Stilstand

If your memory serves you well ...

Lebenslesezeit

Der vereinte Jubelpöbel des Herrn Sarrazin rückt ein Argument ständig siegesgewiss in den Vordergrund: Die Kritiker hätten das Buch ja gar nicht gelesen. Ja, das will doch hoffen! Ein gebildeter Mensch hat in seinem Leben schließlich Besseres zu tun, als sich durch einen endlosen Statistikquark zu wühlen, bei dem man nicht weiß, wurden diese oder jene Zahlen gerade fehlinterpretiert oder frei erfunden. Wie dieser soziale Herrenreiter im Kern tickt, das weiß jeder seit seinen „Kopftuchmädchen“ und den anderen Geistesoffenbarungen in der Zeitschrift ‚Lettre International‘. Da der Text dort verschwunden ist, gibt’s dank Internet hier die Kopie. Man muss aber auch das gar nicht lesen …

Arno Schmidt hat in einem seiner Essays errechnet, wie viel Lektüre ein gebildeter Mensch in seinem Leben bei gründlichem Lesen schafft: Er kam auf 2.000 bis 3.000 Bücher, und zwar von der Wiege bis zur Bahre. Mehr ist einfach nicht drin! Daher habe ich schon genug zu tun, jene gewaltigen Bildungslücken zu schließen, die selbst im klassischen Kanon bei mir noch klaffen. Bis heute las ich bspw. weder Marcel Proust, noch Nathaniel Hawthorne, Herbert Rosendorfer, die Rahel Varnhagen oder den Octavio Paz. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Schon die anerkannte Literatur ist von einem Menschen nicht zu verarbeiten.

Und da sollte ich meine begrenzte Lebenskapazität für Lektüreerlebnisse an eine schlampig recherchierte Scharteke von einem gewissen Thilo Sarrazin verschwenden? Eher lese ich die Hegemann!

5 Kommentare

  1. Nimmt man dann noch die ganze gute Musik dazu, die man noch kennenlernen sollte, dann bleibt erst recht keine Zeit mehr für den Sarrazynismus übrig. Und für die meiste Mainstream-Musik auch nicht.

  2. Herbert Rosendorfer zu lesen macht großen Spaß. Auch wenn er von der „offiziellen“ Kritik offenbar nicht beachtet wird. Oder gerade weil? (…aber andersrum: der erwähnte „Spaß“ ist denen wohl zu unseriös?)

  3. Wolfgang Hömig-Groß

    4. September 2010 at 9:56

    Wenn es denn mal Statistiken wären, bei Herrn Sarrazin. Hier gibt er zu, dass das, was er so fein in Prozentwerte umrechnet, nichts weiter als Gefühle sind – Hauptsache die richtig stimmt:
    http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/2010/08/sarrazin-baut-sich-die-statistik-selbst.php?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+ScienceBlogs%2FPlazeboalarm+%28ScienceBlogs+%2F+Plazeboalarm%29
    Der relevante Text ist hier das Zitat, zitiert nach SZ-Online.

  4. Applaus!!
    Schönste Begrifflichkeiten: Sozialer Herrenreiter und schlampig recherchierte Scharteke.

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