Stilstand

If your memory serves you well ...

Kind, vergiss doch die Literatur!

Vor zwei Tagen swatchte ich, nichts Böses ahnend, an der letzten Folge von ‚Hart aber fair‘ vorbei – und blieb unerwarterweise bis zum Schluss beim Thema. Denn das, was dort abging, das erschien mir zutiefst surreal, fast schon wie ein gesellschaftskritischer Spielfilm.

Es ging um die vorschulische Erziehung und um die Situation in den Kindergärten – und neben so gestandenen Figuren wie Petra Roth und Bärbel Schäfer inszenierte sich dort auch eine ‚Eislaufmutti‘ namens Jelena Wahler, eine Unternehmensberaterin mit leuchtendem Blick, die für ihre Kinder immer ’nur das Beste‘ will. Weshalb sie eine eigene Kindertagesstätte gegründet hat, wo ihre Kinderchen und diejenigen Gleichgesinnter von Anfang an auf Leistungselite gepolt werden sollen. Wovon wiederum sie derart ungebremst schwärmte, dass selbst ein zunehmend genervter Frank Plasberg ihr nicht mehr dazwischen funken konnte. Das Bild zur Sendung gibt es hier …

Zum Thema: Ich wette darauf, dass auf diese Weise aus den dort verwahrten Kindern NIEMALS Genies oder auch nur überdurchschnittlich erfolgreiche und glückliche Menschen erwachsen werden, NIEMAND von ihnen wird je einen Roman verfassen oder einen guten Song schreiben. Systematisch werden sie von allen unproduktiven Dingen – wie Schmökern, Dösen oder dem Lügenerfinden – fern gehalten. Das, was diese Mutti dort betreibt, das ist die Abschaffung der Kindheit. Alles muss einen Nutzen haben, wobei Maman über diesen Nutzen entscheidet, die einfach alles besser weiß. Sogar die Pausen für freies Spielen sind rein utilitaristisch, sie haben den Nutzen, die verbrauchte Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Denn immer steht die spätere berufliche Karriere im Fokus. Anders ausgedrückt: Wo bleibt eigentlich das Jugendamt?

Wer immer nur gesagt bekommt, was er zu tun hat und woran er jetzt Spaß zu haben hat, wer von Anfang an im Korsett oder im Laufgitter eines festen Tagesablaufs durchs Leben wankt, wer nie ein Als-Ob-Handeln erlebte wie in der Literatur, der wird im Erwachsenenleben alles werden, nur eben kein selbstständiger Mensch. Er wird zum Tumbleweed anderer Interessen – und nicht zur Eiche. Ein präg- und fügsamer Angestellter. Oder aber, er pfeift möglichst früh auf Mamas Terrorcamp und auf die Gesetze, die dort gelten – und er wird zum Kummer seiner Mutter ein Drop-out, der nur noch fürs Internat taugt.

Die Folge einer gelungenen Dressur à la Jelena Wahler aber wird sein, dass wir Menschen bekommen, die zwar unauffällig, rundgelutscht und angepasst auf Führungspositionen gelangen, die aber völlig überfordert sind, wenn sie in einer kritischen Situation mal etwas ohne Vorbild entscheiden sollen, wenn sie Anderes oder Alternatives entwickeln sollen – eine Generation Golf hoch drei, die von ihrem Lernstoff klaglos zu Marionetten geklont wurde. Menschen, die nichts Neues schaffen können, weil das Neue – qua Definition – nie in einem Lehrbuch stehen kann. Ohne Gebrauchsanweisung fürs Leben stehen sie in unerwarteten Situationen dumm da, weil ihnen alle Träumerei, Phantasie und Imagination ausgetrieben wurde, bevor sie solch einen überflüssigen Luxus überhaupt entwickeln konnten …

Gegenbild: Wir – also ich und die Nachbarskinder ringsum – wir wurden früher einfach ganz unpädagogisch vor die Tür gestellt: „Draußen ist schönes Wetter, lass dich hier bis zum Abendbrot nicht mehr blicken“. Und dann mussten wir uns selbst etwas beibringen, uns eigene Spiele ausdenken, Expeditionen starten, Geschichten erzählen, Erfahrungen sammeln. Da wurde nichts mit Blick auf das spätere Leben konzipiert – und es kam trotzdem einiges an Imagination zusammen, von der ich heute noch zehre: Ein Ameisenzug wurde zum Mongolensturm, die wilde Müllkippe zur Kreativwerkstatt für Improvisatorisches, der Heuschober zu Fort Laramie, die Katzbalgerei zum Sozialkundeunterricht. Während die heutige Generation, die dort so allseits behütet, umsorgt und betütert heranwächst, immer schon den späteren Erwachsenen im Kopf hat, weshalb sie sogar noch einen Stubenarrest als Normalzustand empfände, weil freie Zeit, Langeweile, Rumblödeln für sie zu fremden Begriffen wurden. Und wenn’s mal nichts pädagogisch Wertvolles gibt, dann gibt es unter Garantie die Fahrt zum Tennis, zum Ballettkurs, zur Kinderpsychologin, damit diesem armen Wurm keine Minute ungenützt verstreicht.

Mein Fazit: Aus dieser Kinderkrippe wird unserem Land kein Genie, kein großer Schriftsteller, kein Komponist usw. erwachsen. Mit Chance kommt vielleicht ab und zu mal ein CEO oder ein Börsenspekulant dabei heraus …


3 Kommentare

  1. Nun, die gute „Mama“ betrachte ich als vorgeschickt. Bis Ende 2009 soll die GATS-Richtlinie auch in Deutschland umgesetzt weden. Die „Dienstleistung“, die dieses Playmobil-Mädchen da bereits jetzt anbietet, soll zur „Norm“ werden.

    Das ist ja das vertrackte! Wir haben es wieder mal verschlafen. Die EU beschließt, die Länder setzen um. Und das Ganze dient nur der weiteren Verwertung der Humanressourcen. Es ist zum aus der Haut fahren.

    Das Schlimme daran, die sogenannten Elite-Mamis und -Papis finden diese Entwürdigung ihrer Kinder auch noch toll.
    Wohin das führt? Sieht man an den Elite-Mamis und den dazugehörigen Dumpfpapis.

    Tschuldigung, sicher wieder zu viele „Bindestriche“. Aber, es verlangt in mir einfach nach Trennung.

  2. Absolution erteilt … 😉

  3. Wolfgang Hömig-Groß

    19. Juni 2009 at 21:24

    „er wird zum Kummer seiner Mutter ein Drop-out, der nur noch fürs Internat taugt“ – na wunderbar, zu scheitern ist doch der Adelsschlag für Hochbegabte – zu gut für die Welt.
    Ansonsten natürlich völlig d’accord, speziell darin, wie Eltern dabei versagen sich vorzustellen, was ihre Kinder wirklich fördert. Begabungsförderung ist bei uns völlig einseitig auf Mathematik/NaWi reduziert; Philosophie, Musik, Sozial- und Gesellschaftswissenschaften, Sprachwissenschaft oder Erkenntnistheorie (wie sieht Wissenschaft ohne sie aus?) tauchen nicht auf bzw. werden als Zeitverschwendung betrachtet.

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