Stilstand

If your memory serves you well ...

„I had a dream!“

Dies ist eine moderne Fabel: Am Anfang hatte ein frisch gekürter amerikanischer Verleger nächtens einen feuchten Traum. Er feuerte am nächsten Tag ungefähr sechs Siebtel seiner Mitarbeiter – und malte sich als erstes ein dickes Plus auf die Einnahmeseite. Aber irgendetwas aber musste er ja jetzt verkaufen, sonst würde das nichts werden am Jahresende mit den dicken Boni:

„Die Kurzform des Konzepts, mit dem AOL nach Abspaltung von Time Warner selbst an der Börse reüssieren w[ollte]: Eine Software filtert aus dem Internet die gerade aktuellen Schlüssel- und Reizwörter heraus, ein Heer von freien Schreibern liefert Texte dazu, die wiederum nach dem Erfolg bei Klicks und Werbung honoriert werden. … Wer auf einer bestimmten Seite werben will, kann einen passenden Promotion-Text selbst einfügen oder passgenau dazubestellen; gegen Bezahlung natürlich.“

Dann lief auf dem legendären texanischen South-by-Southwest-Festival die nächste Folge dieser modernen SEO-Seifenoper – es war sozusagen die Nagelprobe, ob sich mit zusammengegoogeltem Bot-Wissen und PR-Lyrik am Ende sogar publikumswirksamer Journalismus statt bloßem Klickidiklick-Patchwork erzeugen ließe. Fazit: Der Schuss ging gewaltig in den Ofen, die intellektuelle Ware erwies sich als leicht verderblich, der Geist verweigerte sich mal wieder den neoliberalen Weltgesetzen – und mit allen verfügbaren Fingern zeigt unser Verleger jetzt auf andere, auf ’seine Leute‘ nämlich:

„Tim Armstrong, Chef des als Medienunternehmen neu strukturierten Internet-Riesen AOL, zeigt sich bestürzt („horrified“) über die Leistungen seines Teams: Er f[indet] die Berichterstattung … chaotisch und unausgegoren.“

So chaotisch und unausgegoren wie Google höchstselbst vermutlich, wo die meisten Suchanfragen noch immer das Thema ‚Porno‘ und Artverwandtes betreffen. Bei Valleywag machen sie sich nur noch lustig über diesen Armstrong, der nie auf dem Mond gelandet ist, obwohl er doch offenkundig auf dem Mond lebt, inmitten von Bergen aus Excel-Sheets, die ihm mittels der tollsten CEO-Erfolgsformeln allesamt sagen, dass alles gaaanz wunnebar hätte laufen müssen sollen.

Der gesunde Menschenverstand, also nicht derjenige unserer ökonomistischen Mondkälber, der lacht sich derweil schlapp und sagt prustend jedem Erstklässler: „Ohne gute Schreiber kein guter Text, ohne guten Text keine treuen Leser, ohne treue Leser keine willigen Anzeigenkunden.“ Anders ausgedrückt: Das Geschäft kommt im Journalismus immer erst ganz zum Schluss, und ein Journalist läuft auch nicht der ‚Awareness‘ hinterher, er schafft sie, und das zu nahezu jedem beliebigen Thema durch die Art seines Schreibens – fragt sich, wann wohl der Herr Armstrong erstmals auch zu diesem Schluss kommen wird:

„Naive editors? Who „thought it was ready to go live“ and just have such low standards for their expectations for content that it took this magnificent CEO to swoop in and „catch that issue“? How about the fact that paying less-than-professional „writers“ a pittance to turn in thousands of „stories“ is just a stupid attempt at compiling content which defies editorial oversight? Crowdsourcing on the cheap makes not a curated, well-organized content-site …“

Merke: Nur weil du CEO geworden bist, und deinen Hayek und Friedman herbeten kannst, heißt das noch lange nicht, dass du auch Ahnung hast …

6 Kommentare

  1. Ein weiterer Beweis, dass „Content“ und „Inhalt“ einfach zwei Paar Stiefel sind.

    Mich wunderte es eh, weshalb überhaupt noch Menschen zum Einsatz kommen sollten. Theoretisch können doch alle frei zugänglichen PR-Texte (und das sind bekanntlich nicht wenige) von einem Bot aggregiert, SEO-technisch aufbereitet und in anzeigenfreundlichen Häppchen serviert werden. Das wäre halt sowas wie Google News nur mit Werbung.

  2. @wolfgang: Gibt es doch schon, solche Pressemitteilungs-Pseudonewsseiten. Sind eigentlich recht interessant, weil dort das Ursprungsmaterial steht, in das die Publikationen dann eigene Fehler integrieren.

  3. Wolfgang Hömig-Groß

    26. März 2010 at 9:45

    Erinnert mich irgendwie an Powerpoint-Karaoke: http://de.wikipedia.org/wiki/Powerpoint-Karaoke

  4. Das CEO-Law: Was auf Powerpoint funktioniert, funktioniert auch in der Wirklichkeit. Sonst wird die Welt passend geschnitzt …

    Den inzwischen nahezu minütlich aktualisierten Lifestream des unaufhörlichen PR-Gedudels in Deutschland findet der interessierte Leser übrigens hier:

    http://www.presseportal.de/

  5. Presseportal & Co. sind nur Textsammler, da steckt keine „KI“ dahinter, die notwendig ist, um Themen/Trends zu analysieren und aufzubereiten. Rivva geht in die Richtung.

  6. @ Wolfgang: Ich behaupte ja auch gar nicht, dass dieses Presseportal Relevanz produziert. Die meiste PR bleibt Schall und Rauch, seit jeher. Beim Presseportal schwimmen dann die lebenden Text-Leichen wie Loren an einer Torfbahn vorbei – ist doch auch ein schöner Anblick …

    Übrigens nichts gegen Rivva – aber in letzter Zeit glänzt die Politik dort nahezu durch Absenz, dafür gibt’s in meinen Augen viel zu viel ‚Gadget-Kram‘. Das ist nicht meine Blogosphäre, die Rivva abbildet. Entweder hab ich’s also an den Synapsen – oder die an den Algorithmen.

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