriffe der spekulierenden Bandidos abzuwehren …

2 Kommentare

  1. der Link zu „hatte ich mich hier schon mal…“ geht ins Leere.

  2. Seltsam, bisher hat WordPress die Stories nummeriert, jetzt scheint’s nach Titeln zu funktionieren: http://www.stilstand.de/die-olprinzen/

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