Stilstand

If your memory serves you well ...

Interessanter Plan

Wenn’s denn stimmt, was der ‚Independent‘ da schreibt, dann stiege unsere Madame Mim erheblich in meiner Achtung. Allerdings müsste Onkel Vladi seinen Leuten daheim noch so allerlei erklären – und auch in der Ukraine dürften die Wogen erst einmal hochgehen:

„Germany and Russia have been working on a secret plan to broker a peaceful solution to end international tensions over the Ukraine. The Independent can reveal that the peace plan, being worked on by both Angela Merkel and Vladimir Putin, hinges on two main ambitions: stabilising the borders of Ukraine and providing the financially troubled country with a strong economic boost, particularly a new energy agreement ensuring security of gas supplies. More controversially, if Ms Merkel’s deal were to be acceptable to the Russians, the international community would need to recognise Crimea’s independence and its annexation by Russia, a move that some members of the United Nations might find difficult to stomach.“

Andererseits – die Krim endgültig hergeben, von der wohl derzeit niemand weiß, wie diese Annexion ohne offenen Krieg jemals rückgängig zu machen wäre, und dafür ein massives russisches Wiederaufbauprogramm für die Ukraine einzuhandeln … keine ganz blöde Idee. Bleiben zwei Fragen: Wie soll ein wirtschaftlich erschöpftes Russland eine solche zusätzliche Last überhaupt stemmen, und darf man diesem Onkel Vladi noch über den Weg trauen? Jeden politischen Kredit hat der doch verspielt …

Für die These eines Zurückruderns spricht auch das, was Putins Chef-Kolumnist Kolosnikov dort jetzt schreibt:

„If at some point it becomes evident that the insurgents had some connection to this [MH17], that would radically change [Putin’s] attitude toward them — even if it was a fatal mistake,“ Kolesnikov wrote. „Children who died for nothing, as well as adults and elderly people, this is a red line he will not cross. He will not cover up for those who did this if he knows they did it. He will not have this sin on his soul.“ Kolesnikov’s argument should by no means be taken at face value. Who really believes that Putin is suddenly shocked that the separatists he has been sponsoring could have shot down a civilian airliner? And does anybody really believe civilian deaths are a red line he will never cross? But Kolesnikov doesn’t write anything by accident. And it’s safe to assume he doesn’t write anything that is not Kremlin-approved. So with his July 29 column, he is clearly either floating a trial balloon or delivering a message from Putin to the elite that a change of policy is imminent.“

Die Trauer über die Kinder muss man bei einem eiskalten Zyniker wie Putin wohl nicht allzu ernst nehmen. Vor allem, wenn man sich erinnert, dass seine medialen Pudel ja schon immer im voraus wussten, dass es die bösen Ukrainer waren. Was sich aber äußert, ist fast die Hoffnung, dass die Briten jetzt herausfinden möchten, dass es die Rebellen gewesen seien. Darauf ließen sich jene rhetorische Figuren aufbauen, die es ihm gestatten könnten, einerseits seinen möglichen Sinneswandel den Babushkas im Land zu erklären, und andererseits zugleich allen ‚Blame‘ auf die Desperados zu wälzen, die sonst zu einer innenpolitischen Gefahr für sein System würden. Wie schreibt Kolosnikov:

„The policy of the relations with the fighters of the resistance will be reexamined forever. Yes, Vladimir Putin will refuse to work with them.“

Apropos – irgendwie nehmen die Einwohner von Donezk ihre Dalton-Bande wohl nicht so ganz ernst. Am besten gefällt mir der Kampfzwerg ‚Motorola‘ mit Räuberbraut … dem und den anderen geht’s aber wohl nicht so gut. Das ‚DPR-Military-Bulletin‘ dürfte sie kaum froh stimmen:

„During the night the enemy fully occupied Avdiivka with a force of 8 tanks and a „Right Sector“ battalion. The enemy is trying to surround Gorlovka with their armor. The settlement of Pavlogradskoe (West of Mospino) was attacked from the South-West by the „Azov“ battalion with tank and UA support. Up to 70 units of enemy armor are taking part in the assault. Ongoing fighting. Heavy Fighting continues between Shahtersk and Torez. In the course of the battle 1 enemy tank was destroyed and 2 BMPs captured, one of them is fully functional. In the same area an enemy supply column was destroyed with artillery fire. Three Ural trucks carrying munitions were destroyed. From the north another enemy column is approaching, 40 units of armor. In the area of Saur-Mogila heavy fighting is taking place. After a fight Stepanovka and Marinovka were left (by the rebels). From damage sustained in the retreat we were forced to blow up two tanks and one BMP. Enemy continues to develop the offensive in an attempt to unite with their Southern battleground.“

Auch Luhansk ist inzwischen komplett eingeschlossen. Es gibt aber einen humanitären Korridor, den jeder benutzen kann, der ohne Waffen ist und eine weiße Binde um den Arm trägt. Mal schauen, wie viele Desperados jetzt das Bettlaken als Waffe ihrer Wahl wählen werden … nebenbei bemerkt – diese ‚Selfies‘ sind auch zu und zu blöd:

„A goofy, selfie-loving Russian soldier might have supplied the best proof yet of Moscow’s direct support of Ukrainian rebels — and potential role in the downing of Malaysia Airlines Flight MH17.“

 

8 Kommentare

  1. Putin und Entourage sollen wohl als kleinstes der absehbaren Übel gestützt werden, anscheinend durch Zuckerbrot und Peitsche mit verteilten Rollen. Unter dieser Perspektive hätte die Zurückhaltung und das Diffus-halten der offiziellen Positionen rund um MH-17 einen taktischen Sinn: Der Spielraum soll nicht vorzeitig durch Festlegungen und möglichen Gesichtsverlust eingeschränkt werden (Merkels Standard-Strategie: Festlegen möglichst nie, wen unumgänglich dann so spät wie möglich). Mittlerweile wird möglichst lange das Eigentliche in verdeckten Kanälen verhandelt, bis alle mit einem „Erfolg“/“Sieg“ zuhause auftreten können.

    Spannend wird jetzt, ob die Putinisten sich von der Zwickmühle erholen und nach innen echte Stärke entwickeln* oder weiter mit Strunz-Auftritten herumlavieren. ZB. die Drohung nach außen mit explizitem Krieg (im Zitat zum 50-Milliarden-Urteil) wahr zu machen dürfte übel nach hinten losgehen, denn im Osten lauert eine Atommacht die nicht ihre erarbeiteten Dollarreserven vernichtet sehen will (durch destabilisierte Weltwirtschaft) aber gerne ein Stück Territorium mit Bodenschätzen abbeißen würde (wenn es nicht zu viel kostet). Das war wohl nur nach innen getrötet.

    Vielleicht spielt Putin auch auf Zeit und wartet auf Russlands besten Verbündeten, den Winter, um dann ein Völkerrechtliches Race-to-the-Bottom voranzutreiben? Ein Lieferstop in manchen Pipelines und gleichzeitige Durchhalte-Propagande nach innen? Das wäre allerdings eine Verhärtung/Fanatisierung, kulminierend im erweiterten Selbstmord der Putin-Kreise, und da dürften sich in Rußland unter den Entscheidern doch nicht so viele finden, die das mitmachen möchten.

    * „Lache nicht über jemanden, der einen Schritt zurück macht. Er könnte Anlauf nehmen.“

  2. @ Johy: Bis zum Winter halten die Desperados nicht mehr durch, vor allem, wenn die Unterstützung schwindet. Das sind doch jetzt schon Angeheuerte aus aller Herren Länder, immer wieder werden neuerdings Serben ‚detained‘ und Aufrufe in Fremdenlegionärs-Zeitungen haben sie in ihrer Verzweiflung auch schon gestartet. Entweder, Russland spielt jetzt ‚all in‘ statt ‚covert action‘, oder es kommt irgendwie, wie oben beschrieben …

  3. Wenn ausgerechnet Deutschland versucht, so einen Plan durchzusetzen, dann gehen in unseren östlichen Nachbarländern die Alarmglocken an: „Deutschland und Rußland teilen ein osteuropäisches Land auf.“

    Daß die Fakten in dem Artikel nicht stimmen, ist einem Leser names beckenbauer aufgefallen:

    „for the Germans as Russia is their single biggest trading partner“
    Lousy, lazy Indy journalism again whwn it comes to Germany.
    Russia actually is number eleven after:
    France
    Netherlands
    China
    USA
    UK
    Italy
    Austria
    Switzerland
    Belgium
    Poland
    If I wanted deliberate misinformation I would read a Murdoch paper.

  4. Schon, schon. Aber wie geht’s weiter nach der ukrainischen Episode? Cordon sanitaire und trotzige Autarkie? Die Weltwirtschaft würde durchaus einen failed state verknusen, solange er nicht nach außen greift.

    Aber vielleicht bin ich auch einfach zu besorgt.

    (Zur Melodie „Oh when the saints“: )
    Der Russ‘ der kommt, der Russ‘ der kommt, der Russ‘ der kommt, des is ganz g’wiss,
    ja weil der Russ‘, ja weil der Russ‘, ja weil der Russ‘ ein Russe ist!
    (Zu Volkslied-Melodie:)
    Ob er aber über Oberammergau,
    oder aber über Unterammergau,
    oder aber überhaupt net kommt,
    des is net g’wiss.
    (wieder „Oh when the saints“: )
    … der Russ‘ der kommt, der Russ‘ der kommt, der Russ‘ der kommt, des is ganz
    g’wiss!

    Biermösl Blosn forever!

  5. @ sol1: Falls es so käme, dann würde so etwas bestimmt als ‚EU-Friedensplan‘ ausgeflaggt werden oder etwas ähnliches … ich glaube ja auch noch nicht daran, dass es dazu überhaupt kommt, immerhin kleben gleich zwei Völker erst einmal unter der Decke. Aber zumindest enthält dieses Gedankenspiel ein wenig ‚Über-den-Tellerrand-Denken‘, und der ‚Independent‘ ist ja auch nicht irgendwer … hinter den Kulissen bewegen sich also einige Schachfiguren schon.

    Dass die Bedeutung Russlands als deutscher Handelspartner überschätzt wird, kommt des öfteren vor, besonders in England.

  6. Hier hat jemand eine recht eigene Interpretation der Verhältnisse (von 2009, Putin ist da noch „der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“):

    „Die europäische Produktionsweise entwickelte Privateigentum als Motor der Selbstverwertung des Geldes, aus welcher der privatwirtschaftliche Kapitalismus hervorging. In ihr sind Staat, Kirche und Kapital getrennt und müssen sich immer wieder neu verbinden. Ihre Krisen tragen dynamischen Charakter.
    Die asiatische Produktionsweise [Russland u.a.] entwickelt Gemeineigentum als Basis einer stabilen individuellen und allgemeinen Selbstversorgung unter der Herrschaft einer verwaltenden Klasse. Krisen entstehen periodisch aus der Schwäche der Bürokratie, nicht aus der Dynamik des Kapitals.“

    „Die Restauration des Staates unter Putin ist der konsequente nächste Schritt, dessen Inhalt darin besteht, die nach-sowjetische gemeinwirtschaftliche Produktions- und Lebensweise unter Einbeziehung westlicher Impulse und nach dem Abstoßen ineffektiver Ballaste im Lande wie an seinen Außenbereichen auf einem neuen Niveau wieder funktionsfähig zu machen.
    Nicht Nachvollzug, nicht Übernahme der europäisch-westlichen Produktions- und Lebensweise ist der Inhalt der nach-sowjetischen und heutigen russischen Transformation, sondern die Effektivierung des nicht-privatkapitalistischen Weges mit Mitteln des Privatkapitalismus.
    Was dabei herauskommen wird, ist selbstverständlich offen — auf keinen Fall aber eine einfache Übernahme des uns bekannten Kapitalismus mit der ihm immanenten Selbstverwertungslogik des Kapitals, auf keinen Fall nur ein Nachvollzug westlicher Muster, auf keinen Fall nur eine Einordnung in das neo-liberale Fortschritts- und Wachstumsschema der Globalisierung, sondern die Entstehung einer anderen als der auf Privateigentum basierenden Kultur, die westliche und traditionell russische Elemente zusammenführt, eine Entwicklung also, die Elemente der zentralistischen gemeineigentümlichen Ordnung mit privateigentümlichen Freiheiten zu verbinden sucht.“

    http://www.radiobridge.net/tazara%20kapitel81.html
    Wie ich die Seite einordnen kann ist mir allerdings noch nicht so recht klar, der Kontext ist doch recht heterogen…

  7. Nö, nicht schon wieder, das hatten wir vor ein paar Wochen schon einmal. Frau Ri und Herr Mo machen die Ukraine klar.
    Sorry, so sehr ich mir ein Ende des Krieges wünsche, Kiew hat da auch noch ein Wörtchen mitzureden.

  8. @ Johy: Wenn’s man so wäre. In Russland ist der Kapitalismus an der Macht, die Kapitalisten haben zugleich die höchsten Staatsämter inne. Das, was du ‚asiatische Produktionsweise‘ nennst, ist damit der feuchte Traum jedes Kapitalisten auch hierzulande. Und wenn die Kapitalisten selbst der Staat sind, dann haben sie gegen Staatseigentum natürlich auch nichts einzuwenden. ‚Gemeineigentum‘ in irgendeinem genossenschaftlichen Sinn aber gibt’s dort nirgendwo.

    @ Saiz: Ich wünsche mir ja auch, dass die ATO die Desperados endlich überrennt, dass Strelkov ins schöne Den Haag muss, und dass die Ukraine dann auch noch die Krim ‚klarmacht‘ – aber, oops – an Letzteres glaube ich in absehbarer Zeit nicht. Insofern geht es vielleicht um das derzeit maximal Erreichbare, nämlich Russland zunächst für den Landraub und den Bruch des Völkerrechts möglichst teuer bezahlen zu lassen. Ferner glaube ich nicht, dass die ukrainische Seite an solchen Gedankenspielen nicht beteiligt gewesen wäre, denn ohne sie ist solch ein Plan sowieso nur Makulatur …

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