Stilstand

If your memory serves you well ...

Lies sell!

Wer bei der Vergabe von Journalistenpreisen nicht an das blanke Wirken des Zufalls glaubt, dem geben die Preisträger jedesmal wertvolle Hinweise darauf, wohin die publizistische Reise gehen soll. Denn es ist ja nicht so, dass Journalisten wie Roland Tichy (Wirtschaftswoche), Helmut Reitze (HR) oder Stephan-Andreas Casdorff (Tagesspiegel) auf beiden Augen blind wären, vielmehr gaben sie mit der Vergabe des Johanna-Quandt-Medienpreises an zwei Bild-Zeitungs-‚Journalisten‘ einer ganzen Branche Fingerzeige, welche Form des Journalismus bei Verlegern und Chefredakteuren in Zukunft als Schreibhaltung erwünscht ist. Plakativ ausgedrückt: Das ‚Fleischhauern‘ soll jetzt ‚der Standard‘ werden …

Popanzbasteln, einseitiges Schuldverteilen und der Verzicht auf jede journalistische Differenzierung – das ist es, was die preisgekrönten Texte von Nikolaus Blome und Paul Ronzheimer in meinen Augen vor allem auszeichnet. Die Headlines schon machen deutlich, dass der Journalist sich nicht länger in der Aufklärerrolle gefällt, er soll zum gewieften Demagogen werden, der dem großen Affen Zucker gibt: „Wie Athen sich den Euro erschwindelte“; „So frisierten die Griechen ihre Bilanzen“; „So winkte die EU den Euro für die Griechen durch.“ Die Heilige Trias des Volkszorns – EU, Linke und Ausländer – findet sich hier einträchtig versammelt, nicht nur in den genannten Überschriften, sondern als durchgängiger Tenor in allen diesen ‚Texten‘. Und wer die Griechen würgt, der hat eben keine Hand mehr für unsere Banken frei …

Für mich, der ich nicht völlige Verblendung bei den Juroren voraussetzen mag, lässt diese Preisvergabe nur einen Schluss zu: Ein neuer Barrabas-Journalismus soll an die Stelle alter journalistischer Ideale treten. Man gibt zukünftig dem Pöbel, was er verlangt. Diese journalistische Duldungsstarre lässt sich noch nicht einmal als ‚Meinungsmache‘ bezeichnen, es ist der dienstbereite Koitus mit einer aufgeguselten, je nach Ereignis wechselnden Stimmungslage, wie sie bspw. ein paar verschwörungstheoretisch infizierte Trolle kontinuierlich in den Foren bei ‚Welt Online‘ oder ‚SpOn‘ in eine höchst defizitäre Schriftform pressen. Diese wird jetzt von einem Profi ’salonfähig‘ aufgeputzt, der dann als Leitwolf mit den Wölfen heulen darf.

Der neue „Rudeljournalismus“ (Kurt Imhof), eine Schwundstufe der Publizistik, wurde hier nicht nur prämiert, sondern als neues Ideal allen Volontären vor Augen gestellt. Vermutlich nicht nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen, also der Auflage wegen. „Lies sell“ … schon klar, Halbwahrheiten sind sogar noch wirksamer. Vor allem aber lässt sich mit Hilfe des Nach-dem-Munde-Schreibens ein betrogenes Heer aus gleichgestimmten Landsknechten für ganz andere Zwecke rekrutieren.

2 Kommentare

  1. Ich verstehe nicht, wieso Sie „in meinen Augen“ und „für mich“ schreiben, wo Sie doch nur objektive Sachverhalte wiedergeben. Man schreibt doch auch nicht „für mich ist die Erde keine Scheibe“.

  2. Nun – wenn eine Meinung als subjektiv gekennzeichnet wird, dann ist sie auch weniger justiziabel. Ob diese Medienmogule einen derartigen ‚Masterplan‘ tatsächlich haben, weiß ich nun wirklich nicht, denn ich saß noch nie als Mäuslein in deren Kopf. Also kann ich nur sagen, dass es „für mich“ nur so Sinn ergibt, weil sich alles dann fügt …

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