Stilstand

If your memory serves you well ...

Kairo?

Ach ja, unser Herr Guttenberg, dieser Freiherr von Irgendwas, Irgendwoher und Irgendwozu im Banne ihm entfleuchter Schicksalsstunden. Schöner als die Heike Göbel, die in ihrem FAZ-Blog diesen graecomanen Politwelpen am Halsband ins Licht der Öffentlichkeit hob, weshalb Merkels wundersame Wunderwaffe sich dann in seinem altphilologischen Fressnapf anschließend selbst ersäufte – oder so – schöner kann ich’s auch nicht sagen.

Hier steht dies Zitat schlicht zur Dokumentation hervorragender Texte im Internet, die heutzutage dank verlegerischer Harnverhaltung gar nicht mehr gedruckt werden würden, und daher wie die Stadtmusikanten nach Digitalien auswandern müssen – ferner zur gefälligen Laxation all jener Journalisten, die keine Ohren mehr am Kopf tragen, die vor jedem Fremdwort stramm stehen, sofern es ihnen noch nie unterkam, und die sich vor devoter Bewunderung ihres neuzeitlichen bayrischen Hohlmaßes gar nicht mehr zu fassen wissen:

Der Neue im Kabinett, Karl-Theodor zu Guttenberg, kann nicht nur Latein, sondern auch Griechisch. Das mit dem Latein weiß die Republik, seit er in seiner Antrittsrede im Bundestag die „ultima“ kühn in die „ultissima“ Ratio steigerte. Da ahnt man die besonderen ordnungspolitischen Bauchschmerzen, mit denen der christsoziale Bundeswirtschaftsminister dem Enteignungsgesetz zustimmen wird. Griechisch beeindruckt uns der Freiherr im Vorwort seiner erst kürzlich veröffentlichten Dissertation über amerikanische und europäische Verfassungsfragen. Mit Blick auf den von Irland gestoppten Vertrag von Lissabon, fragt Doktor Guttenberg: „Kann man demgemäß und aktuell von Scheitern sprechen? Von einem großen Projekt, das im Anblick des Hafens noch tragisch Schiffbruch erleidet? Oder vernehmen wir lediglich ein erneutes, wenngleich keuchendes historisches Durchatmen?“ Um dann zur Conclusio zu kommen: „Europa verpasste in den Jahren 2007 und 2008 zum wiederholten Male den Kairos und ließ die notwendige Unbedingtheit des Gestaltungswillens nur schemenhaft erkennen.“ *** Die Dissertation war offenbar eine eher schwere Geburt. „Wie oft wurde der Kairos der Fertigstellung durch freiberufliche wie spätere parlamentarische Ablenkung versäumt, bevor die Erkenntnis dieses traurigen Faktums einer bemerkenswerten Mischung aus eherner professoraler Geduld, sanftem, aber unerbittlichem familiären Druck und wohl auch ein wenig der beklagenswerten Eitelkeit weichen durfte“, lässt der adelige Minister den Leser an seiner Mühsal teilhaben. „Allzu viele mussten meine verwegene Charakter- und Lebensmelange ertragen, und ich bin allen überaus dankbar für unbeugsame Gelassenheit. Gleichwohl: Wirkliche Besserung ist kaum absehbar.“ Das kann ja heiter werden im Kabinett.


3 Kommentare

  1. Der rechte Augenblick – der ist mir neu. Luxationalismus pur. DANKE!

  2. Das Kürzel ‚BMW‘ steht bekanntlich für ‚Bundes-Ministerium für Wirtschaft‘, dann, wenn die CSU mitregiert.

    😉

  3. Glos wurde in dem Amt wenigstens noch depressiv
    http://chefarztfrau.de/?p=608

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