Stilstand

If your memory serves you well ...

Mein Gaga der Woche

Für jeden hirnverstiegenen Mist gibt’s einen, der’s in Tinte pisst. Neu ist es nur, dass diese Ejakulation sich in der ‚Zeit‘ ereignet, also bei unserer selbsternannten Sachwalterin für Rationalität und bürgerliche Aufklärung, und dass dazu noch dieser – ähem! – ‚Text‘ in jener meinungsförderlichen Anonymität erscheint, die Qualitätsjournalisten doch sonst nur in den Kloaken des Internet zu verorten pflegen. Für mich klingt’s wie ein zynischer kleiner Pennäler, der auf der Schultoilette zu notgeilen Phantasien heimlich onaniert:

„Das Reden über die Atomkraft ist unverkennbar eines über die männliche Sexualität. Man wartete, als die Katastrophe in Fukushima sich abzeichnete, mit Bangen auf die Explosion wie auf eine orgasmische Entladung. Glühende Brennstäbe ragten aus dem Wasser, es galt, sie rasch abzukühlen. In den sogenannten Abklingbecken durften wiederum alte Brennstäbe sich nicht erneut erhitzen. Man sah Feuerwehrmänner mit schweren Schläuchen die Reaktoren abspritzen. Nun wird unablässig gekühlt und bewässert, wie um ein nur schwer zu bändigendes Begehren in den Griff zu kriegen. … Es mag ein Zeichen alternder Gesellschaften sein, dass sie jedem Anflug des kraftstrotzend Männlichen mit größter Aversion begegnen. … Man setzt in der neuen grünen Bundesrepublik eben auf Sonne, Wind, Weiblichkeit und hohes Alter. Renate Künast, jugendliche 55, kandidiert in Berlin für das Bürgermeisteramt und plädierte sogleich für die Einführung von Tempo 30 in der Hauptstadt, damit man gefahrlos auch mit Hüftschaden jede Straße passieren kann.“

Jawollja – lieber Hüftschaden als Gehirnschaden! Um mal in dieser schwülen Metaphorik zu bleiben: Wenn Feuerwehrmänner mit ihren spritzenden Schläuchen erigierte, glühende Brennstäbe kühlen, dann klingt’s für mich doch eher nach Darkroom als nach Feminismus. Und all diese kraftstrotzenden Feuerwehrleute werden durch das hier spermatisch verzeichnete Handeln schon bald darauf mit lebenslanger Impotenz gestraft sein. Auch müffelt eine Technik aus den Zeiten von Hans Dominik und Marinetti längst nach Moder – und gerade, weil sie Anno Methusalem mal als Futurismus figurierte, ist sie heute eben nicht mehr ‚modern‘, sondern mit dicker Patina behaftet. Sei’s drum! Wie sagte es Karl Kraus: Die Psychoanalyse ist jene Krankheit, für deren Therapie sie sich hält …

Nachtrag: Mir erging’s zunächst wie vielen der Kommentatoren dort in der ‚Zeit‘ – rechts oben in der Ecke findet sich der dezente Hinweis, dass der Träger des Axel-Springer-Journalistenpreises, Adam Soboczynski, selbiges erbrach …

7 Kommentare

  1. Beachtlich. Ich wurde die Woche bereits auf den Text hingewiesen und versuchte ihn zu lesen. Der Autor verlor mich im ersten Satz. Oh, falsche Verbform: verliert. Ehrlich, ich schaffe es physisch nicht, den Kram zu lesen.

  2. Ha! Adama Soboczynski. Jaja. Der schreibt gern mal ganz schön was zusammen: http://texttheater.net/weiss-nicht-recht

  3. Interessant ist ja, wie die Zeit mit den Kommentaren umgeht. Sehr viele werden gelöscht, anderen Kommentatoren wird mangelnder Respekt vorgeworfen (siehe Kommentar 3). Wie soll man sachlich zu so einem Text kommentieren? Ironie und Sarkasmus sind ebenso nicht erwünscht (Kommentar 7). Die Zeit sollte ein Banner auf die Seite bringen: Kritische Leser bitte draußen bleiben!
    Schöner kann man seine Leser doch gar nicht vergraulen, oder?

  4. Ja – dieser Text dürfte den Wischmopp im ‚Zeit‘-Forum mehr als viele andere abgenutzt haben. Vor allem wohl auch deshalb, weil die Leser ein solch intellektuelles Niveau in ihrem Leib- und Magenblatt nicht gewohnt sind.

  5. Alles in allem einverstanden. Einen Einwand hätte ich aber doch: unsere selbsternannte Sachwalterin für Rationalität steht da. Wer soll denn eine solche Sachwalterin sonst ernennen? Der Bundespräsident? Der Minister für Rationalität und Rationalisierung?
    Näheres siehe:
    http://deutsche-sprak.blogspot.com/2011/01/ernennungsurkunden_31.html

  6. Okay – das ist eine journalistische Floskel, die mir ‚durchgerutscht‘ ist. Trotzdem ließe sich auch so argumentieren: Eine Professorin der Philosophie mit dem Schwerpunkt ‚Aufklärungszeit‘ würde bspw. von einem Selbstergänzungsgremium ernannt, sie könnte sich gar nicht selbst ernennen – und sie wäre trotzdem eine Sachwalterin der Rationalität.

  7. Na – ich weiß nicht. Ich kenne solche Selbstergänzungsgremien. Was die als Sachwalter vorschlagen (was dann in der Regel von einem Uni-Präsidenten oder einem Minister bestätigt wird, das Gremium ergänzt sich nicht selbst), sind nicht allzu oft diejenigen unter den Kandidaten, die der Sache Rationalität am besten walten können.

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