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Kommentare gewichten

Aus Kommentaren lässt sich viel lernen, vor allem, wenn die Zustimmung des Publikums zum jeweiligen Kommentator offen sichtbar wird (solch eine Feedback-Funktion wäre übrigens auch für die Artikel im Dutzendjournalismus sinnvoll). In diesem Beispiel, im bürgerlichen ‚Tagesanzeiger‘ der Schweiz, kommentiert ein bürgerliches Publikum die bürgerliche Sicht auf ein Ereignis, das die Schweiz gar nicht unmittelbar betrifft: Es geht um die ‚Einigung‘ der Troika mit Zypern. Ein Like- und ein Dislike-Button ermöglicht es den Lesern, die Relevanz der Beiträge zu gewichten. Ich liste einfach einige der Kommentare, die besonders viel Zustimmung fanden, um einer bürgerlichen Sicht auf die Ereignisse näher zu kommen:

„Immer wieder erstaunt es mich, dass ausgerechnet die Banker protestieren. Ausländern haushohe Zinsen anbieten, die Gewinne abschöpfen, und wenn dann das Land vor die Wölfe geht, gleich wieder die hohle Hand machen. Wie der „wütende“ Banker vorgestern: die EU solle „Zypern moralisch und finanziell unterstützen“. Ja, natürlich … aber damit die Zyprer-Banker das Geld als Zinsen an Russen weitergeben?

„Zypern wird nicht gerettet. Nur die EZB und die Banken, die fehlinvestiert hatten. … Die Papierversprechen sind null und nichtig. Der einzige Weg, an wirkliches Geld zu kommen, ist, die Ersparnisse der Leute abzugreifen. Enteignung nennt man das. Das ist die Blaupause für die Rest-EU.

„Die Legitimation des Vorbildes, welches der Kapitalismus für „alle“ haben soll, verliert dieser immer mehr… Heute Zypern und morgen? Verlieren die Menschen in einer Sitzung per Dekret alles, worauf diese aufgebaut haben. … Gigantische Raubzüge …

„Das Problem ist – wie überall – die Verbandelung der Hochfinanz mit der Politik und die daraus entstandenen Korruptionen.“

„Was hier abläuft ist ein Krieg. Noch ohne Waffen. Die Gegner verstecken sich hinter den Banken. Nein, die Banken sind nicht Täter. Das Bankwesen ist Opfer, oder anders ausgedrückt, der Mantel eines gefährlichen Systems.

So weit diese kleine Übersicht. Wer will, soll selber nach Relevanz fahnden. Es zeigt sich, dass derzeit in einem bürgerlichen Publikum diejenigen Thesen – und zwar ganz ohne pöbelhaften Schaum vor dem Mund – am meisten Zustimmung finden, die das Ende des Laissez-Faire-Systems unserer jüngsten Vergangenheit konstatieren. Das ist ein fundamentaler Wandel, vergleicht man ihn mit dem Individualismus-Getute vom Anfang des Jahrtausends. Die Menschen fühlen sich längst wieder ‚als Kollektiv‘ betroffen. Gecko ist von gestern …

Was aber kriegt unserer bürgerlicher Antik-Journalismus davon mit? Nichts. Er schreibt meilenweit an den Ansichten seiner Bürger vorbei, immer noch direkt aus dem Wolkenkuckucksheim der Hochfinanz heraus. Eine Funktion der Kommentar-Gewichtung könnte da neue journalistische ‚Leitlinien‘ generieren, ohne populistisch zu werden. Denn am meisten Zustimmung erntet im ‚Tagesanzeiger‘ nicht das rassistische Off-Topic-Gegröhle auf intellektuell besonders tief gelegtem Niveau, hoch gewichtet werden zumeist die ernsten und vernunftgelenkten Beiträge …

5 Kommentare

  1. Das (Presse)Imperium streikt back. Überschrift in Tagesschau.de: Zorn und Enttäuschung bei den Geretteten
    Diese undankbaren Geretteten aber auch! Die wissen gar nicht, wie gut man es mit ihnen meint. Wahrscheinlich ist der gemeine Zypriot einfach nur zu doof, um zu begreifen, welchemöffentlichen Chaos und Staatsbankrott man entgangen ist.
    Solch plumpe und herabwürdigende Propaganda empfinde ich als persönliche Beleidigung. Und auf Zypern halten sie Bildchen mit Merkel und Charly Chaplinbart in die Kamera. Warum bloss?

  2. Doppeldeutige Angelegenheit – die derzeitige konservative zyprische Regierung besteht ja zum überwiegenden Teil aus Anwälten mit partizipanten Millionenvermögen, die also an den Aufträgen der internationalen Klientel ihrer Hochzins- und Niedrigstandard-Banken blendend verdient haben. Diese Profiteure des Systems müssen jetzt immerhin zwei ihrer Kasinos abwickeln – und zwar mit Verlust für ihre Kundschaft, und deshalb wohl auch mit Verlust ihrer Kundschaft. Der ‚kleine Mann‘ ist beiden Seiten wohl eher nur Beifang, nur gut für populistische Rhetorik. Man wird da sehen …

    Andererseits gibt es natürlich auch einen Masterplan der europäischen Finanzminister, weshalb sie vielleicht eines der kleinsten EU-Länder (Malta ist noch kleiner) benutzten, um ein weithin sichtbares Exempel zu statuieren – sonst ist das alles nicht erklärlich. Natürlich hätten sie Zypern auch retten können – gesamteuropäisch sind Zyperns Schulden Peanuts, und Deutschland verdient an jeder Rettung bisher eigentlich prächtig – in der Größenordnung von -zig Milliarden im Jahr, direkt von allen ‚Schuldenstaaten‘ in Schäubles lachenden Haushalt. Für die Bundesrepublik gibt es kaum ein besseres Geschäft als die so genannte Schuldenkrise, die im Kern eine Krise der Finanzmärkte, also der vermögenden Anleger, ist. Die hätten halt so gern sechs Prozent – und die kriegen sie derzeit nur, wenn sie in allen möglichen Schrott investieren, mit absehbaren Folgen. Solange die Staaten deren Scheitern dann bezahlen, macht das ja auch nichts …

    Es muss also für das scheinbar ‚irrationale Verhalten‘ der politischen EU-Akteure einen anderen Masterplan geben: Es geht meines Erachtens generell um das Austrocknen von Steueroasen in Europa. Das darf man nicht laut sagen – aber nach Zypern dürfte jetzt vielleicht Malta dran sein, dann Slowenien, Andorra gibt’s als Snack zwischendurch, dann kommt vielleicht erstes Großwild wie Luxemburg oder Österreich dran – und ganz zum Schluss richten sich alle Geschütze auf GB und seine Kanalinseln. The Queen will not be amused …

    Nebenbei: Die Bankschulden aller Bläh-Banken in den Euro-Ländern belaufen sich auf etwa 30 Bio. Euro (ohne ‚Schattenbanken‘). Die Staatsschulden sämtlicher Euro-Länder liegen nur bei einem Drittel davon – bei 11 Bio. Euro. wer ist denn da der ‚große Schuldenmacher‘?

  3. Ich hab das alles immer für ein wenig übertrieben gehalten – Systempresse und so, aber diese Einseitigkeit, mit der in den etablierten Medien inzwischen berichtet wird, schockt inzwischen schon. Schon mal das Heute-Journal gesehen in letzter Zeit? Meinungsmache, astrein.

  4. @ kiezneurotiker: Ich würde da nicht so sehr ‚bösen Willen‘ sehen. Viele Journalisten sind m. E. froh, dass sie sich in diesem komplexen Geschehen eine herrschende Ansicht im Konsens mit den Kollegen herausgebildet haben – nach der Melodie: böse Schuldenstaaten, gutes Deutschland. Unpassende Faktoren stören da nur. Auf diesem Hochsitz sitzen sie alle und kommentieren von dort, obwohl der Wald doch so groß wäre …

  5. und, natürlich:
    nicht die Presse hat’s bemerkt, sondern ein Blog (via fefe):

    Liebe Kunden mit Konten in Zypern, geht einfach, um Geld abzuheben, zu den Londoner Filialen der Zyprischen Banken. Diese waren auch die ganze letzte Woche offen und es konnte dort problemlos Geld abgehoben werden. In der EU ist man anscheinend nicht mit dem Filialbanksystem vertraut und ist daher nicht auf die Idee gekommen, die offensichtlichen Möglichkeiten der Geldverschiebung zu verhindern.

    Das betrifft natürlich nur westliche Oligarchen. Russische Oligarchen konnten direkt in Russland abheben, dort gibt es auch Filialen der zyprischen Banken.

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