Da geht es einem Schreiber also um den Aufstieg von eher unangenehmen Figuren wie Geert Wilders oder meinethalben hierzulande auch dem verblichenen Jürgen Möllemann. Was fällt diesem Zeit-Besinnungs-Journalisten Paul Scheffer aber dazu ein: Er hält uns eine Trauerrede auf „das Ende des liberalen Jahrhunderts“. Unter solchen Leuchtturm-Vokabeln tut er’s nicht.

Ja – rekapitulieren wir doch mal: Vor genau 100 Jahren, im Jahr 1910, hatten wir hierzulande den Wilhelminismus. Der Liberalismus war damals eine komische Trachtengruppe, die sich in ihren Freimaurerlogen tummeln durfte, im Parlament waren sie eine verschwindende Minderheit – faktisch regiert haben Adel, Junker und Militärs. Das zog sich hin bis 1918.

Danach hatten wir die Weimarer Republik. Auch hier regierten die Liberalen – wenn man einen Stresemann unbedingt dazu zählen will – nur einige wenige Jahre, zumeist in Nebenrollen. Nach einigen sozialdemokratischen Jahren (meist in Koalition mit dem Zentrums-Klerikalismus), regierten dann wieder die gleichen Gruppen wie im Kaiserreich – nur diesmal ohne Kaiser, ersatzweise dafür mit Reichspräsident. Null Liberalismus also auch hier.

Dann kamen Adoof und seine Nazi-Goldfasanengarde. Wer liberal war, hielt damals entweder die Schnauze und berief sich auf die „innere Emigration“ – oder er wurde als Teil der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung außer Landes oder in die KZs gejagt. Wieder zwölf Jahre, die uns hier am Wolkenkuckucksheim eines „liberalen Jahrhunderts“ fehlen.

Ob nach 45 ein ‚Herrenreiter‘ wie Erich Mende als Chef der FDP eher liberal oder reaktionär war, darüber streiten sich die Historiker noch heute. Auch da wehte der klerikale Mief einer katholischen Petit Bourgeoisie durch alle Gassen. Der andere Teil Deutschlands dagegen war gar sozialistisch. Wiederum kein liberales Jahrhundert weit und breit.

Unter Willi Brandt gab es ein kurzes Intermezzo, das man tatsächlich mal liberal im Hambacher Gründersinne nennen konnte. Das dauerte aber nur einige wenige Jahre. Danach kehrten mit Helmut Kohl die alte Stickluft und die bleierne Zeit zurück.

Die Liberalen in jener Zeit versuchten sich übrigens erstmals am Populismus – vide Möllemann. Auch Haider, Blocher oder neuerdings auch Roger Köppel liegen streng auf ordoliberaler Linie, selbst wenn sie ‚die Ausländer‘ – wahlweise ‚den Islam‘ – zu Sündenböcken für alles Elend dieser Welt machen möchten. Nahezu alle Rechtspopulisten gingen ferner biographisch durch eine liberale Schule.

Sagen wir’s doch mal so: All die Haiders, Möllemänner, Sarrazins, Wilders & Co. sind der Ausfluss eines vielleicht jetzt erst beginnenden „liberalen Jahrhunderts“. Liberalismus und Rechtspopulismus speisen sich aus derselben Quelle – aus der Konkurrenzsituation von Wettbewerbergruppen auf dem politischen Markt um angeblich knappe Mittel. Allzu gut paaren sich im Liberalismus marktradikale Überzeugungen à la Hayek mit elitärem Oberschichtendünkel gegenüber anderen – insbesondere gegenüber Ausländern. Der politische Liberalismus hatte – historisch gesehen und abseits seiner Gründungsphase – mit Toleranz immer nur wenig zu tun.

Das feuilletonistische Gesabbel von einem „Ende des liberalen Jahrhunderts“ ist jedenfalls höherer Blödsinn, bestenfalls Selbstbeweihräucherung pekuniärer Eliten oder blanke Geschichtsklitterung. Zur Entschuldigung könnte man höchstens anführen, dass der Verfasser dieses Gebräus Holländer ist, wo die Dinge vielleicht etwas anders lagen. Dann aber ist sein Text auf Deutschland einfach nicht übertragbar und in einer deutschen Zeitung fehl am Platz … und dass der Schreiber mitsamt seinem Liberalismus auch gern ein wenig in Richtung Populismus robben möchte, ist unübersehbar. Er möchte den Liberalismus retten, indem er nach Wilders Kurdistan reitet – und den alten ideologischen Krempel wie Kehricht über Bord schmeißt.

Kurzum: Das „liberale Jahrhundert“ gehört ins gleiche Märchenland wie Lindners „mitfühlender Liberalismus“ …