Stilstand

If your memory serves you well ...

Max Weber hat doch recht

Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet (…) nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. (…) Dann allerdings könnte für die ‚letzten Menschen‘ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz, dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“ (Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus)

Tscha – weit haben wir’s gebracht! Wenn diese typischen Figuren unserer durch und durch rationalisierten Moderne dann – dumpfschmerzlich ihren existenziellen Mangel empfindend – sich an einer erneuten ‚Verzauberung der Welt‘ versuchen, dann reicht ihre kulturelle Potenz, historisch gesehen, entweder nur zu einem mythosbesoffenen Nationalsozialismus im wagalaweienden Wagnerkostüm oder zu einem schlechterdings tierisch-egoistischen Mammonismus, der sich aus Mangel an Geist über seine erbärmliche Existenzweise gleich gar keine Gedanken mehr zu machen pflegt …

4 Kommentare

  1. Das geht natürlich von der völlig falschen Prämisse aus, dass nur der Irrationale Wunder erleben kann. Weil ich weiß, wie ein Regenbogen entsteht, kann ich mich nicht mehr an ihm erfreuen? Oder ist es nicht so, dass ich mich sogar mehr erfreue, weil ich viel mehr zum Erfreuen habe, nämlich die Gesetze der Natur, die den Regenbogen erst ermöglichen? Ist es nicht viel schöner und wunderbarer zu erkennen, dass die Natur, das Universum und der ganze Rest in ihrer ganzen Komplexität aus relativ simplen Grundlagen heraus funktionieren, als zu sagen: ‚Ui schön, hat einer für uns an den Himmel gemalt.‘?

    Wie du richtig schreibst, waren ausgerechnet jene, die gerne mal als böse, böse Rationalisten, Wissenschaftsgläubige und Atheisten hingestellt werden, die schlimmsten Mystiker überhaupt. Weder die Nazis noch die Kommunisten oder Stalinisten interessieren sich auch nur im Geringsten für Wissenschaft, sie sind alberne Gläubige eines Mischmasches aus diversen Mythologien, die nach jedem Strohhalm greifen, um ihre kruden Weltvorstellung teleologisch retten zu können.

    [Kritischer] Rationalismus geht von der Veränderbarkeit der Thesen aus, er rechnet damit, dass Bedingungen sich ändern, Perspektiven angepasst werden müssen, wir die Wahrheit nicht präsentiert bekommen oder auch nur [als einzelne] erlangen können. Er ist das genaue Gegenteil jener Ideen, die von bekannten und weniger bekannten Ökonomen in den letzten 40 Jahren in die Öffentlichkeit gedrängt werden.

  2. Max Weber war ja geradezu der Prototyp eines ‚kritischen Rationalisten‘. Seine Kritik richtet sich gegen den Glauben der ‚vollständigen Berechenbarkeit‘ der Welt. Du kannst eine Beethoven-Symphonie mit Hilfe von Oszillographen vermessen, diese oder jene emotionale Wirkung auf den Wechsel von Ges nach Fis (oder so) schieben – dem ‚Geheimnis‘ des Genialen in dieser Musik kommst du damit keinen Schritt näher. Auch wissen wir, dass kein System erkenntnistheoretisch über den eigenen Tellerrand schauen kann. Keine Gesellschaft kann bspw. Aussagen über sich treffen von einem Standpunkt außer ihr. Alle Erkenntnis ist damit notwendig begrenzt.

    Die Nazis waren übrigens durchaus ‚wissenschaftsgläubig‘, im Zuge der Rassenkunde wurden die Nasen aller möglichen Völker akribisch ‚vermessen‘, ein missverstandener Darwin wurde an allen Hochschulen gelehrt, und die Raketenforschung blieb bekanntlich auch nicht ohne Erfolge. Der ‚Mythos vom Nordischen‘ füllte bloß notdürftig jene Leerstelle, die eine entgötterte, im Kern auf immerwährenden Krieg und Zuchterfolg basierende wissenschaftlich-diktatorische Gesellschaft offen ließ.

  3. Ah, das Problem liegt dann allerdings nicht bei den Rationalisten, sondern bei den Halbgebildeten, die 3 Dezimalstellen für besser halten. Jene, die eben eine vorgefertigte Meinung haben, bevorzugt aus der Spiegel-Bestsellerliste ‚Sachbuch‘ [alternativ: Schätzing] und nun nur noch die Zahlen dafür suchen. Im Grunde jenes Zerrbild, das auch viele Staatsanwälte von ihrem Beruf haben: Beweisen, das Herr K. schuldig ist, egal ob die Faktenlage anders aussieht.

    Der angebliche Darwinismus, dem die Nazis anhingen, war gerade einmal eine fürchterlich verballhornte Version der Spencer’schen Interpretation – ein Soziallamarckismus also, der ‚fit‘ mit ’stark‘ und ’survival‘ mit KZ-Wächter verwechselt. Natürlich kann ich mich gut wissenschaftlich-mathematisch geben, wenn ich von vornherein festlege, dass die Nasen aller Nicht-Deutscher den Untermenschen belegen. Folge ich dem Stürmer [nicht Michael, Streicher], wären die ersten im KZ gewesen: Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Hermann Göring, Hjalmar Schacht, Ernst Röhm [OK, der hat’s fast gepackt]. Aber das ging ja nicht, da ja nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

    Ich gebe dir völlig Recht, wenn du meinst, dass viele Menschen besser zurecht kommen mit künstlich gewachsenen moralischen Instanzen. wie gesagt, es ist so viel einfacher, wenn im Himmel der weißbärtige Über-Papa wartet, den Sündern den Arsch zu versohlen, die Guten zu belohnen. Wobei das auch nicht gerade zu immerwährendem Frieden geführt hat, gerade die drei abrahamischen Religionen nutzen Papa Weißbart gerne, um Krieg zu führen und Genozide zu vollbringen. Ist ja für ’ne gute Sache.

    Nein, Wissenschaft ist nicht inherent diktatorisch, es kommt immer drauf an, was wir daraus machen. Leider deneken viele bei ‚Wissenschaft‘ an Technik und Ingenieurswesen, und folgern dann, dass Menschen und Gesellschaften wie Maschinen in einem geschlossenen System arbeiten. Wer so denkt, glaubt – im schlechteren, religiösen Sinne – an Zahlen statt sie zu interpretieren. Wer so denkt, hat keinen wissenschaftlichen Intellekt, er nutzt nicht die wissenschaftliche Methode. Wer so denkt, will eine Technokratie.

  4. „…diese oder jene emotionale Wirkung auf den Wechsel von Ges nach Fis (oder so) schieben…“
    Kleines Beispiel aus eigenes Erleben: Ich mochte schon immer die Fugen von Bach. Meine Gattin (mit Hilfe von Leonard Bernstein) erklärte mir dann, wie Fugen „funktionieren“, wie sie gebaut sind. Und nun genieße ich sie mehr als zuvor. Ähnliches gilt für Beethoven oder Mahler, ja sogar Wagner. Ich glaube also nicht an das strikte entweder/oder: Emotion, Geheimnis, Unerklärbarkeit contra Wissen. Beides geht auch prima zusammen. (Sicher nicht immer und überall).

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