Sie sagen, der fundamentale Unterschied zwischen der Literatur und dem Journalismus bestünde darin, dass die Literatur immer ‚über sich hinausweise‘. Der Journalismus dagegen dürfe ums Verrecken nichts ‚zwischen die Zeilen schreiben‘; schriftstellerisch gesehen beschränke sich der Tagesschreiber auf die Textoberfläche.

Gegenrede: Großen Journalisten – Börne, Heine, Gutzkow, Kerr, Harden, Polgar, Schubart, Roth, Enzensberger, Tucholsky usw. – denen gelang es immer auch, einen Subtext unter der flachen Textoberfläche des Offensichtlichen und im Dickicht der Metaphern zu verstecken. Wo der kundige Leser dann im Halbdunkel die erwünschte Bedeutung herauslesen kann, nicht aber bspw. der dumpfe Zensor. Ich denke daher, auch der Journalist muss es wieder lernen, wie ein Literat ‚zwischen die Zeilen‘ zu schreiben, jedenfalls dann, wenn er anspruchsvoll oder zum ‚Qualitätsjournalisten‘ werden, oder aber, wenn er großen Vorbildern gleichen will. Der Journalismus muss schlicht wieder intelligenter werden. Ein guter Text weist immer über sich hinaus, das ist in jedem literarischen Genre sein meisterliches Merkmal:

„Literatur besteht darin – hat jemand irgendwann behauptet -, dass man etwas sagt und etwas anderes meint. Besser wäre es: dass man mehr meint, als man ausgedrückt hat. Das ist sehr primitiv, aber ganz falsch ist es nicht. Worauf der doppelte Boden abzielt, das wird üblicherweise anders genannt: Man spricht von der Zeichenhaftigkeit der Literatur. Oder auch: Der literarische Text weist über sich hinaus.“