Rede ich mit Gottesfürchtigen, versuche ich ihre Argumente zu verstehen, dann frage ich mich manchmal schon, was dieses wirre Zeug mir logisch nun beweisen soll. So geht’s mir heute mit Malte und seiner Säbelantilope – obwohl der Chef d’Opinion vom ‚Tagesspiegel‘ doch eigentlich seinem Publikum nur verklugfideln möchte, warum man kleinen Jungs in unbetäubtem Zustand die Vorhaut abschneiden darf, und zwar, bevor sie alt genug sind, selbst über eine solche Onanierbremse zu entscheiden. Ferner, weshalb Gott und Brauchtum immer weit über aller Vernunft stehen müssen. Zu diesem Zweck nimmt Malte Lehming erst einmal Anlauf bis in die Steinzeit:

„Wirklich fehlen uns die Säbelantilope oder der Schwarzfußiltis nicht. Aber irgendwie fühlen wir uns ärmer ohne sie. Obwohl wir sie nicht brauchen, vermissen wir sie.“

Tscha, auch ich heule jede Nacht wegen des Dahinscheidens der Schwarzfußiltisse mein Kopfkissen nass! Und wer täte das nicht? Wie und wo aber, das fragt sich der gespitzte Leser, wird ihm der Malte jetzt den Pfad der Parallelisierung weisen: Vermissen etwa auch kleine Jungs ihre Vorhaut, fühlen sie sich ärmer, obwohl sie sie nicht brauchen, ist diese Vorhaut der Schwarzfußiltis der Religionsgeschichte? Weit gefehlt! Der Malte apportiert statt des kognitiven Wildbrets nur ein waschechtes Paradoxon:

„Wenn Vielfalt ein Wert an sich ist, sind vielleicht auch menschliche kollektive Verschiedenheiten ein Wert an sich.“

Dieser Konditionalis will uns sagen: Wenn Vielfalt viel gut, dann Nichtvielfalt auch vielfältig gut. Oder: Wenn Mensch zehnfuffzich Stundenlohn, dann Radieschen auch zehnfuffzich Stundenlohn. Prompt faucht meine Logik wie eine Katze, die gebadet werden soll, weil in ihrer schlichten Welt die Kollektive eher für ‚Gleichmacherei‘ zuständig sind, so wie dies unter gleichgeschalteten Taliban im schönen Afghanistan noch heute der Fall ist, so, wie einst auch beim Onkel Adolf in der Hitlerjugend, diesem Hort der ‚kollektiven Vielfalt‘. Während nur die Achtung der persönlichen Entscheidung und der Individualität auch die Verschiedenheit zu respektieren pflegt.

Für Malte aber sind solche historische Erfahrungen eitler Wahn. Er erfindet sich seine ‚kollektive Verschiedenheit‘, die sich dadurch auszeichnen soll, dass sie für alle Sektenmitglieder die gleiche Schniedelwutz-Gestaltung zum gleichen Zeitpunkt aus einfältigen Gründen der gleichförmigen Vielfalt einfordert. Vernunft und Semantik einerseits, Malte andererseits reden hier in verschiedenen Sprachen …

Wem so etwas einleuchtet, der darf auch ruhig doof sein, fährt Malte fort – wobei ich sogar sagen würde: Er muss doof sein! Nur drückt’s unser Rabulist ein wenig unverständlicher aus, sonst wären am Ende die Jünger des Unbeweisbaren noch beleidigt:

„[Kollektive Vielfalt] bedeutet, einen Pluralismus auch unverständiger Ausdrucksformen von Menschen anzustreben.“

Anzustreben, schreibt er, also aktiv darauf hinarbeiten. Nicht nur passiv wie ein Weiser in der Berghöhle die Blödheit der Menschen erdulden. Wenn also – so Maltes Logik – nach dem nächsten Schamanenfestival uns irgendeine Sekte die Anbetung des großen Blauhais empfiehlt, was jährlich die Opferung einiger altmedialer Chefredakteursgehirne erforderlich machen könnte, dann würde der Malte Lehming dies auch als Ausdruck ‚kollektiver Vielfalt‘ preisen. Ein wenig Opferbereitschaft muss schließlich sein, allein um der kollektiven Vielfalt willen. Derweil dürfte ich in meiner ‚individuellen Einfalt‘ weiter versauern …

Ergänzung – falls irgendwen meine Meinung in diesem heißlaufenden Brauchtumsstreit interessiert: Mit 18 Jahren soll jeder Mensch frei darüber entscheiden dürfen, ob er sich die Vorhaut abschneiden, die Brust vergrößern oder die Lippen aufspritzen lassen will – allerdings darf er dies nicht auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen tun. Vor Eintritt der Volljährigkeit aber haben Eltern, Rabbis, Mullahs und Ärzte ihre Finger vom Glied und vom Kind zu lassen …