Stilstand

If your memory serves you well ...

Jubelperser

Es gilt, den größten Staatsmann der Neuzeit zu feiern, da ist manchem jedes Mittel recht. Sogar jener wahrhaft genialische Schachzug, die Aktienkurse des eigenen Landes auf eine riskante Talfahrt zu schicken, reift da zur welthistorischen Tat. Und alle Verschwörungstheoretiker jubeln mit:

„Russland hat einen genialen ökonomischen Springerzug gemacht, sie alle um den Finger gewickelt und in nur ein paar Tagen über 20 Mrd. Dollar verdient.“

Außerhalb dieses intellektuell eng umgrenzten Wirtschaftshorizontes nennt man so etwas zumeist ‚Stützungskäufe‘ … und die wiederum kosten ‚Devisen‘. Ein Wirtschaftsgut, das allmählich auch schon knapp wird – unter anderem deshalb:

„Wegen der Krim-Krise fliehen Investoren regelrecht aus Russland.“

10 Kommentare

  1. Schauen wir mal, was die Krim-Bewohner sagen, wenn jetzt die erste Inflationswelle dank der Rubel-Umstellung auf sie zurollt. Wenn vielleicht erstmals die Renten nicht pünktlich auf dem Konto sind oder keine Milliarden Pacht für Sevastopol an die Krim-Regierung mehr gezahlt und alle Gaspreise ‚russisch‘ werden. Da wollen wir dann bitte kein Mimimi hören …

  2. Schauen wir mal, was die Krim-Bewohner sagen…

    Dazu werden ihnen die Schlägerbanden, die dort jetzt am Ruder sind, keine Gelegenheit lassen:

    http://www.hrw.org/news/2014/03/25/ukraine-activists-detained-and-beaten-one-tortured

  3. Dass dieser neue wunnebaare Präsident ein mehrfach vorbestrafter Provinzkrimineller ist, das konnte jeder, der dies wollte, vom ersten Tag an wissen. Aber vielleicht sind das auch nur die politischen Qualifikationen, die man in Putins Reich jetzt benötigt. Einige Leute von Kadyrow, diesem Tschetschenen-Schlächter, sollen ja auch schon beratend auf der Krim sein. Kurzum – aus dieser Halbinsel wird bestimmt ein echtes Touristen-Paradies …

  4. Ein Blick nach Südossetien zeigt, wohin die Reise der Krim geht:

    http://www.nytimes.com/2014/03/19/world/europe/south-ossetia-crimea.html?_r=0

  5. Tscha, Investoren sind auch nur Menschen – und wenn die erst einmal rennen gehen, dann kann jemand politisch noch so’n smarter Hund sein, und mit ’nem bloßen Paar auf Full House bluffen: „Folgen des Ukraine-Konflikts: Russische Zentralbank bereitet Notmaßnahmen vor“. Rubel, Rubel, musst jetzt wandern, von dem einen Tal zum andern …

    Ich weiß gar nicht, warum sich alle Putin-Versteher derart aufregen, bloß weil Obama Putins Russland eine ‚Regionalmacht‘ genannt hat. Immerhin hat er dieses Land damit auf die gleiche Stufe wie Brasilien oder Indien gestellt. Fast schon zuviel der Ehre, finde ich. Wahrscheinlich war’s ja nett gemeint …

  6. 37% höher als in Brasilien, 128% höher als in China. Den Ausdruck »Putin-Versteher« finde ich einfach nur schwach.

    »Landesverteidigung ist freilich schon immer ein euphemistischer Begriff gewesen, suggeriert er doch, die Bundeswehr käme nur dann zum Einsatz, wenn Deutschland angegriffen werde.«

    Das ist ein Zitat aus der Online-Ausgabe der ZEIT. Das hat kein Putin gesagt. Mir wäre im Moment schon damit gedient, wenn ich diese primitiven Kriegstreiber im eigenen Land verstehen würde. Dann würde ich vielleicht auch zum »Putin-Versteher«.
    Nebbich!

    http://www.zeit.de/2014/14/bundeswehr-wehrpflicht

  7. @ pantoufle: Beim BIP liegt Russland derzeit hinter Brasilien und ganz knapp vor Indien – bei fallender Tendenz und bei einer ungeheuer stark gespreizten Einkommensschere im Land. Wenn der Rubel jetzt rapide abwerten muss, dann geht’s mit der Kaufkraft dürftiger Löhne und Renten noch rascher bergab.

    Das Zeit-Zitat ist ja nicht grundlegend falsch: Dank der NATO-Verträge müsste die Bundeswehr schon an die Front, wenn bspw. die Türkei angegriffen würde, oder aber Kanada von Grönland …

    ‚Putin-Versteher‘ trifft zumeist diejenigen, die sonst notorisch mit dem Wörtchen ‚Gutmensch‘ um sich werfen. Von der FPÖ über die AfD bis hin zu PI ist alles plötzlich ‚pro-russisch‘ – und sie singen das Taiga-Lied. Insofern merken manche Leute nur mal, wie ‚haftbar‘ solche Etiketten sind. Also kein falsches Mitleid …

  8. Ich halte das Zitat in sofern für falsch, als daß es es mindestens dem Geist des Grundgesetzes widerspricht. Die Bundeswehr ist ausdrücklich eine Verteidigungsarmee, auch wenn durch fortschreitende Erosion des GG Deutschland seit geraumer Zeit am Hindukusch verteidigt werden soll.
    Das Zitat ist auch in der Hinsicht gefährlicher Blödsinn, als daß es ja nicht explizit um die reine Aussage geht, sondern es im Kontext einer »Lösung mit Waffengewalt« gemacht wurde. Die Ukraine ist kein NATO-Mitglied und der »Russe steht nicht vor der Tür«. Allein aus diesem Grund ist so etwas vollkommen unverständlich. Streichholz und Benzinkanister.

    Es ist so unverantwortlich wie »Regionalmacht«, denn es soll einigen Betonköppen aus der »Putin-Nichtversteherfraktion« suggerieren, man müßte nur eine Handvoll Jäger 90 nach Kiew verlegen (sicherheitshalber mit Bahntransport), um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Menschenrechtssituation und herrschendes Personal würden ohnehin nahelegen, sich bei dem Konflikt von beiden Seiten zu distanzieren.

    Die Zeit, die man dadurch einsparen würde, könnte man beim NATO-Mitglied Türkei investieren: Die wird gerade angegriffen. Von innen.

  9. Gegen Hurra-Geschrei habe ebenso viel wie du. Und ein militärisches Abenteuer im Osten wäre durch das NATO-Mandat nicht gedeckt. Ich habe, ehrlich gesagt, den Zeit-Artikel nicht groß durchgelesen, sondern nur aufs Zitat geschaut – demnach käme die deutsche Armee allerdings schon dann zum Einsatz, wenn bspw. Litauen angegriffen würde. So ist halt das NATO-Statut … aber die Ukraine wiederum ist nicht in der NATO, klar.

    Russland ist faktisch eine ehemalige Weltmacht, die zur Regionalmacht herabgesunken ist, mit allen soziopsychischen und traumatisierenden Auswirkungen, die so etwas haben kann. Der Putin würde mit den USA und China so gern auf Augenhöhe spielen. Überdies hat er Atomwaffen. Und ‚lupenreine Demokraten‘ sind dort auch nicht gerade an der Macht. In der Ukraine übrigens auch nicht. Dort ist derzeit eigentlich niemand ‚an der Macht‘, was das Problem erheblich verschärft. Alldieweilen – das möchten die Putin-Versteher dann auch mal erläutern – ja gerade nicht die NATO, sondern Russland massiv Truppen an die ukrainische Ostgrenze verschiebt. Um was zu erreichen? Um den guten Onkel Janukowitsch wieder einzusetzen? Eher unwahrscheinlich.

    Nebenschauplatz: Der Erdogan tut zur Zeit alles, um sich selbst abzuschaffen. Noch nicht einmal einen Militärputsch darf er versuchen, weil die Militärs ihn abgrundtief hassen. Was hat er? Polizei, Staatsanwaltschaften und einige Richter … scheint mir ein büschen wenig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑