Luther mit des Teufels Dudelsack, 1535, Eduard Schoen

Luther als des Teufels Dudelsack, 1535, Eduard Schoen

Fast schon prophetisch erscheinen mir einige Passagen, die ich über Luthers ‚erste Medienrevolution‘ im Jahr 2010 für das Gottlieb-Duttweiler-Institut schrieb:

„Der große Alphabetisierungsschub der ersten Medienreformation setzt sich in einer zweiten Welle also fort. Vor allem aber fließen die Kanäle des Informationsgeschehens nicht länger ausschließlich in eine Richtung – hinab von den massenmedialen Höhen hin zu einer aufklärungsbedürftigen Menge dort unten in den Niederungen des Alltags. Die Umkehr der Fließrichtung ist vermutlich soziologisch das bedeutsamste Ereignis der zweiten Medienreformation, sie ist in ihren Folgen noch gar nicht abzusehen. Das alte Habermas’sche Modell bebt jedenfalls in allen Fundamenten, jene Welt, wo aufgeklärte Mandarine mittels eines elitären Diskurses vermittelt über die Massenmedien eine „formierte Gesellschaft“ erzeugen. Hier ist längst eine große Meuterei ausgebrochen: Die Mannschaft drängt mit Macht auf die Brücke.

Da liegt auch die Chance – oder die Gefahr – der neuen digitalen Medienreformation: Fänden die zwei Katalysatoren je zusammen, ein neuer gesellschaftspolitischer Bedarf und eine innovative Technik in der Hand von Laien, dann stünde uns vielleicht eine erneute Reformation ins Haus.

Denn im Netz türmt sich inzwischen meterhoch der Zunder, vom Demokratiedefizit im Parteienstaat über die fehlende Sensibilität für die Datenfreiheit bis hin zum überhandnehmenden Lobbyismus auf allen Altkanälen – nur die zündende Flamme fehlt bisher, ein Ereignis, eine Idee oder eine Person, die den Funken schlägt. Wenn es jemals dazu käme, würde die Bewegung wohl absehbarerweise ‚kulturkonservativ‘ sein, so wie einst die Reformatoren – sie würde die ‚alten Rechte‘ der Demokratie einklagen, um unwillentlich auf diesem Weg etwas ganz Neues zu schaffen.“

Dass ein Reality-Show-Tycoon mit einer Goldhamster-Frisur dabei herauskäme, habe ich damals allerdings noch nicht gedacht …