Stilstand

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Kapitalismus auf Hausmacherart

Bei manchen Leuten kann ich gegen den Bullshit gar nicht so schnell anschreiben, wie der denen aus den Tippfingerchen rinnt. Zu jenen inkontinenten Figuren zählt eindeutig auch Jan Fleischhauer. Siegesgewiss wirft er uns heute eine frischgebackene Do-it-yourself-These in den Fressnapf, wonach ‚der Kapitalismus‘ das Internet erfunden habe, weshalb – „Stillgestanden!“ – auch alle Versuche zur endgültigen Kapitalisierung des Netzes widerstandslos hinzunehmen seien:

„Das Internet ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung – und ein Kind des Kapitalismus, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Das Netz hat sagenhafte Vermögen hervorgebracht und wieder vernichtet.“

Rechercheenthoben behauptet unser Kanalarbeiter etwas, das allen Fakten ins Gesicht schlägt: Das ‚Internet‘ war eine Entwicklung staatlicher Stellen, es entstand als ARPANET in der Advanced Research Project Agency des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Gleich anfangs war das Netz also kein Produkt der Privatwirtschaft, es entstand in einer staatlich organisierten Forschungseinrichtung, ausschließlich vom Steuerzahler finanziert. Als World Wide Web wiederum wurde das Netz im CERN von Tim Berners-Lee weiterentwickelt. Auch dies Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire ist eine transnationale staatliche Forschungsorganisation, die zur Zeit 20 europäische Staaten komplett durchfinanzieren.

Mit einem Wort – mich hat das alles nur zehn Mausklicks gekostet, um mein ABC-Wissen sicherheitshalber nochmals zu überprüfen. Aber unser Jan Fleischhauer, nehme ich mal an, der wollte sich seine schöne Klippschulthese nicht selbst kaputtrecherchieren, also hat er uns einfach mal was auf den Bildschirm gebrabbelt, nach dem Motto: „Merkt ja keiner!“

Korrekt hingegen, wenn auch etwas polemisch, wäre doch einzig und allein diese Gegenthese: Faktisch scheint nur eine staatliche Wirtschaft und Forschung in der Lage gewesen zu sein, das revolutionäre Internet zu schaffen. Der ganze Kapitalismus hingegen hat seit 30 Jahren nichts vergleichbar Weltbewegendes auf die Reihe bekommen.

Fern sei es einem Jan Fleischhauer, sich zu fragen, woran das wohl liegen möge. Sonst könnte er ja nicht länger vom Sprungbrett unhaltbarer Behauptungen aus direktemang bei Forderungen wie App-Gebühren oder Pay-per-View landen. Bei der Kapitalisierung einer Technik also, die zwar gar nicht auf dem Mist des Kapitalismus und der Privatwirtschaft gewachsen ist, die diese aber gern zum Ausschlachten übereignet bekommen möchten:

„Jeder Versuch, der bürgerlichen Eigentumsordnung auch im Internet Gültigkeit zu verschaffen, wird von den Netzenthusiasten als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte verstanden. … Das Internet mag alles Mögliche revolutioniert haben, aber die Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion, wo jeder Leistung eine Entlohnung gegenübersteht, hat das Netz nicht geändert.

Tscha, und diese Leistung hat nun mal der Steuerzahler bezahlt, zum Lohn hat er heute ein Internet. Diesen Lohn anderer Leute wiederum, der ‚eigentümlicherweise‘ gar nicht auf einer kapitalistischen Privatleistung beruht, auf freiem Unternehmertum und der gesunden Konkurrenz der Märkte, den möchten die Vereinigten Aktionäre jetzt lieber in ihre Scheuern fahren. Herr, wirf endlich Hirn vom Himmel! Und gib den Kolumnisten gleich Nachschlag!

4 Kommentare

  1. An der enormen Verbreitung des Internet sind allerdings die privaten Telefongesellschaften nicht ganz unbeteiligt gewesen.

    Ohne die Vorarbeit der ARPA hätten die aber natürlich nichts zuwege gebracht, denn auf offene Standards hätten die sich nie im Leben einigen können.

    Was passiert, wenn man den Brüdern keine Vorgaben macht, sieht man gut an der Praxis beim Roaming oder an den Versuchen, die Netzneutralität loszuwerden.

  2. Oh ja – ich erinnere mich: Diese quietschendenden und pfeifenden Modems der Frühzeit, die sich alles aus dem dünnen Telefondraht nuckeln mussten.

  3. Damals, als die Post noch fürs Telefon zuständig war, die noch ein hundertprozentiges Unternehmen der Gemeinschaft war …

  4. Yo – und dann kam der Manfred Krug, damit wir alle zu einem Volk von Aktionären würden …

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