Stilstand

If your memory serves you well ...

Klaus Kocks – der Mythenmetz

Klaus Kocks ist Meinungsforscher, er tritt also mit einem wissenschaftlichen Anspruch auf. Die Fakten, die er anführt, sollten daher also u.a. ‚verifizierbar‘ und auch ‚relevant‘ für ein Thema sein. In der Frankfurter Rundschau beschäftigt er sich mit dem ‚Aufstieg‘ der Piratenpartei, indem er diese kleine Zwei-Prozentler-Partei zur fundamentalen Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft emporjazzt. Sprachlich ist es recht interessant, was er (sich) dort leistet, wobei ich natürlich verstehen kann, dass auch der eigene Beruf des Meinungsforschers im Kern bedroht ist, wenn die assistierende Industrie der Meinungsmacher zunehmend an Relevanz verliert. Mit anderen Worten: Kocks argumentiert pro domo, was ja völlig legitim ist, sofern er dabei nicht auf höheren Blödsinn verfällt.

Klaus Kocks macht zunächst aus der kleinen Piratenpartei einen gefährlichen ‚likedeelerischen‘ Kaperverband auf den Handelsstrecken des globalen Informationsmeeres, der alle Daten dieser Welt zu ‚plündern‘ trachtet, so, als ob es plötzlich keine Verschlüsselung und keine Gesetze mehr gäbe:

„Im Hamburgischen Stadtmuseum kann man von diesen Untaten hören und Störtebekers zerborstenen Schädel sehen. Die Hanseaten haben den abgeschlagenen Kopf des Piraten als Generalprävention vor der Stadt aufgespießt. Nehmen wir, die braven Bürger, die Warnung vor den Piraten an? Ich rede natürlich nicht von den Gewässern vor Somalia, sondern einer neuen Partei unserer Tage, die die Existenz von Kunst, Kultur und Journalismus bedroht.“

Tscha – so etwas nennt man wohl eine unangemessene Aufwertung eines politischen Zwerges zur universalen Weltgefahr für Kultur, Zivilisation und Portfolio. Ganz abgesehen davon, dass die Piratenpartei ihren Namen bekanntlich in ironischer Absicht aufgriff, um das Gegreine der vereinigten ‚Internet-Ausdrucker‘ zu karikieren. Sie gab sich den Namen, den ihre Feinde prägten. Die Geschichte lässt sich ausführlich nachlesen, hier ein Text, der am eigenen Beispiel zeigt, wie das mit den ‚freien Inhalten‘ im Netz in der Realität gemeint ist, fern von jenem mythischen Zauberreich, das der freischwebende Herr den arglosen Lesern dort an die Wand malt.

Kocks versteigt sich in der Folge fern von seinen Kernkompetenzen zu einem historischen Exkurs über das Eigentum, der argumentativ gelungen wäre, wenn’s denn bloß so wäre:

„Das Privateigentum ist die Basis der Moderne und damit auch die Basis unserer Freiheit. Klingt spießig, ist aber unabweisbar. Der Bürger hat sich gegen Adelswillkür dadurch behaupten können, dass er einen Zaun um seinen Garten machte, sodass die feudale Jagdgesellschaft nicht mehr sein Gemüse niedertrampeln konnte.“

Ach ja, der Bürger und seine Kohlrabibeete! In der Regel lief es wohl eher so, dass der brave Bürger zur Abschreckung ein paar Priester und Adlige an die Laternen hängte. Der Herr Kocks liegt jedenfalls schon wieder daneben. Er möge mal über Fürsten und Adlige nachlesen, die überall ihren Jagdbesitz mittelalterlich früh in Gehege, Reviere und Zäune fassten und bewaffnete Jagdwächter patroullieren ließen, damit kein vorwitziger Bürger oder Bauer ihnen die Keiler und Böcke wegwildern konnte. Kurzum: Der Eigentumsbegriff ist an seinem Ursprung feudal, und nicht bürgerlich. Das Bürgertum stellte dann die Rechtssicherheit her, es schützte das Eigentum quasi ‚auf ewige Zeiten‘, während es im Feudalismus nur auf ‚Lehensbasis‘ existierte, also solange, wie auch Loyalität zum eigentumsverleihenden Herrscher existierte.

Am Schluss verhaspelt sich unser Herr Faktenbieger dann auch grammatisch etwas, zumindest glaube ich, dass er es gar nicht so gemeint hat, wie es da steht:

„Wer Freiheit und Sozialismus will, muss Privateigentum und Wettbewerb wollen.“

Wie meinen? Bleibt das Fazit: So ziemlich nichts stimmt an Kocks‘ wild zusammengerührtem Brouillon. Noch nicht einmal, dass das Internet jener Ort sei, „in dem niemand Geld verdient außer der Porno-Industrie“. Denn auch das Titty- und Muschi-Genre jammert angesichts des vielen Umsonst-Contents lauthals über wegbrechende Umsätze.


10 Kommentare

  1. Nicht alles glauben, was in der FR steht. Klaus Kocks ist natürlich kein Meinungsforscher, sondern allenfalls Meinungsbeeinflusser, wenn man den Begriff Spin Doctor unbedingt ins Deutsche übersetzen will. Ansonsten war er in der Piech-Ära VW-Chefkommunikator mit Vorstandsrang, und verfasst hübsche Texte wie „Authentische PR als Paradoxon, Essay zur Kunst der Fälschung“ oder „Der käufliche Intellektuelle“. Dass er generationenbedingt ein Problem hat, das Substrat zu begreifen, auf dem die Piratenpartei wuchert, ist klar.
    Aber den Satz “Wer Freiheit und Sozialismus will, muss Privateigentum und Wettbewerb wollen” halte ich für a) diskutabel und sogar b) korrekt. Ich vermute, dass Kocks dabei Schweden im Auge hatte – da gibt es nämlich tatsächlich das alles auf einmal.

  2. „Freiheit und Sozialismus“ ist der Brüller.

    Aber sieh es positiv: Bald gibt es nur noch „paid content“, dann müssen die professionellen Kolumnisten zwangsweise in den ungelesenen Untergrund.

  3. @ Detlef: An jemanden, der sich selbst als MarktFORSCHER bezeichnet. lege ich grundsätzlich die Maßstäbe an, die er sich anmaßt – resp. die er sich anmisst. Das genügt dann meistens schon zur Selbstentlarvung. Allerdings – was sich die Frankfurter Rundschau dabei denkt, solch ein Elaborat zu drucken, das wird wohl ewig ihr Geheimnis bleiben. Gibt es eigentlich kein Lektorat mehr im Journalismus?

    Sozialismus meint – bis auf weiteres – immer noch die Überführung privaten Eigentums in gesellschaftliches Eigentum, sonst macht der Name ja überhaupt keinen Sinn. Das ist und bleibt der ‚antibürgerliche‘ Kern dieser Sozialismus-Veranstaltung, auch nach allem, was die Wissenschaft dazu sagt. Insofern ist sein Satz dort am Schluss schlichter Bullshit – bzw. sagt er: Ich definiere mir die Realität um, und die Begriffe, die fülle ich mit Placebo so, wie mir es passt – widdewiddewittbummbumm. Ein blankes Pippi-Langstrumpf-Prinzip also … wer soll solchen Kinderkram denn ernst nehmen? Wir brauchen eine Debatte, keine Seifenblasen-Show von Verbal-Rastellis.

    @ Wolfgang: Was wir beobachten, das ist tatsächlich die rapide Selbstversenkung all dieser Berufe in Werbung, PR, ‚Marktforschung‘ usw. … immer mehr Leute ignorieren unsere Weißwäscher-Zunft und fliehen sie, wo sie sie treffen. Die Krise ist keineswegs nur eine des Journalismus, sie trifft die gesamte Öffentlichkeit, die wir kennen. Diese Himbeer-Tonis machen sich zunehmend selbst zum Ekel, weil sie wider besseres Wissen argumentieren – und vielleicht ist das auch gut so.

  4. Hiimbeer-Toni gefällt mir sehr gut.

  5. Leider oder zum Glück versenken sie sich selbst – ich bin da naturgemäß zwiegespalten 😉
    Das „Fliehen“ vor den Himbeer-Tonis sehe ich jedoch nicht; Werberesistenz wohl, aber es wird doch jeder – pardon – Scheiß, der auf einem Privatsender läuft (und dabei gern auch PR-mäßig weichgespült sein darf) als Wahrheit hingenommen (genau wie Wikipedia-Texte mittlerweile als grundsätzlich wahr angesehen werden). Wenn die Flucht vor der Weißwäscherzunft tatsächlich auf breiter Front stattgefunden hätte, dann dürfte die FDP doch momentan nicht in Koalitionsverhandlungen sitzen. Und sag mir jetzt nicht, dass Guidos Wahlkampfparolen kein wider besseren Wissens weichtespültes PR-Geblubber waren.

  6. Beim Guido ist das wie bei den Frauen mit der Farbe Lila – so sehe ich das. Das letzte Mal vom Wähler der Versuch, in eine goldene Vergangenheit zurückzukrabbeln und unseren Honigkuchenpferden irgendetwas noch mal abzukaufen – so wie einst im Mai, als der Kohl uns noch die feisten schwarzgelben Saumägen servierte. Die Wähler werden jetzt eben nach der NRW-Wahl sehen, was sie von ihrer blinden Nostalgie haben – und dann geht es ab in eine unbekannte Zukunft. Dass der Guido ein Sandwich-Mann ist, eine Plakatoberfläche voller Brüll-Parolen, von der niemand weiß, welcher Charakter oder welche Person sich hinter diesem Blendax-Lächeln eigentlich verbirgt, das ist geschenkt und in jedem besseren Guido-Biographietext nachzulesen. Vielleicht steckt dahinter ja sogar ein netter Kerl – ich weiß es schlicht nicht. Also halte ich mich an sein Geblubber, denn das ist konkret.

    Der System-Kessel selbst aber ächzt bereits in allen Nähten, siehe den schwindenden Zuspruch zu Parteipolitik überhaupt. Die ‚repräsentative‘ Demokratie – die eben das gerade nicht länger ist, was sie zu sein vorgibt – die ist eine Dame ohne Unterleib: Sie ist zu einer Jahrmarktsfigur des Lobby-Gewerbes geworden. Selber machen, das wird wohl zukünftig die Regel, wie auch bei der wikipedia. Die übrigens als Lexikon besser ist als der gute, alte Brockhaus, womit man sie allenfalls vergleichen kann, und sei es auch nur wegen der Links. Und? Hast du damals etwa den Brockhaus für eine ernsthafte Recherche jemals verwendet?

    Zu den Flimmer-Medien: Wer guckt denn noch das Blinky-Blinky der Privaten? Die Flucht aus den Massenmedien ist auch dort im Gange, schau doch mal, wie sie sich bei DWDL und meedia freuen, wenn eine Sendung mal die Hürde von zehn Prozent beim Zuschauerinteresse nimmt. Die Dummen bleiben am weitesten hinter der laufenden Entwicklung zurück, das ist klar, das ist aber überall so. Wer einem Volk die Hauptschulen erhält, der kriegt halt den entsprechenden Anteil an Hauptschülern – damit aber kann man heute keinen Staat mehr machen …

  7. > siehe den schwindenden Zuspruch zu Parteipolitik überhaupt.

    Stimmt so nicht. Seit der Bundestagswahl haben alle Parteien, vor allem aber die SPD einen starken Anstieg bei den Anträgen auf Mitgliedschaft.

    Aber warum?

  8. Naja – wenn überall das Führungspersonal ausgewechselt wird oder in die Jahre kommt, dann hoffen clevere Selbstvermarkter natürlich auf Karrierechancen.

    Ich rede eher davon, dass schwarzgelb ungefähr und ‚roundabout‘ noch 30 Prozent der überhaupt Wahlberechtigten auf sich vereint. Und trotzdem regiert.

  9. Haben Meinungsforscher deshalb vorschnell eine Meinung, weil sie sich lieber als Meinungsmacher sähen?

    Dein Text steht auf jeden Fall morgen in der Blogbibliothek.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑