Stilstand

If your memory serves you well ...

Man kann’s – oder Mokanz

Jochen Buchsteiner ist London-Korrespondent der FAZ – und absolvierte ein Rhetorikstudium. Insofern glaube ich schon, dass er weiß, was er sprachlich treibt. Gestern hatte er in der FAZ aus aktuellem Anlass den Guardian zu fassen – und zwischen den Zeilen stänkert es in seinem Text immer ein wenig gegen jenen kleinen labour-liberalen Freibeuter, der sich in der englischen Hauptstadt noch immer gegen ‚Times‘ und ‚Daily Telegraph‘ mehr oder minder erfolgreich zu behaupten weiß. Der ‚Guardian‘ wisse seine Geschichten ‚fein zu portionieren‘ (die FAZ offenbar nicht), der Guardian achte bei den Geschichten ‚auf den passenden Anlass‘ (die FAZ offenbar nicht), Informationen würden manchmal ‚aus kommerziellen Gründen zurückgehalten‘ (bei der FAZ offenbar nie). Wenn das Verstöße gegen die guten Sitten des Journalismus sind, dann bin ich katholisch. Vollends euphemistisch wird’s bei Ausflügen aufs historische Parkett:

„Die erste Ausgabe erschien in Manchester, im Mai 1821, keine zwei Jahre nach dem „Peterloo-Massaker“, bei dem die Staatsgewalt hart gegen regierungskritische Demonstranten vorgegangen war.“

‚Hart‘ sei diese Regierung also vorgegangen, nur ein klein wenig ‚hart‘? Das große Blutbad bei Peterloo heißt doch nicht aus schierem Schandudel ein ‚Massaker‘. Es gibt überhaupt keinen Grund für diese Anführungsstriche, die Jochen Buchsteiner setzt. Die Gründung des ‚Guardian‘ steht am Anfang der englischen Demokratiebewegung für ein freies und gleiches Wahlrecht, die Zeitung begleitete und inspirierte wiederum diese Demokraten. Alles aber begann mit diesem niederkartätschten Aufstand gegen die Korngesetze und die Tory-Gentry. Punkt. ***

Die Geschichte des ‚(Manchester) Guardian‘ ist seither immer eng mit dieser englischen Wahlrechtsbewegung verbunden geblieben, auch mit William Gladstone, mit der Opposition gegen die Burenkriege, mit antikolonialistischen Bestrebungen, oder mit der Agitation für das Frauenwahlrecht. Der ‚Guardian‘, sozusagen der weiße Ritter unter Englands Tageszeitungen, behauptete sich – trotz seiner notorischen Tippfehler – als besonnenes Intellektuellenblatt der Engländer, ein Ruf, den der ‚Spiegel‘ hierzulande unter Stefan Aust längst leichtfertig verspielte. Dass die FAZ, die nur im Feuilleton ein solches (noch) ist, dass die sich hier in billige Mokanz flüchtet, wo sie genau das ironisiert, was sie selbst auch praktiziert, das mag aus konservativer Distanzierungssucht ja erklärlich sein. Intelligent wird sie, im Gegensatz zum ‚Guardian‘, weiterhin erst ab Seite 25 ff. Davor liegt die große Steppe von Altenbockum …

*** Hier noch kurz etwas zur Vorgeschichte: Nach dem Fall der Napoleonischen Kontinentalsperre gelangte russisches Getreide wieder ungehindert auf den englischen Markt. Die Kornpreise fielen deshalb zurück auf Normalnull, was wiederum der preisverwöhnten englischen Gentry, also den adligen Junkern Englands, ganz und gar nicht passte. Sie beschlossen – in einer Zeit, wo das Wahlrecht noch an Titel, Vermögen und an den großen Grundbesitz gekoppelt war – nahezu widerstandslos die sogenannten ‚Corn Laws‘: Fiel der Getreidepreis unter ein hoch angesetztes Limit, dann sollte gar kein Korn mehr eingeführt werden dürfen.

In der Nähe von Manchester kam es daraufhin zu einer Großkundgebung gegen diese Tory-Regierung. Die Oppositionsbewegung setzte sich für eine Aufhebung dieser Korngesetze und für eine Reform des Wahlrechts ein. Eine unbewaffnete Menge von 80.000 Menschen versammelte sich dort bei Peterloo, gegen welche die englische Regierung unter Lord Liverpool mehrere hundert Polizisten, Husaren und sogar Kanonen auffahren ließ. Beim anschließenden Gemetzel kamen dann waffenlose Männer, Frauen und Kinder ums Leben, viele hundert weitere wurden verletzt.

2 Kommentare

  1. Ich wundere mich schon einige Zeit über die Journaille, die immer etwas findet, um Konkurrenten inhaltlicher Natur etwas ans Bein zu binden.

    Vor einigen Jahren warf man Wikileaks vor, einfach alle Daten ungeprüft abzuwerfen, ganz ohne redaktionelle Einschätzung und mögliche Schwärzungen. Jetzt wirft man Snowden, Greenwald und dem Guardian vor, dass sie sich erst einmal genau mit der Materie in ihren Händen vertraut machen, um sie journalistisch einzuordnen. Aber vielleicht ist es wirklich nur die Abscheu, dass jemand anders mit Informationen Geld macht und Deutungshoheit erlangt als man selbst.

  2. Davor liegt die große Steppe von Altenbockum …

    Wunnerschön.

    Der Satz, nicht die Steppe. Die ist eher, äh, so steppenmäßig halt …

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