Stilstand

If your memory serves you well ...

Metaphern altern

Metaphern haben die machtvolle Eigenschaft, präexistente Vorstellungen in den Köpfen der Zuhörer oder Leser evozieren zu können. Ein bildhaftes Wort – schon wächst die zugehörige ‘Weltanschauung’ in unserem Kopf unwillkürlich heran. Das vollzieht sich oft ‚durch die Hintertür‘. Wenn deutungsmächtige Metaphern ihre Überzeugungskraft verlieren, wenn ganze semantische Felder veröden, dann ändern sich auch Gesellschaften – einen solchen Prozess erleben wir aktuell. Wir leben in einer aufregenden Zeit. Metaphoriker vom anderen Ufer nennen sie ‚krisenhaft‘.

Seit dreißig Jahren, im Prinzip seit dem Beginn der Reagan-Ära, überschwemmten uns alle die Bildwelten und das Vokabular einer völligen Selbstregulation. Die konservativen Thinktanks in den USA hatten ihre Schleusen geöffnet, mächtige Verleger lenkten die neue Ideologie durch ihre Kanäle, aufstiegswillige Journalisten verstanden den Wink und lieferten die erwünschten Bildwelten.

Die Autopoiese, der neue Weltgeist aus der Kybernetik, gab sich omnipotent und war an die Stelle Gottes getreten. Lohnfragen, Strompreise, Umweltbelange, Wohnungsnot, Beziehungen … alles sollte sich quasi naturwüchsig und autonom wie von selbst in einen Gleichgewichtszustand bringen, vermittelt über den Markt als ‘großen Regulator’, der zugleich ‘von selbst gerecht‘ sein würde. Dummerweise waren zynische Selbstgerechte die offensichtlichere Folge.

Theoretisch begleitet und untermauert wurde dies alles von einer wildwuchernden konstruktivistischen Gesellschaftstheorie, die ihre zunehmend undurchschaubaren Begriffe so fruchtbar entwickelte, wie eine Hasenkolonie zu Jungen kommt. Sie vergaß dabei eines, den ‘Steuermann’, der doch mit aller Kybernetik untrennbar verbunden ist, ja, der ihr erst ihren Namen gab. Aus einer systemischen Steuerungstheorie wurde eine systemische Nichtsteuerungstheorie, alle Regulierung, alle staatlichen Eingriffe wurden zu Eingriffen in eine ominöse Freiheit, die mit dem Marktgeschehen gleichgesetzt wurde.

Was wiederum im völligen Widerspruch stand bspw. zu einem Ahnvater und Moralapostel der Kybernetik wie v. Foerster. Aber auch – mit Verlaub – zu einem Niklas Luhmann. Denn der wusste immerhin noch, wie sehr die Metaphern das Geschehen in jedem gesellschaftlichen Subsystem prägen, ja, wie es auf sprachlichem Weg seine Realitäten erst schafft. Luhmann nannte diese gesellschaftsbildenden Mega-Metaphern ‘symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien’.

Mit der Krise und spätestens seit der Lehman-Pleite jedenfalls liegt die altbackene Bildwelt naiver Selbstregulation in Scherben. Kaum ein Mensch glaubt mehr daran, dass die ‚unsichtbare Hand‘ eines ökonomischen Weltgeistes irgendein Subsystem – ob Markt, ob Wissenschaft – am Patschehändchen nähme und ins Himmelreich führe, dass sich irgendetwas ‘wie von selbst’ regulieren könne, schon gar nicht auf wirtschaftlichem Gebiet. Selbstregulation gilt einem neuen gesellschaftlichen Bewusstsein fast schon als sichere Methode, ökonomische Luftblasen zu erzeugen.

Die Differenz beim akklamatorischen oder spöttischen Bildgebrauch unterscheidet inzwischen marktradikale Konservative und neue Progressive, vor allem daran, ob sie uns unverbesserlich ‘freie Märkte’ noch mit Paradiesfarben ausmalen möchten – oder eben nicht. Im beginnenden Sprachbildwandel liegt in meinen Augen der wahre Gewinn der Krise: Die Blackberry-Metaphern der Unverantwortlichkeit, das Deregulierungs-Kisuaheli schwindet dahin. Es wächst eine neue Sprache heran, eine neue Bildlichkeit der Weltbeschreibung. Nur die Redakteure sind oft noch die alten geblieben.

5 Kommentare

  1. Lilli Nitsche

    27. Juni 2012 at 1:01

    Monsieur, ich halte Ihr Verständnis von Luhmanns Systemtheorie für ein Missverständnis. Wo ist denn bitte von „Himmelreich“ und „unsichtbaren Händen“ die Rede, oder wo vom Markt „als ‘großem Regulator’, der zugleich ‘von selbst gerecht‘ sein würde“.
    Es handelt sich doch um ganz nüchterne Funktionsbeschreibungen von Gesellschaft, eine Bewertung hat Luhmann gar nicht mitgeliefert.
    Da Sie vom Paradies zu träumen scheinen bzw. von mächtigen Steuermännern – wer soll das übrigens sein und warum verstecken Sie Ihre Sehnsüchte hinter so alten, aufgeblähten Metaphern? – warum lesen Sie denn nicht irgendetwas Erbauliches, Habermas vielleicht, oder die Bibel.

  2. Ich finde aber, es hat schon etwas von Selbstregulation des Marktes, wenn ein offenkundig verbrecherisches Finanzsystem dann eben doch irgendwann zusammenbricht.

  3. @ damals: Tut es das? Mir scheint es eher, als sei das zeckenhafte Finanzsystem mit seinen gesellschaftlichen Schnorrerqualitäten finster entschlossen, wenn schon, dann aber als letztes zusammenzubrechen.

    @ Lilli Nitsche: Zunächst einmal habe ich ja klar gesagt, dass das, was die ‚terrible simplificateurs‘ aus der wissenschaftsfernen Ökonomie dort betrieben, „auch im Widerspruch stand“ zu Niklas Luhmann. Nun ja – aber einen furztrockenen Hegelianer wie Luhmann farbig zu machen, ist schon eine Leistung – das finde ich auch. Auch, ihm ein wenig von Adam Smith’s religiösen Traktätlein unterzujubeln, so weit liegen die beiden schließlich nicht auseinander. Ob ich vom Markt als vom symbolisch generierten Kommunikationsmedium eines selbstregulierenden Diskurssystems ‚Wirtschaft‘ rede, oder ob ich mich ein wenig populärer ausdrücke …

    Nebenbei: Das alles heißt nicht, dass ich Systemtheorien völlig ablehne, ich halte mich aber lieber an von Foerster, an Maturana, Glasersfeld und andere. Alles immer abgeschmeckt mit einem Hauch Metapherntheorie. Generell ist es doch so, dass zwei Faktoren allen Systemen gefährlich werden können: Turbulenz und Sklerose. Derzeit haben wir das Phänomen eines sklerotischen Systems in einer turbulenten Umgebung. Um mich wieder mal ins Metaphorische – also ins Anschauliche – zu begeben: Es ist, als würde der Riesentanker des Altgewohnten, den die Reederei zur Systemtheorie ganz selbstregulatorisch ohne Kapitän auf die Reise schickte, plötzlich vom einsetzenden Sturm an die Klippen einer unbekannten Küste geschleudert. In einer solchen Situation überleben dann nicht die Stärksten, auch nicht die Traditionalisten, die sich stur an die Reling klammern, sondern diejenigen, die schwimmen können und diese Klippen überwinden. Die Ladung ist dann allerdings verloren …

    Derzeit lese ich übrigens lieber Immermann, statt eines ‚alten Trösters‘ wie Habermas. ‚Die Epigonen‘ sind noch immer ein gutes Buch, auch für unsere Tage. Allein schon dieser Titel! ‚Alter Tröster‘ nenne ich den Habermas deshalb, weil er das massenmediale System zu einer Zeit beschrieb, als dieses noch in Saft und Kraft stand. Heute passt seine ‚Theorie kommunikativen Handelns‘ vorn und hinten nicht mehr auf eine sachte in Irrelevanz versinkende Verlagslandschaft …

  4. Was für ein peinlicher Artikel!

    Weder die Systemtheorie noch Luhmann wurden korrekt wiedergegeben und abstrus mit ökonomischen Marktgesetzen vermengt, die keinen kausalen Zusammenhang erkennen lassen!

  5. @ Katja: Geht’s auch genauer? Wer glaubt, dass es bei Luhmann nur eine einzige Lesart gäbe, die dann die ‚korrekte‘ sei, der kann schon mal keine Konstruktivistin sein. Nebenbei – was sollten Marktgesetze anderes sein als „ökonomisch“?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑