Stilstand

If your memory serves you well ...

Medienhass

Klar, das ‚Anzeigenvolumen breche weg‚, das ‚Nutzungsverhalten habe sich dramatisch verändert‚ und die ‚Zielgruppen seien volatiler geworden‚. So oder ähnlich tönt es uns aus allen Studien und Gazetten entgegen, dort, wo sie ihre eigene mediale Situation gut strukturalistisch zu reflektieren versuchen. ‚Mehr Qualitätsjournalismus‚ lauten die empfohlenen Gegenmaßnahmen, ‚mehr Syndication‚, also mehr vom Selben in immer mehr Blättern, um so die Kosten zu senken. ‚Paid-Content-Wälle‚ müssten her … wir alle kennen längst die tief ausgefahrenen Spuren in der großen Mediendebatte. Intelligente Ausnahmen sind dabei selten. Ein entscheidender Faktor kommt überall zu kurz: Der werte Leser.

Zeitungen und andere Altmedien werden längst nicht mehr primär für den Leser geschrieben: Die Interessen der Wirtschaft und die geforderten werblichen Punktlandungen aus den Marketing-Abteilungen, die PR-Absichten einer zuliefernden quasi-journalistischen Materialbeschaffungsindustrie … dies alles zählt sehr viel mehr als ausgerechnet das Interesse jener dummen Ferkel am Trog, die das resultierende mediale Mastfutter tagtäglich dann ausschlabbern sollen, damit die Anzeigenabteilung wiederum behaupten kann, das frische und freche Medium würde von den relevanten Zielgruppen auch gelesen.

Das Resultat eines allzu lange betriebenen Kollektiv-Verfahrens war absehbar, aber kaum jemand redet darüber: Es existiert inzwischen eine großer Medienhass in der Gesellschaft, der demjenigen auf ‚die Parteien‘ gleichkommt. Vice versa ist dies verbunden mit jener Verachtung der Leserschaft in allzu vielen Redaktionen, die sich auch stilistisch zunehmend schluderhaft äußert – oder eben gar nicht mehr auszudrücken vermag. Das Publikum würde die herabgefallenen Brocken disparater Weltbilder vom Tisch der Verleger schon fressen.

Genau das eben tut es nicht (mehr).

Von diesem Leserschwund leiten sich alle weiteren Verfallserscheinungen sekundär ab, denn eine Zeitung ohne Leser ist kein ‚Medium‘ mehr, kein Kanal von hier nach da: das schrumpfende Anzeigenaufkommen, die sinkende Zahl der Abos, der ‚Strukturwandel‘ usw., das alles sind Folgen einer primären Lesererosion.

Um auf Gegenbeispiele zu kommen: Welche Blogs haben den größten Erfolg im Satansreich des etablierten Journalismus, im Internet? Es sind vor allem medienkritische Blogs, die wie Stefan Niggemeier den grassierenden medialen Blödsinn durch ein gerüttelt Maß an Gegenrecherche aufmischen, bis weit hinein in das Terrain von ‚Spiegel‘ und ‚Stern‘. Es sind die blanken Invektiven eines Don Alphonso oder auch des F!XBRM-Blogs, die eben nicht vor jedem Öchsperten dienern, nur deshalb, weil der zufällig einer selbstgegründeten IFO-GmbH oder einer anderen PR-Bude vorsteht. Nach jedem kleinen Auffahrunfall taucht doch im expertisenhörigen Journalismus der zuständige Sachstands-Verwalter als ausgewiesener ‚Karosserieschadens-Öchsperte‘ so vorhersagbar auf wie Kai aus der Kiste, um uns dann die Welt aus der Sicht der Versicherungswirtschaft zu erläutern. Es wäre ja schon schön, wenn die real existierenden Journalisten sich die unterfütternde Expertise zur Abwechslung endlich einmal aus einer wirklichen Universität – also halbwegs ‚objektiv‘ – herbeischaffen würden …

Natürlich hat ein solches Verfahren, das Immergleiches vorhersagbar produziert, katastrophale Folgen. Der Unterschied macht den Unterschied – und das Publikum ist eben nicht doof. Ich kenne buchstäblich niemanden mehr, der nicht über die Medien cum grano salis spotten würde (einige wenige Ausnahmen bestätigen hier immer nur die Regel). Hält man die ‚Erfolge‘ der genannten Blogs gegen die ‚Misserfolge‘ unserer knietief im Schwarzgelben, in Schweinegrippen-Hysterie oder Prominenten-Kult versackten Leitmedien, dann wird zugleich deutlich, wo die gesuchte ‚Zukunft des Journalismus‘ liegen könnte. Es ginge in einem ersten Schritt vor allem darum, gegen die festgefügte Fronde der Altmedien anzuschreiben, ‚Gegenerzählungen‘ zu verfassen, ihnen ihre schlampige Recherche und Abschreiberei um die Ohren zu hauen, das verborgene Interesse ans Tageslicht zu zerren. Früher hieß das Prinzip mal „Gegenöffentlichkeit“. Da aber auch dieser Begriff arg monolithisch und dazu allen Bösmenschen nach ‚Gutmenschentum‘ klingt, würde ich sagen: „Schafft zwei, drei, vier, ganz viele Öffentlichkeiten!“ Statt jenes scheinbar alternativlosen Einheitsbreis, der uns als ‚die Öffentlichkeit‘ täglich serviert wird.

Der Weg, wie dieses zu finanzieren wäre, verläuft dabei in Gegenrichtung zum Mainstream. Die Frage ist zunächst einmal nicht, wie ein solcher Journalismus bezahlbar wäre. Im Gegenteil: Gewinnt zuerst die Leser zurück, durch einen anderen Blickwinkel, durch andere Themen, durch andere Schlüsse, die ihr zieht, und durch einen guten Stil. Dann folgt der Rest von allein. Denn der Wirtschaft – sieht man einmal von den Hard-Core-Ideologen der INSM ab – der geht es nur um ihre ‚Zielgruppen‘, nicht um die Themen. Was ihr also inhaltlich schreibt, um die ‚relevanten Zielgruppen‘ zurückzugewinnen, ist den smarten Jungs aus den Marketing-Abteilungen ziemlich egal. Und würdet ihr den blanken Kommunismus predigen, fändet ihr ja auch keine Leser, denn Extremisten jeder Couleur sind immer dünn gesät, und zumeist schreiben sie sich ihren wirren Stoff auch selber …

Wer also den allgemeinen Medienhass durch Alternativen zum Pichelsteiner Topf des Gegebenen aufbricht, der erzeugt jene Relevanz, die ihm irgendwann dann auch das wirtschaftliche Überleben erlaubt.

Um nicht immer nur als Querulant in der publizistischen Landschaft herumzustehen – andere sehen das längst recht ähnlich:

„Der erste praktische Schritt für all dies ist die Reanimation einer politischen Öffentlichkeit, in der Ideen und Argumente als Ankerpunkte politischen Handelns bereitgestellt und gemeinsam weiterentwickelt werden. Wir brauchen, und damit komme ich zu meinem Wunschzettel für das Jahr 2010, einen neuen politischen Journalismus, einen politischen Journalismus, der sich mit seinen Themen und Anliegen öffnet für die Stimmen der Vielen und klugen Gebrauch macht von den Instrumenten der neuen Informationsgesellschaft.“

4 Kommentare

  1. „Wir brauchen, und damit komme ich zu meinem Wunschzettel für das Jahr 2010, einen neuen politischen Journalismus, einen politischen Journalismus, der sich mit seinen Themen und Anliegen öffnet für die Stimmen der Vielen und klugen Gebrauch macht von den Instrumenten der neuen Informationsgesellschaft.“

    Wir brauchen politischen Journalismus, weil es ihn zur Zeit kaum gibt und es gibt ihn so selten, weil wir Leser viel zu lange glaubten, wir bräuchten ihn nicht. Die derzeitige Presselandschaft ist auch ein Spiegel der Gesellschaft…

  2. Solange Buchhalter mit Universitätsdiplom an den entscheidenden Stellen sitzen, wird sich nichts tun. Das liegt am Ungleichgewicht von Kosten- und Einnahmenseite – erstere ist schlicht einfacher zu beeinflussen.

    Es ist ganz leicht, ein paar Leute zu entlassen, so genannte Synergieeffekte herzustellen bzw. zu nutzen. Selbst wenn das schief geht, hat der Unternehmensberater etwas getan, das einfach zu verstehen ist; es ist greifbar, plötzlich nur noch 125 statt 310 Mitarbeiter zu haben [ich habe ein solches Downsizing tatsächlich einmal miterlebt].

    Einnahmen erhöhen bedeutet entweder neue Märkte zu finden oder gesättigte Märkte anders aufzuteilen. Beides nicht ganz einfach, da es Kreativität erfordert, Denkarbeit, Analyse, Entscheidungen, langfristige Planung. Und sollte eine Entscheidung einmal nicht [sofort] Resultate liefern, bekommen die ängstlichen Dividendenzähler kalte Füße.

    Dividenden, Aktienkurse und Gewinnerwartungen sind ohnehin ein sehr problematischer Grenzfaktor, da Investitionen immer Geld kosten statt Ausschüttungen zu garantieren. Nicht umsonst – ‚tschuldigung, aber dieser Pun ist intended – haben Finanzinstitute aller Art erst in Japan, dann in den USA und Europa fröhliche heiße Luft in Null- und Negativwerte gepustet. Denn anders als Ackermann und Konsorten versuchen uns glauben zu machen, wurde keine Leistung erbracht, Banken erbringen überhaupt keine oder nur eine sehr geringe Leistung. Statt Neues zu produzieren, verlassen sie sich auf andere – im Extremfall auf den Staat, also den Steuerzahler.

    Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es eine Schande oder ein Segen ist, dass immer mehr gute bis sehr gute Journalisten inzwischen günstig selbst veröffentlichen [im Internet nämlich]; Verleger machen sich im Augenblick auf jeden Fall selbst überflüssig. Weil sie zu faul sind, zu gierig oder einfach nur zu blöd, in neue Richtungen zu denken.

  3. @ Dierck: Es sind ‚Quartals-Irre‘, wie ich sie immer nenne: Um jedes Vierteljahr gut dazustehen, ruinieren sie die Zukunft von Unternehmen. In kurzer Frist, weil sie kurzfristig denken. Ein Quartal. solch eine winzige Delle in der Zeit, hat mit Zukunft nichts zu tun.

  4. @Klaus Jarchow
    Ich recherchiere gerade für einen Beitrag für das Online-Angebot des Goethe-Instituts zum Thema: „Journalismus der Zukunft“: Wie lässt sich heute und in Zukunft mit Online-Journalismus noch Qualität wahren und Geld verdienen?

    Besonders beeindruckt hat mich neben den Thesen zur Schaffung einer Gegenöffentlichkeit, die Sie hier vertreten, Ihr Wegweiser für eine neuen Schreibstil im Web 2.0, den Sie für die Journalisten-Werkstatt des Medium Magazins verfasst haben.

    Dort heißt es am Schluss: „Den frustrierten Leser plagt in meinen Augen ein großer Überdruss an der genormten dpa-Sprache und an den Stanzen des Verlautbarungsjournalismus, wo der Schreiber vor lauter Rücksicht auf die werten Anzeigenkunden täglich sein Blatt vor den Mund nehmen muss. Demgegenüber ist das Web 2.0 gewissermaßen ein wiedergefundenes Paradies. Dort wachsen bisher neben verbotenen allerdings kaum andere Früchte. Zumindest nicht für jene Journalisten, die von ihrer Tätigkeit auch leben wollen…“

    Da ich das ähnlich sehe, würde ich gerne mit Ihnen und Ihrer Community in Dialog treten, und das Ergebnis, wenn es recht ist, publizieren. Denn, ehrlich gesagt, sehe ich mich derzeit noch außerstande, die vorgegebene „Preisfrage“ im Brustton der Überzeugung zu beantworten, solange sie mit einem „Wie“ beginnt.

    Vielleicht kann mir ja jemand auf die Sprünge helfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑