Es war Kurt Tucholsky, der Texte mit Hilfe dieses Maßstabs unterschied. Unter dem Titel „Horizontaler und vertikaler Journalismus“ erschien am 13. Januar 1925 ein Text von ihm in der ‚Weltbühne‘ (GA VII, 26ff), der zwei grundlegende Textsorten im Journalismus skizzierte. Beide gibt es bis heute – hier zunächst die Beschreibung des ‚horizontalen Schreibers‘, der sich dadurch auszeichnet, dass er zwanghaft alles mit dem Gewohnten vergleicht:

„Wir haben den horizontalen Journalismus, der den reisenden Berichterstatter in seiner Klassenebene lokal verändert. Herr Schulz wird nach Rom, Herr Young nach Berlin versetzt. Was geschieht – ? Sie vergleichen die Fahrweise der elektrischen Bahnen, die Preise, die Bauart der Häuser, die Läden in der Fremde mit den Einrichtungen des Vaterlandes, immer aufgrund ihrer gewohnten Anschauungen; und berichten so in die staunende Heimat … Der horizontale Journalismus läßt viel sehen, aber nicht das Interessante.“

Der horizontale Journalist bleibt also immer derselbe Stenz, der er schon in Wanne-Eickel war: seinem Milieu verhaftet, unfähig, Atmosphäre einzufangen, die Lebensumstände, das Fühlen und Denken der Menschen zu begreifen. Altkluge Weisheiten sind die Folge, die immer auf einem Vergleich fundieren, gepackt in den adjektivreichen Sound des Feuilletons und der Reiseprospekte: „Das umherschweifende Leben in der endlosen Wüste hat aus den Beduinen harte und erbarmungslose Krieger geformt, auch die tagelangen, schneidenden Sandstürme und die unbarmherzige Glut der Sonne, die das Verlangen nach europäischem Komfort für den Reisenden zu einer Fata Morgana machen„. Ja – woher will der denn das wissen? Hat er lange im Schatten der Dünen gelebt, oder ist er doch nur ein Europäer auf Stippvisite? Es könnte ja auch die Religion sein, die dazu führte, die Sitten, die Habgier, der umgebende Despotismus – was weiß ich? Nichts, nichts, nichts weiß ich, sobald ich in ein fremdes Land komme. Ich bin nur ein weißes Blatt Papier.

Auf diese horizontale Art verfuhren viele Journalisten, auch die Großen. Wer heute ein Buch von Eugen Zabel liest, seinerzeit einer der bedeutendsten deutschen Journalisten aus der Zunft der Auslandsberichterstatter, der fällt über das Phänomen in nahezu jedem Absatz:

„In Petersburg suchte ich nach alter Gewohnheit das Hotel de France in der großen Morskaja auf. Es ist keins von den modern ausgestatteten Häusern, auf die man in großen Städten besonderen Wert legt. Die Einrichtung des Lifts, der das Treppensteigen erspart, ist dort unbekannt. Ebenso gibt es in den Zimmern keine elektrische Beleuchtung, nur Stearinkerzen und Lampen. In all diesen Dingen steht das Hotel de L’Europe an der Ecke des Newski Prospekt un der Michailowskaja entschieden höher. … (Trans-Sibirien, 39).

Der Schreiber schwebt in kultureller Hinsicht auf Wolke Sieben, auf seinem angestammten Lebensgefühl, das sich am Komfort von Paris oder Berlin bemisst. Der implizite Vergleich – hier Lifts, da keine – ist der ständige Begleiter in jedem Satz, die Überlegenheit Mitteleuropas beugt sich – textlich gesehen – zu Russland tief herab.

Ganz anders der vertikale Schreiber, der sich eben nicht zu seinem Gegenstand von einem Stapel vorab recherchierter Fakten und kultureller Gewissheiten herabbeugt, der vielmehr ahnungslos mitten in eine unbekannte Lebenswelt hineinplatzt.

Einer der besten dieser ‚vertikalen Schreiber‘ ist David Foster Wallace, die größte Reportage der Neuzeit heißt für mich „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich„. Sie erschien auf Deutsch 1996 im mare Buchverlag. Wallace’s Thema ist hier die wohlsituierte amerikanische Mittelschicht, die sich den Traum von einer Kreuzreise durch die Karibik mit allem Komfort erfüllt. Eine amerikanische „Edel-Gazette“ hatte ihn, den damaligen Jung-Star der Literatur, für ein solches ‚Feature‘ engagiert. Die 183 Seiten, die daraus folgten, sprengten jeden print-journalistischen Rahmen, wurden aber ein Welterfolg. Mit einem Rückblick beginnt die Reise in diesem luxuriösen Hamsterkäfig:

„Ich habe einen knallroten Jogginganzug gesehen, mit extrabreitem Revers. Ich habe erfahren wie Sonnenmilch riecht, wenn sie auf 21.000 Pfund heißes Menschenfleisch verteilt wird. Ich bin in drei Ländern mit „Mään“ angeredet worden. Ich habe 500 amerikanischen Leistungsträgern beim Ententanz zugeschaut. Ich habe Sonnenuntergänge erlebt, die aussahen wie nach einer digitalen Bildbearbeitung, und einen Mond, der am Himmel hing wie eine fette Zitrone … Ich habe mich (wenn auch nur kurz) in eine Conga-Polonaise eingereiht“.

Dieser Mann hat schlicht nur ‚gesehen‘, ‚gerochen‘, ‚gehört‘, ‚zugeschaut‘ und ‚mitgemacht‘, ihm genügten seine Sinnesorgane und sein Kopf, um aus dem Thema etwas Großes zu formen. Es ist Zeile für Zeile ein durch blanke Erfahrung gesättigter Stoff – und es ist nach diesem Beginn wohl unnötig zu erwähnen, dass keiner, der das Buch gelesen hat und der seine fünf Sinne noch beisammen hat, jemals eine Kreuzfahrt unternehmen wird. Was andererseits dem Text völlig fehlt, das ist die Recherche. Wallace weiß nicht, wie viel Bruttoregistertonnen sein Schiff hat, wie groß der Schraubendurchmesser ist, wie viel Knoten es macht. Ja, der Zugang zu Hirn und Muskeln des Schiffes, zu Brücke und Maschinenraum, wird ihm gleich zu Anfang von der Schiffsführung verwehrt. Er ist am Anfang wie am Ende ein völliger Simplicius. Bleiben ihm nur seine Augen und die Menschen.

Allen Journalistenschulen zufolge wäre das Verfassen einer solchen Reportage ohne die unerlässliche Recherche zuvor ein blankes Ding der Unmöglichkeit: „Jede gute Reportage beginnt mit guter Recherche“, sagt Cordt Schnibben. In diesem Fall eben nicht. Auch das macht den Text so einzigartig. Wenn überhaupt mal Fakten auftauchen, dann hat sie Wallace während des endlosen ‚Programmteils‘ aufgeschnappt, dann, wenn Angehörige der griechischen Offiziersmafia mit viel Herablassung der zahlungskräftigen Kundschaft das Manna ihres Wissens spenden.

Es folgt eine dichte und detaillierte Beschreibung, die in Beobachtungen gipfelt, die jede kulturelle Überheblichkeit der Passagiere durch den Zerstäuber jagt – ein Klassengegensatz ganz ohne ‚oben‘ und ‚unten‘ tritt zu Tage, wo sich beide Seiten der anderen jeweils überlegen dünken, zum Beispiel beim Landgang in Mexiko, wo den Kreuzfahrern zuliebe eine eigene Tinnef-Industrie erblüht ist:

„Einen weiteren Dämpfer erhält mein Selbstbewusstsein, wenn ich mir ansehe, wie gelangweilt die Einheimischen mit amerikanischen Touristen umgehen. Jawohl, wir langweilen sie, und das ist schlimmer, als wären wir ihnen einfach nur widerwärtig. … Manchmal denke ich, [die Passagiere] sind viel zu vernagelt in ihrer bovinen Zufriedenheit, als dass sie etwas von den abschätzigen Blicken der Straßenhändler, Schnappschussfotografen und Service-Knechte mitkriegen. … Sie wollen verdammt sein, wenn ihnen solche neurotische Bedenken nicht am Arsch vorbeigehen. Sie haben hart gearbeitet, sie haben gespart für diese 7NC-Luxus-Kreuzfahrt, sie haben es sich verdient – egal, wie der American Way of Life bei ein paar einheimischen Hungeleidern rüberkommt“.

So etwas lässt sich nicht vorab ‚recherchieren‘, indem man mexikanische und US-amerikanische Lebensstandard-Tabellen wälzt. Hier genügt schlicht der scharfe Blick. Und es zeigt zugleich, wie der ‚vertikale Journalismus‘ verfährt: Er nimmt konsequent die Position des Außenseiters ein, nach allen Seiten hin. Bekanntlich litt David Foster Wallace massiv unter Depressionen, unter der ‚Realistenkrankheit‘ also, er sah die Menschen, wie sie sind, ganz ohne rosarote Brille. Nicht zuletzt in dieser unseligen Gabe, die schriftstellerisch zugleich ungeheuer produktiv wirkt, dürften die Gründe für seinen frühen Selbstmord zu suchen sein …