In einer FAZ-Sprachglosse beklagt der dortige Polit-Rechtsaußen Jasper von Altenbockum die Monopolisierung des Wörtchens ‚Kamerad‘ durch Rechtsextreme. Wie unbefangen würden dies Wort doch die Franzosen verwenden, die auf einem sozialistischen Parteitag unbeirrt von ihren „chers camarades“ sprächen. Worauf die Glosse hinauswill, wird mir in der Folge nicht recht klar … vielleicht soll ja der deutsche Bundestagspräsident die versammelten Parlamentarier wieder öfter als „Kameraden“ begrüßen?

Der unterschiedliche Umgang mit dem Wortbestand in beiden Ländern ist allerdings interessant. Was vor allem daran liegt, dass das Wörtchen ‚Kamerad‘ in Frankreich nie in dem Ausmaß dem Militär in die Hände gefallen ist und damit halbwegs zivil blieb. Während es hierzulande durch das Militär erst seine heutige Verlogenheit gewann. Denn im ursprünglichen Wortsinn sind ‚Kameraden‘ schlicht nur Leute, die eine Schlafkammer teilen (‚camera‘). Das Wort beschreibt also gleiche Lebenslagen und passt somit auch gut zu den französischen Sozialisten mit ihrer ‚Egalité‘. Die deutschen Sozialdemokraten mussten hingegen auf gleichen Genuss, auf die ‚Genossenschaft‘ ausweichen, um den erwünschten Stallgeruch zu erzielen. Weil nämlich in der Nachfolge der Romantik das Wörtchen seinen militärischen Beiklang schon gewonnen hatte, es war vom Feind okkupiert. Bei uns sind deshalb heute alle Sozen zu Genossen statt zu Kameraden mutiert, die halbwegs Gleiches genießen. Wer also Austern statt Linsensuppe schlürft, kann daher niemals im Wortsinn ein ‚Genosse‘ sein … das Cohiba- und Dissidenten-Problem der Schröder, Hombach usw. findet hier seine Lösung.

Ludwig Uhland dichtete im Vorfeld der Befreiungskriege, als die deutschen Spätromantiker überall Geheimbünde und antinapoleonische Freikorps bildeten. Im Jahr 1809 entstand das Lied vom „guten Kameraden“, das den ganzen Kameradschaftskummer in Deutschland auslöste. Es ist eines der wenigen Gedichte, das besser nicht geschrieben worden wäre. Seither jedenfalls wird die Ode vom zufälligen Soldatentod an jedem ‚Heldengedenktag‘ an all unseren Kriegerdenkmälern gesungen, umgeben von blinkenden Orden, schmetterndem Blech und zitterndem Parkinson.

Im Jahr 1809, als Uhland den Text dichtete, hatte er gar keine Soldaten im Sinn, die auf einem Kasernenhof gedrillt worden wären, sondern die studentischen Rebellentrupps à la Lützow, kleine ‚Gesellschaften von Gleichen‘ ohne Hierarchie, auf die allerdings der Begriff ‚Kameradschaft‘ hervorragend passte. Die Militärpropaganda, vor allem in Preußen, erkannte in der Folge schnell die Nützlichkeit dieses Freischärlermythos, der Apparat zur geistigen Wehrhaftmachung partizipierte oder schnorrte von der Semantik eines Wörtchens, das inhaltlich gefüllt aber weder an der West- noch an der Ostfront jemals vorkam.

Als ich Anfang der 70er Jahre meinen Wehrdienst beim glorreichen Jägerbataillon 391 im holsteinischen Einödstandort Putlos leistete, traf ich auf eine strikt hierarchisierte militärische Gesellschaft ohne jede Kameradschaft untereinander. Die Offiziere lebten abgeschirmt in ihrem Kasino, mit eigenen Schlafkemenaten, dann, wenn sie nach den Herrenabenden zu besoffen waren, um noch nach Hause zu fahren. Die Toiletten zierten in Brusthöhe Kotzbecken aus weißem Porzellan, die Wände waren holzgetäfelt, der englische Landhausstil schmückte alle Räume. ‚Mannschaften‘ kamen in diesen Heiligen Hallen nur in Gestalt von ‚Ordonnanzen‘ vor, die niedere Kellnerdienste verrichten mussten.

Abgeschirmt von ihnen lebten die Feldwebel, die Uffze und die StUffze, nur dass bei ihnen der Resopal-Stil den Landhausstil verdrängt hatte. Für die Mannschaften wiederum blieb die Kantine und das Truppenkino. Und selbst letztere teilten sich noch weiter auf. Wir von der ersten Kompanie galten den anderen als ‚Sesselpupser‘, weil wir Stabs- und Verwaltungsfunktionen wahrnahmen, die Jungs von der zweiten Kompanie hießen ‚Spaten-Paulis‘, weil sie bei Wind und Wetter ins Gelände mussten, in der dritten Kompanie lebten die ‚Ölprinzen‘, die tagtäglich LKWs und Panzer schmierten.

Mit anderen Worten: Es gibt kaum einen Ort, wo derartige Ungleichheiten im Ambiente und in den Lebensverhältnissen herrschen wie gerade im Militär. Trotzdem begann Oberstleutnant Klingelhöfer jede seiner Ansprachen, wenn er beim Appell vor unser Bataillon trat, mit einem markigen „Kameraden!“, so als ob wir alle ein Schicksal und einen ‚Lebensraum‘ teilen würden. Dabei war das Gegenteil von ‚Kameradschaft‘ überall der Fall. Es mag ja historisch einige wenige Ausnahmen gegeben haben, wenn bspw. im Schützengraben an der Ostfront der Hauptmann und der Gefreite sich gleichermaßen einschissen, während die Katjushas der Stalinorgeln über ihre Köpfe hinwegjaulten, die Regel aber sind getrennte Lebensverhältnisse, wo der Offizier auf die Mannschaften aus olympischer Höhe herabschaut.

Propagandistisch machten die Nazis mit der ‚Kameradschaft‘ dann angeblich ernst, wenn sie den adligen Marschall und den Gefreiten aus dem Pöbel auf Plakaten nebeneinander stellten, um so eine virtuelle Gesellschaft aus ‚Kameraden‘ unter gleichen Lebensverhältnissen zu illuminieren. Faktisch blieb davon natürlich nicht viel übrig. Trotzdem sind frei flottierende Wehrsport- und Rechtsextremistenverbände faktisch sehr viel ‚kameradschaftlicher‘ als das Militär, es sind Freikorps aus Menschen, die sich mit gleichen Zielen voluntaristisch zusammentun und allein übers Charisma aus ihren Reihen dann einen Führer als ‚Ersten unter Kameraden‘ erwählen. Leider führt der freiwillige Weg nur in diese Verbände hinein, wer ebenso freiwillig wieder hinauswill, der gilt als Verräter und verfällt damit der Feme.

Bei historischer Betrachtung lässt sich folglich sagen, dass der Begriff der Kameradschaft für Wehrpflicht- und Berufsarmeen völlig unangemessen ist. Das Wort ‚Kamerad‘ hat heute bei rechtsextremen Verbänden semantisch den einzig passenden Ort gefunden, am Wörtchen ‚Kameradschaft‘ sollt ihr sie geradezu erkennen. Es macht aber keinen Sinn, diese abgestandene Wortleiche für Zwecke des heutigen Zivillebens mit feurigen feuilletonistischen Appellen wiederzubeleben …