Stilstand

If your memory serves you well ...

John Henry Days

Ein radikal aufklärerisches Buch über jenen Journalismus, von dessen Zustand wir so rein gar nichts in der Zeitung lesen, ist von Colson Whitehead. Es heißt ‚John Henry Days‘ und gibt aus intimer Kenntnis heraus ein Charakterbild jener Schnittchen-Geschwader, die das Feld des Event-Journalismus beherrschen.

Tief in der Provinz von West Virginia wird feierlich eines gewissen John Henry gedacht, eines schwarzen Tunnelbauers, der einst gegen die erste Dampfmaschine einen legendären Zweikampf beim Tunnelvortrieb gewann. Um dann an den Folgen zu sterben. Wir erfahren nicht nur etwas von der ‚Liste‘, auf der zu stehen so wichtig ist, will ein mästungswilliger Journalist in die erste Reihe am Buffet vordringen. Auch die Pressetanten des Tourismus-Marketings kommen vor, die Machart der Artikel im ‚People-Journalismus‘ wird stilistisch bis ins letzte Detail seziert, die tiefe Verachtung des eben so dünkelhaften wie versoffenen Gesellschaftsjournalisten für jeden Lokalreporter erhält die verdiente Abfuhr … kurzum: Es ist eine ‚Journalistenschule‘ der etwas anderen Art.

Whitehead weiß, wovon er redet, er ist schließlich selbst ein gestandener Schreiber für ‚Village Voice‘ und ‚New York Times‘. Und natürlich soll dieser Hinweis eine Leseempfehlung meinerseits sein. Als Appetitanreger hier eine kleine Stilprobe über die real existierende Schwundstufe des modernen Quantitätsjournalismus, von mir höchstselbst in die Tastatur getippselt:

„… Sie drehen sich um und erblicken Tiny und Frenchie, zwei Söldnerkameraden in ihrem heimlichen Krieg gegen die Schreib- und Lesekundigen Amerikas. Sie treffen sich an den Zeitungskiosken, reiben sich in den Autorenverzeichnissen von Hochglanzmagazinen, begegnen sich aber vorwiegend so wie jetzt, am Vorabend des Krieges, hungrig, in der Nase die Witterung von Freikarten und Gratisgaben … Die Sache, um die es geht: das amerikanische Urrecht auf freie Meinungsäußerung – die Freiheit, ohne Furcht vor Zensur die Leute so gründlich zu verführen, zu verwirren und auf andere Weise abzulenken, dass sie unverdrossen dem Pop huldigen. Ihre Ideale: die heilige Unantastbarkeit der Quittung, zwei Dollar pro Wort, Reisekosten. … “ (S. 66 f).

Anders ausgedrückt – dem derzeitigen Journalismus fehlt es an ‚Selbstaufklärung‘. Wer macht’s?

1 Kommentar

  1. danke für den hinweis.

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