Stilstand

If your memory serves you well ...

Jeder Popel dichtet

Literatur ist nicht immer ‚Hochliteratur‘, und sie existiert auch nicht zwangsläufig nur in Büchern. Selbst noch die grenzdebilen Hackfressen rechtsextremistischer Organisationen erdichten sich eine Welt, die nach Gesetzen von Marvel-Helden-Comics in kackbraunem Gewand funktioniert. Mit einem Conan, also einem rachedürstenden, allmächtigen Wundertäter (oder Führer) immer vorneweg, der die Welt mit seiner treuen Gefolgschaft zu retten hat. Im Kern aller rechten Mythen ersetzt eine revolutionäre Philosophie der Tat das Denken – bloßes Losschlagen, und alles wird gut: ‚Aufräumen‘ wird man mit dem verhassten System, ‚Rausschmeißen‘, was einem nicht passt, öffentlichen Widersprüchen endlich ‚das Maul stopfen‘, ‚Niederreißen‘ all das, was dem Machtrausch des braunen Gesocks im Wege steht. Das allein wären dann schon jene ’nationalen Taten‘, deren poetische Kraft wiederum geeignet ist, einem entfesselten Germanentum im Bierqualm obskurer Gasthäuser die braungestreiften Höschen zu feuchten.

Wir haben hier also die literarisch verpackte Philosophie des Wirtshausschlägers vor uns, blanke Destruktion, die sich an Blut und Trümmern ergötzt. Die Frauen hätten – nebenbei bemerkt – in dieser Welt eher die Aufgabe, dem erschöpften Krieger nach der Schlacht die Beulen und die erhitzte Visage zu kühlen. Ein Endzeit-Szenario, wie wir es aus trivialen SF-Romanen oder auch aus Computerspielen kennen, eine schlicht erdichtete oder hormonell zusammenphantasierte Welt für den muskulösen Kämpfer mit der Knarre in der Hand … eine Welt, die an utopischer Kraft gewinnt, je häufiger man sich an ihr delektiert und sich als ‚Kameradschaft‘ in seinem Wollen kollektiv zutrinkt. Die reale Machtlosigkeit des Pöbels erträumt sich eine ‚verkehrte Welt‘. Letzteres wiederum ein uraltes Motiv der Weltliteratur …

Vor der Wirklichkeit versagt der national-fiktionale Plot natürlich: Allein die Frage, wie man dieses ‚Ausländer raus!‘ denn durchführen wolle, dann, wenn diese Ausländer längst in der dritten Generation mit deutschem Pass als gute Deutsche in diesem Toitschland leben – die fordert all diese Haudegen intellektuell dermaßen, dass wir die Synapsen britzeln hören. In der Tat läuft die einzig mögliche Antwort solch strunzblinder Aktionisten – die allerdings dann nicht öffentlich werden darf – natürlich logisch zwangsläufig wieder auf Armageddon, auf KZ und Vergasen hinaus. Es sind Tat-Besoffene und Barbaren der Jetztzeit, die sich um Kopf und Kragen delirieren.

Trotzdem ist auch deren Welt natürlich eine ‚Dichtung‘, die solange kohärent erscheint, wie man in ihr gefangen ist: Wir haben es beim Rechtsextremismus mit der kollektiven Rezeption einer völkischen Literaturgattung zu tun, mit einem Mythos, geboren u.a. aus Landserheftchen und Heldenromantik. Wissenschaftlich, also beim ‚proof of the cake‘,  haben all diese erdichteten Rachephantasien bisher keine Kapazität jenseits der Maulwurfperspektive hervorgebracht, nichts, was in irgendeiner Form intellektuell satiskationsfähig wäre. Und ästhetisch kommt auch nur ein Frank Rennicke dabei heraus, der zwar den Ton des Bierzelts zu treffen weiß, aber keine Töne. In Hinsicht auf Wissenschaft und Ästhetik war der Rechtsextremismus schon immer impotent.

Die geforderte ’sozialromantische Tat‘ muss sich, weil wirklichkeitsflüchtig, dann ersatzweise fiktional in poetischen Szenen und Drehbüchern ausleben, die aber visionär niemals weiter reichen als bis zum ‚Endkampf‘ und vielleicht einer erträumten Siegesfeier danach, mit Wein, Weib und Gesang. In praktischer Vorwegnahme dieses Paradieses erfreut man sich gelegentlich schon mal an einem höchstselbst zusammengeprügelten Ausländer, einem Punker oder sonstigem Penner …

Kurzum – Rechtsextremismus ist vor allem eins: schlechte Literatur!

2 Kommentare

  1. Als ich die Überschrift las, dachte ich, jetzt kommt ein sich-lustig-machen über solch tolle Dichtung wie:

    „Wer keine weiche Birne hat
    isst harte Äpfel aus Halberstadt.“

    Doch dann las ich ganz andere gute Gedanken.
    Obwohl, ein kleiner Einwand: ist es tatsächlich „vor allem (!) schlechte Literatur“? Lesen die denn so viel?

  2. Es sollte darum gehen, dass sich buchstäblich jeder, auch der Denkfaulste, eine Welt ‚erdichtet‘: Immer hat er ein ‚Script‘ über den Weltzusammenhang im Kopf, das seinem ‚Wollen‘ entspricht. Wie obskur auch immer. Für diese Form selbsterzählter Literatur braucht es kein Buch und kein Papier, jedenfalls nicht zwingend. Solche Form der Mythenbildung kann auch oral erfolgen …

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