Von jemandem, der persönlich vor Ort gewesen ist und alles in Augenschein nahm, glauben wir allzu gern, dass er uns auch mit absolut objektiven Beobachtungen verwöhnt. Dabei sollten wir, die wir inzwischen alle durch die harte Schule der Gehirnforscher und der radikalen Konstruktivisten gingen, doch wissen, dass alle Beobachtung bis über beide Ohren subjektiv kontaminiert ist. So auch in diesen Fällen, auf die ich bei der Lektüre von Arno Schmidt stieß (BA, III.3., 154). Im Abstand weniger Tage besuchten in den 1820er Jahren zwei Menschen den alternden Weimarer Dichterfürsten Goethe. Hier zunächst Wilhelm Hauff mit seinen ‚Beobachtungen‘:

„Die Tür ging auf – er kam! Dreimal bückten wir uns tief – und wagten es dann, an ihm hinauf zu blinzeln: ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie die eines Jünglings; die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut. Er war angetan mit einem langen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern … mit der feinen Wendung eines Weltmannes lud er uns zum Sitzen ein.“

Kurz darauf traf der Ritter von Lang beim Dichterfürsten ein, auch er kein ganz kleiner Stern am Himmel der Literatur:

„Ein langer, alter, eiskalter, steifer Reichtstagssyndicus trat mir entgegen in einem Schlafrock, winkte mir, wie der steinerne Gast, mich niederzusetzen, blieb tonlos nach allen Seiten, die ich anschlagen wollte … es war mir, als wenn ich mich beim beim Feuerlöschen erkältet hätte.“

Kurzum: Die Vorerwartungen – die ‚Frames‘ – der Besucher prägen das Beobachtete auf jeder Ebene. Hier das junge Haupt der schwäbischen Dichterschule, das sich seinem Vorbild Goethe nähert wie heutzutage ein Teenager dem Justin Bieber, dort der abgebrühte und desillusionierte Spätaufklärer und Zyniker, der sich in jeder Lebenssituation kein X mehr für ein U vormachen lassen will. Dementsprechend konträr fällt die beobachtende Beschreibung dann auch aus. Die Wahrnehmung des alten Sacks gefällt mir übrigens besser als der demutsvolle Jugendschwulst des schwäbischen Pathetikers. Der Witz stellt sich eben erst mit fortschreitendem Alter ein …