Gegen berechtigte Auseinandersetzungen, die jeder Seite eine Aussicht auf Erfolg zu bieten scheinen, ist nichts einzuwenden, vor allem, wenn statt des Bluts nur die Tinte fließt. Doch haben die umstrittenen Anliegen der Gentrifizierungsgegner nun mal in Berlin so gut wie keine Chance: Berlin wird Schritt für Schritt eine echte Hauptstadt werden, mit allem Chichi und Chanel – und in der Pariser oder in der Londoner Innenstadt wehrt sich schließlich auch keine Sau gegen steigende Mieten. Im Zentrum lebt, wer sich die große Langeweile leisten kann. Punkt. Die Lösung für die Berliner Bohème muss daher lauten: Mehr Geld für die eigene Ware verlangen. Oder als Bohème weiter nach Wanne-Eickel ziehen. Es gibt Schlimmeres – auch für das Ruhrgebiet. So viel zur Soziologie.

Den militanten Gentrifizierungsgegnern lässt sich deshalb alles Mögliche vorwerfen, gern auch Dummheit, Verbohrtheit, Starrsinn oder die Infantilität eines Denkens, das auf Räuber-Hotzenplotz- oder Pippi-Langstrumpf-Niveau eine zwangsläufige Entwicklung verhindern möchte. Aber ihnen gegenüber gleich die Faschismus-Keule auszupacken, nur weil das Guggenheim-Museum im Verbund mit BMW ein Projekt des kulturellen Product-Placement am Spreeufer nicht mehr umsetzen wollte, das zeugt von der Ebenbürtigkeit eines Schreibers mit seinen Gegnern. Außer Gebölke und Spesen war da nämlich bisher gar nichts gewesen ..

Trotzdem keilt nazistisch unreflektiert der Alexander Marguier im ‚Cicero‘ hinterrücks aus, weil er sich wegen entgangener Kulturfreuden von „Kiez-Faschisten“ umgeben wähnt, oder von „Linksfaschisten“, worunter er vor allem „mäßig erfolgreiche Künstler“ versteht. Vielleicht spukt ihm bei solch gewagten Vergleichen ja die missglückte Karriere des österreichischen GröSchwaZ als Postkartenmaler im Kopf herum. Sich selbst kam der ‚Luxusexperte‘ und vormalige Welt-Schreiber sicherlich nie in den Sinn, obwohl auch sein Oeuvre inzwischen bei Amazon für discounthafte 2,47 Euro über den Ladentisch geht.

Kurzum – es mag ja sein, dass einem irgend ein anderer gnadenlos auf den Geist geht: Der Olsen-Bande aus Gentrifizierungsgegnern zum Beispiel die verschnarchte Kunst der Haute Volée statt der einzig wahren revolutionären Volx-Straßenkunst. Dem Feminismusfeind Marguier, demzufolge die Frauen vor allem ‚treu‘ zu sein haben (Vorsicht – auch hier liegen ‚troitoitsche Maiden‘ und der Faschismus-Vorwurf so manch selbstbewusster Frau sicherlich schon auf der Zunge!), diesem Frauenflüsterer widerstrebt dagegen das Gehabe einer Alice Schwarzer. Sich aber wechselseitig deshalb die Faschismus-Keule über die Rübe zu hauen, das wirkt so angemessen, wie meinethalben der Begriff ‚Eleganz‘ zur Beschreibung einer Tierkörperbeseitigungsanlage.

Weniger Faschismusvorwürfe wären in dieser Gesellschaft schlicht ein Mehr an Präzision. Auch trifft der Begriff ‚Faschismus‘ außerhalb der historischen Zunft kaum noch die Sachverhalte, sondern allenfalls jene Personen, die ihn verwenden. Die Anwendung – auch dieses Textes – erfolgt daher auf eigene Gefahr; Eltern haften für ihre Kinder.

Nachtrag – als Anmerkung zum Kulturbegriff des Alex Marguire: ‚Schließlich hat BMW-Marketingchef Ellinghaus das Ziel des Lab-Sponsering eindeutig formuliert: „Es geht mitnichten darum, möglichst viel für kulturelles Engagement auszugeben, sondern um eine langfristige, positive Wahrnehmung des Unternehmens als auch der Reputation der Marke BMW – auch in der Presse.“ Der Stadtteil Kreuzberg – das dürfen wir daraus mit Fug schlussfolgern – verliert also ohne das abgesagte Marken-Bohei mitnichten Kultur, der Spritschluckerproduzent BMW gewinnt nur kein ‚Ihmetsch‘ hinzu. Was wiederum blankem Faschismus gleichkäme, behauptet jedenfalls unser logikverlassenes Mausi vom Föjetong, das nicht den Hauch einer Ahnung besitzt, wie Faschismus zu definieren sei. Jedenfalls hält das putzige Wesen schon jede Form von Anwohnerbeteiligung für hakenkreuzverdächtig – und jede bunt beklebte Litfass-Säule für ein kulturelles Weltwunder.