Stilstand

If your memory serves you well ...

kleinschreibung

wenn ein schreibender junger mensch erstmals seine individualität entdeckt, verfällt er oft in die kleinschreibung. diese macke gäbe ihm etwas besonderes und unverwechselbares, meint er selbstgewiss. der anfall legt sich zumeist dann wieder, wenn er bemerkt, dass er mit diesem formalen tinnef prompt jenes publikum verprellt, das doch seine sprossende individualität atemlos genießen sollte. das aber – mangels lesbarkeit – seine werte persönlichkeit daraufhin in großem bogen und ganz und gar unbeeindruckt umschifft.

6 Kommentare

  1. jene werte persönlichkeit hat diesbezüglich offensichtlich einen langen atem.

  2. Kleinschreibung wird nicht nur als zeichen von individualität bevorzugt, sondern auch aus unkenntnis der groß- und kleinschreibungsregeln.

    Dagegen ist die Verwendung von BinnenVersalien oder BinnenMajuskeln wie zum Beispiel bei LehrerInnen, GenossInnen, KollegInnen eher eine Möglichkeit, DruckerTinte einzusparen.

    Wenn ich die eine oder andere Art der Groß- und Kleinschreibung aushalten soll, stelle ich das Lesen ein, meistens.

  3. Seltsam finde ich ja, dass die extrem gemäßigte GK-Schreibung in englischen Texten keinerlei Probleme bereitet [oder in Lateinischen, aber das führt jetzt zu weit], während selbst ich – ich lese und schreibe vieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeel Englisch – selbst kurze Texte in deutscher Sprache mit gemäßigter oder extremer Kleinschreibung praktisch immer unlesbar finde. An der reinen Gewohnheit kann es nicht liegen, eben so wenig an Vorurteilen; könnte es sein, dass viel kleinschreiber [sic!] gleichzeitig auch andere Hilfen der Binnenstruktur von Texten ablehnen?

    Als da wären: Absatz, Nebensatz, Verb, Adjektiv/Adverb, Komma, Semikolon …

    Und so wahnsinnig individuell ist das auch nicht, neben Großgeistern, wie einigen Dadaisten oder dem englischen Dichter e.e. cummings, schreiben doch´unheimlich viel Kleingeister gerne alles KLEIN. So wie alle Jeans tragen. Oder mit der Masse gegen Griechen wettern. Oder Lost gut finden. Oder Lost nicht mehr gut finden …

  4. @ Axel: Da wirken – betrachte ich das im Verein mit der ‚extravaganten‘ Typographie – wohl eher frühe Techno-Zeitschriften wie frontpage fort. Die brachten damals auch ecstasybetriebenes Eye-Candy, ansonsten war das nur in äußerst erleuchtetem Zustand lesbar.

    @ Bredenberg: Ich stelle nicht gleich das Lesen ein , aber ich betrachte es zumindest immer als eine Zumutung. Die Kleinschreibung ist konsequent vom Schreiber her gedacht, nicht vom Leser. Dabei sollte es immer um den Leser gehen, auch wenn’s den Schreiber nervt.

    @ Dierk: Im Englischen regiert häufig eine extrem übersichtliche Satzstellung. Außerdem sind dort – so wie im Deutschen die Substantive an ihren Großbuchstaben – viele Verben an den Endungen kenntlich: -ed, -ing usw. Lesehindernisse bei Kleinschreibung – wie z.B. ’sagen‘ – ‚Sagen‘ – sind dort einfach seltener, ohne dass ich dies jemals nachgezählt hätte. ‚To say‘ und ‚the say‘ klängen im Englischen jedenfalls lächerlich, ‚to talk‘ und ‚the talk‘ kommen gelegentlich vor, im Deutschen aber falle ich an allen Ecken drüber, weil jedes infinite Verb genausogut ein Substantiv sein könnte, gäbe es nicht den Unterschied beim Anfangsbuchstaben. Wird im Englischen ein Verb substantiviert, dann drückt es die Endung oft auch aus: bspw. ‚to commit‘ und ‚the commitment‘. Die Großschreibung ist durch diese Lektürehilfen einfach entbehrlicher …

  5. Und wie jeder Bonsai-Individualist steckt er sich damit eben in eine neue Schublade. Reinhard Mey singt von der „Nonkonformistenuniform“ in Bezug auf den alternativen Kleidungsstil. Alles klein zu schreiben, wie tausende andere Individualisten auch, ist also schon mal gar nicht individuell. Auch in der Musik amüsiert mich das Genre „Alternative“ immer, sind doch Genres per se Schubladen.

  6. Wohl auch weil Otl Aicher in dieser Hinsicht im Bauhaus stecken geblieben war, ist die Kleinschreibung bei Grafikern noch immer recht beliebt. Das ist eigentlich schon ein Kompromiß, denn eigentlich ziehen sie Flächen den unregelmäßigen Mustern aus Schriftzeichen vor. Manche Typographen wiederum, hätten gerne Groß-, Klein- und drei Mittelschreibungen.

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