Ich liebe es, aktualitätsgebundene Texte – Gauß, Enzensberger, Schuh, Grass usw. – nach einigen Jahren erneut zu lesen. Denn es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß auch Großpropheten der deutschen Literatur neben der Spur lagen. Das folgende Zitat zum Beispiel ist von Botho Strauß aus dem Jahr 1997 (‚Die Fehler des Kopisten‘, S. 69), seither sind gerade mal elf Jahre vergangen. So ziemlich das Gegenteil dessen, was Strauß dort über die Macht der Medien unkt, ist faktisch eingetreten. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die klassischen Medien verlieren von Jahr zu Jahr an Relevanz, sie verlieren ihre ‚mediale‘, gruppenübergreifend vermittelnde Funktion, und zwar um so mehr, je stärker sie auf Quoten-Feen und auf fehlende Scham setzen. Und Medienmacher oder Journalist wird bald wohl schon zu einem No-Future-Beruf wie Brikett-Träger oder Bahnsteigwärter. Auch eine Richterin Salesch ist übrigens längst kein Beweis dafür, dass wir uns in irgendeiner Form zu Tode amüsieren könnten, eher im Gegenteil, sie langweilt uns dorthin, während die Macht der Medien schwindet:

„Medienwirtschaft erscheint von heute aus als unablösbarer Erwerbszweig; nichts, dass ihn je veralten und veröden lassen könnte wie andere Berufe. Vollendet anpassungsfähig und unabsehbar expansiv. Hier ein Fortkommen oder Berühmtheit zu erlangen, vom Studiogast zur Quoten-Fee, erfordert Unverfrorenheit als einziges Talent. Vielen scheint es mittlerweile angeboren: ganz kunstlos nur sie selbst zu sein und sich für nichts zu genieren“.