Stilstand

If your memory serves you well ...

Mehr Idiomatik wagen!

Wie soll man noch reden, wenn die Stilkunde dem Schreiber die schönsten Kunstwörter prunkender Wissenschaft-lichkeit schlichtweg verweigert? Nun – eine Phrase solch gehobener Sprachlichkeit wie „gegenüber dieser Information zeigte er sich aufnahmeresistent“ wäre doch ohne jeden Sinnverlust zu ersetzen durch „auf dem Ohr war er taub“. Schon hat der Mensch ein Bild vor Augen, komplett mit defektem Hörgerät. Es ist die ‚Idiomatik’, die so etwas bewirkt, jener Sprachgebrauch, der seine Bilder und argumentative Kraft aus dem Alltag der Menschen schöpft.

Die bessere Werbung und Sloganrhetorik – wie auch das Headlining der Journalisten – leben vom idiomatischen Sprachgebrauch: „Herta – wenn’s um die Wurst geht!“, „Erzählen auf Leben und Tod“ (Spiegel), „Mit der Kunst auf Augenhöhe“(taz). In all diesen Fällen nutzen die Schreiber vorgeprägte Stanzen der Sprache auf überraschende Weise oder aber, sie setzen sie leicht verfremdet ein.

Ein honoriger PR-Texter und Schlipsgeraderücker, der hätte vielleicht geschrieben, weil er ja durch bewusst erzeugte Langeweile ständig seine hie und da angezweifelte ‚Seriosität’ beweisen muss: „Herta – wenn kritische Entscheidungen beim Gebrauch von Wurstwaren zu treffen sind“, „Erzählungen von einem Format, das an Existenzfragen rührt“, „Kunstwerke auf allgemeinverständliche Art und Weise erklärt“. Kurzum – was einige „seriös“ nennen, das nenne ich „erkünstelt“ und „langatmig“. Denn Serisiosität ist im Kern nur ein gepflegtes Nichtschreiben-können – um darauf dann auch noch stolz zu sein. Dem Leser kommt nichts ‚vor Augen’, vor die inneren nämlich, nichts wird ihm anschaulich gemacht. Klar heraus gesagt: Alle Seriosität ist für’n Arsch, bloß ‚auf unanschaulich‘ ausgedrückt …

Eine umfangreiche Idiomatik ist daher eines der wichtigsten Arbeitsinstrumente, das ein Texter in seiner Bibliothek besitzt. In ihr haben fleißige Wissenschaftler alle ‚stehenden Redewendungen’ der deutschen Sprache zusammengetragen. Nehmen wir einfach mal an, ein erfundener Hersteller von Armbanduhren namens Maurer wollte etwas von mir. Zum Wortumfeld seines Produktes gehören dann Wörter wie: ‚Zeit’, ‚Stunde’, ‚Genauigkeit’ usw. Schaue ich in diese Idiomatik, dann eröffnet sich mir eine weite Spielwiese für alle möglichen Headlines und Slogans: „Für alle Zeiten“, „So ticken Sie richtig“, „Für die Stunden der Wahrheit“ oder „Pünktlich wie die Maurer“. Das – und vieles mehr – sind nämlich Angebote, die mir eine Idiomatik macht, wenn ich sie unter den angegebenen Begriffen aufschlage.

Denn stilistisch kommt es nie darauf an, möglichst fern vom allgemeinen Sprachgebrauch elitär daherzuturnen wie eine Bande Anthroposophen im Mondesschein. Es geht darum, den allgemeinen Sprachgebrauch der Menschen für seine dann gern auch elitären Zwecke nutzbar zu machen. So bleibt ein Text einerseits verständlich – und er führt uns zugleich wirklich weiter.

9 Kommentare

  1. Was Du Dir so in Deinen Sandkorn-Gedanken für eine großartigen Müll rausschwurbeklst, das ist quälend.
    Gruß, Sandkorn

  2. Tippen lernen, Neo!
    Aber eine sehr schöne Antwort auf diesen Rotz.

  3. So etwas musste dann wohl auch einfach mal gesagt werden.

    PR’ler, I suppose – oder: „Wenn ein Affe in einen Text schaut, kann kein Apostel herausschauen“ (Lichtenberg) …

  4. Wolfgang Hömig-Groß

    14. Februar 2009 at 21:42

    Upps, was ist denn hier los. Sooo schlecht war das ja nun wirklich nicht. Und ich finde schon, dass auch die einfachen Wahrheiten gesagt werden müssen, zumindest so lange, bis sich was am Zustand der meisten Texte ändert. Und ich lese es immer noch gern. Ich würde mich sogar zu der Äußerung hinreißen lassen, dass ich deine Sprach- und Ausdrucksbreite bewundere. Also: Nur weiter so!

  5. @ Wolfgang: Diesen Masken ging’s ja auch um ganz andere Dinge. Achte mal auf den Abstand der beiden Postings …

    😉

  6. Wolfgang Hömig-Groß

    15. Februar 2009 at 10:35

    Hm. Ich sehe, aber ich verstehe nicht. Das passt zu meinem Gefühl, dass ich zu gut für diese Welt bin. Oder die Welt zu schlecht für mich.

  7. Ein wenig schizo-bärig ist es schon … so ganz allein zu zweit: Ich meine, wenn nur die Namen differieren, aber die Web-Adressen nicht. Es ist ähnlich wie mit den Leuten, die sich auf der Straße mit sich selbst unterhalten …

  8. Ich dachte, die Leute, die sich einst auf der Straße mit sich selbst unterhielten, nennt man heute Blogger…

  9. Nein, nein – diese sozial gesinnten Blogger, die haben ja ein Zuhause und auch immer genügend Gesprächspartner, selbst wenn sie nur in einer Barackensiedlung mit WordPress-Ofen wohnen: Seit aber drüben in Holzhausen die schicken Apartments von den Besitzern mietfrei übergeben werden, sind die heimatlosen Selbstsabbler wieder häufiger im Straßenbild zu sehen – so wie einst nach dem Krieg …

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