Stilstand

If your memory serves you well ...

Mediale Sprechblasen

Nehmen wir mal an, Sie arbeiten bei einer Zeitung, zum Beispiel einer Stuttgarter Sonntagszeitung. Dort droht der Verleger Ihnen und Ihrem Publikum plötzlich mit einer „inhaltlichen“ und „organisatorischen“ „Neuausrichtung“ jenes Blattes, das bisher vor allem als feuilletonistische Beilage auf dem sonntäglichen Frühstückstisch das regionale Wir-Gefühl beschwor. Wenn wir uns das aus dem Verlegerischen ins Deutsche übersetzen, dann meint – ein wenig Medienerfahrung vorausgesetzt – dies Wörtchen „inhaltlich“ vor allem, dass die Abteilung ‚Public Relations‘ jetzt das Kommando auf der Brücke übernimmt, die „Neuausrichtung“ will uns sagen, dass ab jetzt die Interessen des Anzeigenkunden die Interessen des Lesers dominieren, und „organisatorisch“ verbrämt, dass die alte Besatzung rausfliegt, die dann sehen kann, wo sie bleibt.

Und genau so kommt es ja jetzt auch, vor allem deshalb, weil der Eigentümer sich beim allzu gierigen Spekulieren wohl die Bandscheibe verhob. Doch – Entschuldigung! – ‚rausfliegen‘ heißt das bei dieser SWMH natürlich nicht, es heißt „Modifizierung von Arbeitsverhältnissen„, wie sie auch schon anderswo im Verlag zu besichtigen sind – aber auch hier.

Der Journalismus jedenfalls ist in gewissen Augen schon längst keine Erzähl- und Schreibkunst mehr, sondern ein nervtötender Kostenfaktor im Verleger-Portfolio, den in einer Zeitung nun wirklich nur noch Unbedarfte suchen sollten. Seinen erwünschten Text kann doch der Anzeigenkunde sich selbst viel billiger erstellen. Und Beschwerden von dessen Seite gibt’s dann auch nicht mehr …

Wer sich noch Illusionen über die schwindende gesellschaftliche Funktion unserer Zeitungen macht, dem sei dieses Zitat aus Frank Schulz‘ grandiosen Buch ‚Morbus Fonticuli‘ empfohlen, wo der Redakteur ‚die Neue‘ folgendermaßen einweist:

„ELBE ECHO ist nichts weiter als ein Produkt, ja?, um Profit zu machen. Im Prinzip so überflüssig wie’n Lachsack. Nicht daß du hier investigativen Journalismus zu erlernen hoffst. ELBE ECHO ist Friedland. ’n Durchgangslager, ja? Bestenfalls ’n ausgeleiertes Sprungbrett. Die Finkenwerder wickeln ihre Bücklinge darin ein, ja? Kein normalbegabter Mensch liest unser Witzblatt. Ich jedenfalls werd‘ nicht mehr lange bleiben. – Unsere Auflage beträgt, einschließlich Altem Land und Nordheide, um die 200.000 Exemplare. Es handelt sich um ein Anzeigenblatt. Das heißt, wir finanzieren uns ausschließlich durch die Annoncen der Koofmichs und Krämerseelen unseres Verbreitungsgebietes. Deswegen sind Bart Bartelsen und Hasy Braune und ihre Helferlein hier die Stars, ja? Nej? Wir nicht. Wir sind ephemere Büttel. Wir sind die Souffleure für die wöchentliche Seifenoper unserer Leser. Wir machen nur deshalb 32 bis 40 Seiten voll, damit die Akquisiteure was anzubieten haben, Bart und Hasy müssen wenigstens behaupten können, es stünden brisante und kurzweilige Geschichten drin, damit der königliche Kunde auch glaubt, daß das freche Freizeitmagazin gelesen wird.

(…) Das Blättchen enthält verschiedene Rubriken. „Süderelbe aktuell“: sagen wir, Reportage über die Explosion einer Bockwurst in Nincop. Nej? „Süderelbe persönlich“: Porträts lokaler Persönlichkeiten wie zum Beispiel des Vorsitzenden vom Hühnerverein Fischbek. „Süderelbe sportiv“: Porträts etwa vom Club Kalt duschen e.V. „Süderelbe sieht fern“: komplettes Glotzenprogramm mit ironischen Inhaltsangaben von Spielfilmen. „Süderelbe Terminkalender“, „Frage der Woche“, „Stein des Anstoßes“. Und so weiter, nej? Fünfzig Prozent des Textaufkommens bestehen aus sogenannten PRs – hemmungslos zusammengelogenen Lobhudeleien über Geschäftseröffnungen, -neueröffnungen, -renovierungen etc., zumeist billige Köder für Neukunden der Akquisiteure, ja? Und aus sogenannten Sonderseiten, Hoheliedern auf den Spätkapitalismus in Form von spezialthemenzentrierten Berichten oder Artikeln über Einkaufszentren. Nej? – Und zu unserem persönlichen Vergnügen bzw. um uns bei der Stange zu halten – oder, offen gesagt, wir wissen gar nicht warum -, toleriert unsere sehr geehrte Frau Schröder in der Rubrik „Süderelbe kulturell“ auch Filmkritiken und Buchrezensionen, Glossen und Satiren progressiver Provenienz.“ [Frank Schulz: Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien. S. 162 ff]

Aber sich wundern, wenn der Leser wegrennt …!



4 Kommentare

  1. ‘Morbus Fonticuli’ steht hier im Regal seit Jahren: stinklangweiliges „Sceneblahblah; es kommt dann in den nächsten Stapel wegzuwerfender Bücher (wg. Platzmangel).

  2. Nur gut, dass Geschmäcker verschieden sind – denn so kann ich sagen: Du irrst dich! Vielleicht fehlt bei dir ja jene norddeutsche Sprachschulung, die zwingend zur phonetisch nicht ganz einfachen Lektüre von Schulz hinzugehört. Zumindest solltest du das Buch an jemanden verschenken, damit ein anderer eine große Freude hat …

  3. Ich täts nehmen das Morbus Fonticuli, wenn „Jeeves“ es in einen (ooch ja doch gern als Büchersendung frankierten) Umschlag steckt zwecks Entsorgung. Klaus J. darf dafür auch einmalig meine email weiterleiten! Danke!

  4. Tscha – schauen wir mal, was der Jeeves dazu sagt.

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