Stilstand

If your memory serves you well ...

Jeremias Jörges

Seit einiger Zeit läuft in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ eine Serie zur Zukunft des Journalismus. Zuletzt stellte in diesem Rahmen der starke Mann des ‚Stern‘, Hans-Ulrich Jörges, seine Sicht der Dinge klar. Nur leider nicht mir. Vieles finde ich sogar überaus fragwürdig. Mit dem üblichen großen Glaubensbekenntnis der medialen Orthodoxie beginnt erwartungsgemäß dieser Text:

„Journalismus bleibt unersetzlich – gerade in Zeiten der Leserreporter.“

Ein durch nichts begründetes Apriori steht also am Anfang des Textes – denn an die ‚Unersetzlichkeit‘ des Journalismus glauben selbst die Verleger, betrachten wir bloß ihr faktisches Handeln, nur noch an hohen Festtagen. Auf den Redaktionsetagen regiert längst ein anderer Geist, der alles durch ‚billig und viel‘ ersetzbar glaubt. Jörges‘ Mantra ist schlicht ein Glaubensbekenntnis, vielleicht auch eine These, wobei zu hoffen ist, dass er uns im folgenden Text einige Argumente für seine Zuversicht liefern wird. Auch die „Zeiten des Leserreporters“, in die Jörges uns hier zurückversetzt, diese ‚Golden Days of Dreams and Roses‘, die waren doch eher eine Schnapsidee der Vereinigten Verlegerschaft, als diese von immer noch billigerem Content träumte, wozu ein printmedial aufgeguseltes Bild-Zeitungs-Publikum mit seinen Handy-Kameras druckbare Resultate für ‚fast umsonst‘ in die Redaktionsstuben liefern sollte. Von Leserreportern als publizistischer Idee ist heute nirgends mehr die Rede, der Praktikant – vormals ‚Volontär‘ – hat ihre Aufgaben längst mit übernommen.

Die folgende (durchaus zutreffende) Lagebeschreibung verpackt Jörges unerfindlicherweise in rhetorische Fragen, dort, wo er die Gründe für die schwindende Macht des Journalismus aufzählt. Wovor sollte der Journalist also Angst haben:

„Vor der Werbewirtschaft, die Anzeigen abzieht und anders – auch anderswo – nach Aufmerksamkeit fischt? Vor Verlegern, die beim Grenzgang zwischen Modernisieren und Zerstören die Balance, Maß und Ziel verlieren? Vor Heuschrecken, die sich renditehungrig in Medien verflogen haben, dort alles kahl fressen – und dann verhungern? Vor dem Internet schließlich, das alles an Information zu bieten scheint, was der Mensch zum Denken braucht – und das kostenlos, rund um die Uhr und teils in Echtzeit, live? Ist Journalismus also ein verlorener, ein aussterbender Beruf – hoffnungslos überholt wie der Kohlenschaufler auf der Elektrolok?“

Fasste ein Feld-Wald-und Wiesen-Journalist die Gründe für seine Angst vor der Zukunft mal zusammen, so würde er all diese Fragen mit ‚Ja!‘ beantworten. Wie eine gelenkige Katze beißt sich Jörges Text im Folgenden selbst in den Schwanz: Durch eine vorangestellte Captatio benevolentiae – ja, alles ist ja wirklich so schlimm wie beschrieben, „aber trotzdem“ – tröstet er uns dann erneut mit dem großen Glaubenssatz vom Anfang des Textes:

Ja, natürlich ist unsere Gewerbe unter Druck. So stark wie noch nie zuvor. Zu Resignation oder Kapitulation aber gibt es keinen Anlass. Denn Journalismus ist und bleibt unersetzlich – auch wenn sich sein Kosmos in Organisation und Technik revolutionär verändert, auch verändern muss.

So gewunden und redundant möchte ich auch mal argumentieren – nur erheben meine Logik und meine Vernunft zumeist Einwände und hauen mir die Tippfinger blau. Jörges kommt in der Folge auf die vorgeblichen Aufgaben des Journalismus zu sprechen, eine Liste, wie aus dem Lehrbuch:

„Informationen zu erschließen, zu filtern, zu erklären, zu ordnen und zu interpretieren – das geht nicht ohne Redakteure, ohne Rechercheure, ohne Reporter, ohne News Anchor, ohne Kommentatoren.“

Ja, wenn’s doch so wäre! Ich erinnere nur an den Fall der überaus harmlosen Schweinegrippe, wo uns nahezu alle Medien unter Einschluss des ‚Stern‘ und vor den darob erstaunten Augen der Bevölkerung eine mediale Riesensau durchs Dorf trieben, als stünde Gevatter Tod mit seiner Hippe schon vor der Tür. Mit Fug darf ich vermuten, dass hier – statt zu ‚erschließen‘, zu ‚filtern‘, zu ‚ordnen‘ und zu ‚interpretieren‘ – schlicht die PR-Texte interessierter Pharma-Unternehmen von atemlosen und informationsgehetzten Redakteuren als lautere Wahrheit verkündet wurden. Auf solche ‚Informationen‘ können Bevölkerung wie Staat allerdings verzichten – uns ginge es besser! Zumindest wäre mehr Geld in der Kasse. Auf weitere Beispiele eines geradezu desinformierenden ‚Qualitätsjournalismus‘ hat Albrecht Müller hier jüngst hingewiesen.

Jörges beschreibt also einen Zustand, der gar nicht existiert. Der real existierende Journalismus widerspricht seiner Zustandsbeschreibung nahezu Tag für Tag. Er steht in der Regel konträr zu verkündeten Idealen – einige wenige ehrenhafte Gegenbeispiele bestätigen dies nur. Kurzum: Es sind eben nicht nur die Verleger mit ihren Herzen aus Excel-Tabellen, es sind auch die Journalisten selbst, die sich in ihre Lage hineingeschrieben haben. Einen publizistischen Bedarf muss man wecken, nicht vergraulen, sonst fliehen die verbliebenen Leser in Scharen.

Weiter im Text – Jörges schreibt vom Journalisten als dem Saaldiener in den Entscheidungszentren der Macht, der hautnah miterlebt, was ‚wirklich‘ geschah, nicht ohne Seitenhieb auf den ominösen ‚Leserreporter‘, der hier wieder einmal die dunkle Folie bildet:

„Der Leserreporter im Internet mag die Lehman Brothers bei der Flucht vor der Öffentlichkeit fotografieren und ihren Opfern auf der Straße Luftblasen der Empörung entlocken – was sich in den Stunden des Zusammenbruchs in Vorstandssuiten und Ministerbüros abgespielt hat, das können nur Journalisten aufdecken und einordnen.“

Ach, ja? Um auch einmal das Mittel rhetorischer Fragen zu verwenden: Sind es nicht die Quellen selbst, die uns Leser in diese Entscheidungszentren führen? Seit wann nähmen Journalisten denn an geheimen Sitzungen teil? War nicht in einem Blog wie ‚Wir in NRW‘ über Interna des Rüttger-Clubs mehr zu erfahren als in der versammelten politischen Dienstleistungspresse? Wurden nicht sogar die Pentagon-Papers der ‚New York Times‘ zugespielt, ganz ohne journalistische Recherche? Kurzum – hier wird eine ideale Welt inszeniert, die wiederum so gar nicht existiert. Es mag ja sein, dass man sich bei einem Espresso im Borchardt dem Weltgeist näher wähnt, als auf der Straße unter Menschen. Mit ‚Wahrheit‘ und ‚Wirklichkeit‘, ganz ohne Interesse des Informationsgebers, hat das aber nichts zu tun. Das beliebte, nahezu unvermeidliche Beispiel ‚Iran‘ folgt dann bei Jörges auf diese Tirade:

„Der Demonstrant in Teheran mag mit der Handy-Kamera jener jungen Frau zur Unsterblichkeit verhelfen, die von Milizionären des Regimes erschossen wurde – die politische Wirkung ihres Todes, das Kräftespiel in Iran und die Interessen der Mächte außerhalb aber offenbart nur der kenntnisreiche Journalist.“

Oho – und warum hören wir so rein gar nichts mehr über das ‚Kräftespiel im Iran‘ und über die ‚Interessen der Mächte‘, seit die grüne Revolution dort niedergeschlagen wurde? Außer der üblichen Leier, dass das iranische Atomprogramm gestoppt werden müsse, worin sich Ban Ki Mun, Obama, Merkel, selbst ein Westerwelle einig wären. Nichts substantiell Neues über den Iran, soweit ich dies überblicke, hat der versammelte Journalismus seit jenen Tagen blutiger Repression zu Tage gefördert, trotz aller seiner Auslandskorrespondenten.

Im nächsten Schritt werden von Jörges dann alle Blogger, die etwas taugen, schlicht zu Journalisten ehrenhalber erklärt. Auch dies ist natürlich eine Methode, Unpassendes durch Vereinnahmung passend zu machen. Denn bis auf weiteres ist Journalismus keine geschützte Berufsbezeichnung. Und natürlich ist jeder, der öffentlich schreibt, dort, wo er dies nonfiktional und halbwegs tagesaktuell tut, auch zugleich ein Journalist. Ein Blogger ist gewissermaßen ein Journalist ohne Verlag im Rücken. In der Folge wandert dann der eine Blogger von den ‚Ruhrbaronen‘ zur WAZ, um dort ironischerweise und ausgerechnet die Rechercheabteilung zu übernehmen. Eine Andrea Diener ist jetzt glücklich bei der FAZ gelandet. Und selbst im Falle eines ‚Motzbloggers‘ wie Don Alphonso wäre der Frank Schirrmacher mit dem Plätteisen gebügelt, ließe er den Mann jemals aus dem FAZ-Blogportal wieder gehen. Blanke Hütchenspielerei mit Berufsbezeichnungen und schillerndes Blendwerk ist es, was Jörges hier betreibt:

„Und die Blogger, die Aufmerksamkeit verdienen und Menschen bewegen – Stefan Niggemeier etwa, Kai Diekmann oder Michael Spreng – sind Journalisten. Sie wären nichts, wenn sie das nicht wären. Die zahllosen digitalen Disputierzirkel tun nichts anderes, als journalistische Nahrung zu verdauen. Sie kreieren nicht, sie verwerten.“

Letzteres stimmt schon – nichts anderes habe ich hier getan: Ich habe einen Text und Informationen von Jörges verwurstet, der seinerseits wiederum andere Texte und Informationen verwurstet hat. So ist das Schreiben nun mal, sofern man nicht dichtet oder erfindet. Text produziert Text – die Kunst besteht in der Anschlussfähigkeit und Weiterführung. Das Resultat heißt Diskurs.

„Autorenjournalismus“ ist es letztlich, was Jörges als Lösung anbietet. Er propagiert also genau jene Migration guter Schreiber in den Journalismus hinein, die ich eben beschrieben habe. Das frische Blut, der ’neue Journalismus‘ kommt doch längst aus dem Internet:

„[D]as verlangt nach Journalisten, die für ihr Blatt zur Marke werden – vom Leser gesucht, von der Redaktion herausgestellt, vom Verlag gepflegt. Um es anders auszudrücken: Das Autorenprinzip gewinnt im rasenden Wettbewerb um Aufmerksamkeit an Bedeutung. Auch und gerade, wenn die Redaktionen von den Verlagen aus Kostengründen personell ausgekämmt werden.“

Der verlangte gute Autor, um auch hier mal trennschärfer zu definieren, ist jemand, der in diesem ‚rasenden Wettbewerb um Aufmerksamkeit‘ es noch wagt, eine Meinung zu haben. Statt nur die vergängliche Ware der Information auf einem längst übersättigten Markt ebenso vergeblich wie zukunftslos feilzubieten.

10 Kommentare

  1. Nach Jörges ‚kreieren‘ Journalisten also. Somit waren die Hitler-Tagebücher kein Reinfall, sondern die größte Leistung eines NACHRICHTENblattes überhaupt. Wie aber kommt es, dass wir immer noch kopfschüttelnd drüber lachen? Wir sollten bewundernd die Füße jener großartigen Betrüger Rechercheure, Reporter, Redakteure, Rezensenten, Respektlosen küssen für ihre fantasielose Kreation.

    Kein Mensch und keine Gesellschaft braucht Journalismus. Erst recht nicht diese selbstherrliche Variante, die sich nur selbst den Schwanz lutscht:

    Informationen zu erschließen, zu filtern, zu erklären, zu ordnen und zu interpretieren – das geht nicht ohne Redakteure, ohne Rechercheure, ohne Reporter, ohne News Anchor, ohne Kommentatoren.

    Wie bitte? Soll das bedeuten Menschen sind zu dumm, selbst ihre Nervenzellen einzusetzen? Journalisten sind eine besondere Spezies Mensch, Homo sapiens informationes, ddie als einzige die Synapsen für die Trennung von Daten und Informationen hat? Wissenschaftler aller Fächer sind von Natur aus schlechter ausgerüstet, als Herr Jörges und seine Baggage?

    Und was ein schöner Nachrichtensprecher im Anzug und mit sonorer Stimme, in Jörges Verquersprech: News Anchor – in diesem Zusammenhang an Mehrwert bringt, bleibt mir unklar. Ist er nicht einfach nur der nette Gebrauchtwagenhändler, der die vom Journalisten erschaffenen Albernheiten dem Zuschauer möglichst glaubwürdig verkaufen soll?

  2. … die ‚Betrüger‘ im vorangegangenen Post sollten eigentlich durchgestrichen sein; offenbar nimmt WP das entsprechende Tag nicht an.

  3. Die Ruhrpiloten sind eigentlich die Ruhrbarone… 😉

  4. Oops – da habe ich wohl an den roten Baron gedacht. Korrigiert …

    😉

  5. Dierk: Klappt Funktioniert mit s- und /s-Tag

  6. Seltsam, genau den kurzen habe ich doch eingesetzt. Oder nicht?

  7. Doch, habe ich, offenbar strippt WP das, wenn es nicht ein Admin ist.

  8. Wenn das hier durchgesrichen ist, funktioniert alles bestens. WP ist da eigentlich ganz lieb zu allen. Ich habe das strike-Tag benutzt.

  9. Sehr gut auseinandergenommen, diese Imkreisargumentation von Jörges. Man ist doch immer wieder baff, wie frech eine Behauptung am Anfang hineingesteckt wird, um am Ende auch wieder herauszukommen.

  10. hahaha – „der offenbarende kenntnisreiche Journalist“. Wo isser denn? In den Medien leider nicht.

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