Stilstand

If your memory serves you well ...

Künstliches Heroin

Erst das Adjektiv macht aus der Droge die ‚Milde Sorte‘. Im Kern handelt es sich beim ‚künstlichen Heroin‚ um einen ’schwarzen Rappen‘ oder einen ‚duftenden Misthaufen‘ – es ist also ein Pleonasmus. In diesem Fall wurde er von Politikern erfunden und über die BILD-Zeitung lanciert, rein aus rhetorischen Gründen vermutlich, um die Stammtische und die leichtgläubigen Berichterstatter zu beeindrucken, damit die einen Unterschied zu machen lernen zwischen dem bösen Straßenheroin und dem guten Drogentherapie-Heroin vom zertifizierten Apotheker. Einen solchen Unterschied gibt es chemisch aber gar nicht, bis auf die üblichen gesundheitsgefährdenden Streckungen und Panschungen beim Straßenheroin mit Backpulver oder Rattengift. Heroin war nie etwas anderes als ‚künstlich‘; unter der Patentnummer 31650 F 2456 besitzt die Firma Bayer bis heute die Rechte an der pharmazeutischen Rezeptur des Diacetylmorphins. Als Schmerzmittel sollte es dienen, als Hustensaft oder Blutdrucksenker. Ganz nebenbei entdeckte man dann die Suchtwirkung. Weiter aber gab es – außer Verstopfung – tatsächlich keinerlei unerwünschte Nebenwirkungen, solange die Dosis physiologisch angemessen blieb.

Der Ausdruck ‚künstliches Heroin‘ für eine Substanz, die in nichtkünstlicher Form gar nicht existiert, ist also sachlich so überflüssig wie ein Kropf: Diacetylmorphin ist Diacetylmorphin ist Diacetylmorphin. Der Ausdruck wurde einzig und allein geschaffen, um den Sittlichkeitswächtern vor allem in der Union die Zustimmung zu dem Substitutionsversuch zu erleichtern, damit endlich auf Rezept auch Heroin an Schwerstabhängige ausgegeben werden kann.

Was wiederum völlig vernünftig ist: Reines Heroin besitzt außer der (gewaltigen) Suchtwirkung kaum weitere Nebenwirkungen. Es sediert, es macht schmerzfrei, es euphorisiert ein wenig und es verleiht dem sozialen Outcast ein LMA-Gefühl, das ihm das Leben auf der Straße erleichtert – bei leichten individuellen Unterschieden. Das aber, was der Bürger auf der Straße ‚mit ohne Zähne‘ dahertaumeln sieht, das ist ein Zustand, der aus der sozialen Verwahrlosung folgt, nicht aus den Inhaltsstoffen des Heroins, er folgt aus der Selbstsubstitution mit Alkohol und Schlaftabletten, dann, wenn der Beschaffungsdruck trotz des 24-Stunden-Jobs eines Junkies nicht für die neue Dosis reichte.

Dann, in der Heroin-Substitution aber, kommen auch schwerstabhängige Leute gesundheitlich wieder auf die Beine, sie kosten das Gesundheitssystem erheblich weniger trotz ihres Heroinkonsums, auch die Beschaffungskriminalität sinkt, ebenso wie die Zahl der AIDS- und Gelbsuchtinfektionen, und teilweise gehen sie sogar einer geregelten Arbeit nach, weil der Beschaffungsdruck komplett entfällt. Die Leute haben erstmals wieder Zeit.

Dem Spießer aber scheint es, als dürften jetzt irgendwelche Junkies auf Staatskosten jeden Tag Party feiern und sich pharmakologisch die Birne wegblasen. Deshalb ist er dagegen. Denn er muss ja schließlich auch an jedem Morgen früh hoch. Und deshalb darf die CDU der Vernunft keinerlei Raum geben, denn in ihrer Wählerschaft vor allem sind diese ‚bürgerlichen Tugenden‘, die Vorurteile und der radikale Gleichheitseifer in Sachen Lebensstil daheim (s. z.B. die Kommentare hier).

Und deshalb muss – wenn schon, denn schon – ein solcher Pleonasmus her … damit nicht so leicht ersichtlich sei, dass echtes Heroin dabei.

7 Kommentare

  1. Artemis Hertz Inchlog

    4. Juni 2009 at 14:09

    Hallo!

    1) Duft ist doch meist ein angenehmer Geruch, oder? Dann wäre ein duftender Misthaufen kein Pleonasmus …

    2) Für die Bayer AG und ihre Vorgänger war nicht die Substanz und auch nicht das Herstellungsverfahren geschützt, sondern nur das Wort Heroin als Marke. Dieser Markenschutz wurde nach dem 2. Weltkrieg aber nicht mehr verlängert und erlosch 1950 (nachzulesen auf den Seiten 63/64 des gewissenhaft recherchierten Buches „Heroin“ von Michael de Ridder, einer Überarbeitung seiner Dissertation am Berliner Institut für Geschichte der Medizin).

    3) Von künstlichem, synthetischem oder synthetisch hergestelltem Heroin sprechen nicht nur BILD und konservative Politiker, sondern auch Tagesschau, ZDF, taz und viele andere, sogar das Deutsche Ärzteblatt … Die Bundesdrogenbeauftragte und die Bundesärztekammer sprechen von pharmazeutisch hergestelltem Heroin. Das unterscheidet sich nicht nur durch Substanzreinheit vom „Straßenheroin“, sondern auch durch das saubere Herstellungsverfahren.

    Schöne Grüße
    Artemis

  2. Hallo.

    1.) Ein Duft ist zunächst einmal schlicht auch nur ein Geruch. Ein Misthaufen, der bspw. nach Lebkuchen geduftet hätte, ist mir noch nicht untergekommen. Einer, der gar nicht geduftet hätte, auch nicht.

    2.) Danke für die Klarstellung. Hier ein etwas ausführlicherer Text mit Link, wonach auch das Verfahren von Bayer geschützt worden sei: „Der englische Chemiker Charles Robert Alder Wright entwickelte 1873 ein Verfahren zur Synthetisierung Diacetylmorphins, eines Syntheseprodukts aus Morphin und Essigsäureanhydrid. Am 26. Juni 1896 griff die Aktiengesellschaft Farbenfabriken (heute Bayer) das Verfahren auf und ließ es unter der Bezeichnung Heroin und der Patentnummer 31650 F 2456 schützen. Wenig später gelang am 21. August 1897 nach dem gleichen Verfahren dem bei Bayer beschäftigten Chemiker Felix Hoffmann ebenso die Synthetisierung Diacetylmorphins. Daraufhin startete ab 1898 der Bayer-Konzern die Produktion von Diacetylmorphin.“

    Das Essigsäure-Anhydrid, das zur Umwandlung der Morphinbase in Heroin benötigt wird, das stammt meines Wissens übrigens noch immer vorwiegend aus Bayer-Laboren. Wobei Acetanhydrid natürlich nicht nur zur Drogenproduktion gebraucht wird. Warum eigentlich, frage ich mich, verzichtet der Konzern nicht schlicht auf sein imageschädliches Patent fürs ‚Heroin‘ – zumal daraus ja keine ‚Helden‘ resultieren, sondern arme Würstchen? Es muss wohl daran liegen, dass Diacetylmorphin pharmakologisch zugleich noch immer eines der potentesten Schmerzmittel ist, die wir kennen. Soziale, kulturelle und medizinische Faktoren haben sich bei dieser Substanz wohl unauflöslich verknäuelt.

    3.) Ein sauberes Herstellungsverfahren hat meist auch die Substanzreinheit zwangsläufig zur Folge.

  3. Artemis Hertz Inchlog

    4. Juni 2009 at 15:38

    1) Wenn ich mal einem duftenden Misthaufen begegne, dann denke ich jedenfalls eher nicht: „Normal, Pleonasmus.“, sondern beginne an meiner Nase zu zweifeln: „Der müsste doch eigentlich stinken, nicht duften?“ 😉

    2) Herr Ridder hat beim Patentamt die Patentschriften eingesehen, weiß zu berichten, dass der Markenschutz 1936 zuletzt verlängert wurde, hat sich im Bayer-Archiv umgetan … Kurz: Sieht nach sehr gewissenhafter Recherche aus.
    Link zu Google-Books

    3) Ja, aber es geht dann eben nicht nur um Backpulver und Rattengift … Sollte eher ein Hinweis sein, dass pharmazeutisch hergestelltes Heroin schon etwas anderes ist als „stinknormales“ Heroin. Dass daraus dann „künstliches Heroin“ in der Berichterstattung wurde, ist natürlich sprachlich unsauber, da widerspreche ich gar nicht.

    Schöne Grüße!

  4. Der Name des neuen Gesetzes „Gesetz zur diamorphingestützten Substitutionsbehandlung“ ist irreführend, da die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe eine Originalstoffabgabe darstellt und wissenschaftlich betrachtet nicht als Substitutionsbehandlung klassifiziert werden kann, da kein Ersatzmittel (Substitut) verabreicht wird, sondern ein Originalstoff. Heroin ist der Markenname von Diamorphin, auch Diacetylmorphin genannt, genauso wie Aspirin der Markenname von Acetylsalicylsäure ist.

    Das „Gesetz zur diamorphingestützten Substitutionsbehandlung“ müsste von der Sprachlogik „Gesetz zur diamorphingestützten Behandlung“ heißen oder einfach „Originalstoffabgabegesetz“ respektive „Originalstoffvergabegesetz“. Der Begriff „Substitution“ ist in diesem Gesetz völlig fehl am Platz, da kein Substitut, das heißt kein Ersatzmittel verabreicht wird, sondern der begehrte Originalstoff. Mit dem Namen des neuen Gesetzes wird eine Mehrung und keine Minderung der Sprachverwirrung im Bereich des Drogenrechtes etabliert.

  5. Völlig richtig, danke für die Klarstellung – ich werde mir angewöhnen, von einer „kommunalen Heroinvergabe“ zu sprechen.

  6. Artemis Hertz Inchlog

    22. Juni 2009 at 12:46

    Andererseits gehört zur Substitutionsbehandlung ja mehr als nur die Abgabe eines Substituts: Die Leute werden psychisch, sozial und medizinisch betreut, Räume und Spritzen werden bereitgestellt, Arzt und Betreuer wirken auf die berufliche und soziale Reintegration hin usw. Jedenfalls sollte das so sein. Da ist es doch sowohl wissenschaftlich als auch sprachlich einigermaßen logisch, das Wort „Substitution“ aufzunehmen, um die Nähe zu diesem umfassenden und seit Jahren praktizierten Therapieprogramm zu verdeutlichen. Substituiert (ersetzt, ausgetauscht) wird eben mehr als bloß der gespritzte Stoff.

    Schöne Grüße
    Artemis

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