Stilstand

If your memory serves you well ...

Horch, was kommt von unten her?

Das Internet ist eine mediale Szenerie, die auf dem Prinzip der Selbsterfahrung basiert – wie ein Abenteurer zieht der Netzbewohner hinaus ins Ungewisse, um sich vom unendlichen Web überraschen zu lassen. Jeder, so er dies will, ist dabei nicht nur als Publikum unterwegs, er ist selbst Partizipant: Er artikuliert sich unbeschränkt öffentlich – ganz ohne exorbitante Vertriebs- und Druckkosten, die zuvor den Zugang zur Medienwelt begrenzten – und dort, wo es ihm gefällt, hinterlässt er in Form von ‚Links‘ seine Visitenkarte.

Das trifft die bisherige ‚Expertenwelt‘ tief unterhalb der Wasserlinie, denn die Habermas’sche Sphäre gepflegter Kommunikation, wo intellektuelle Mandarine vom Lehrstuhl herab stellvertretend den Willen einer allgemeinen Vernunft verkündeten, die doch meist die ihre war, die versinkt in einem unabsehbaren Ozean des Diskurses, wohl auch des Geplappers, wo es keinerlei Zugangsbeschränkungen mehr gibt. Auch die Unvernunft hat damit jetzt eine Stimme erhalten.

Allgemeine Ratlosigkeit ist die Folge: Weder Intellektuelle, noch Verleger, noch Werber wissen so recht, wie sie ihre entfleuchte Herde der Zuhörer und Verbraucher wieder einfangen sollen – vor allem in nennenswerten Stückzahlen, die den kommunikativen Einsatz überhaupt erst lohnen würden. So ziemlich jedes Modell, das angedacht wurde – ob nun virales Marketing oder Paid Content – das erwies sich ökonomisch als Windei. Wie in der guten alten Hippiezeit hat sich das Web 2.0 rasend schnell zu einem Umsonst-und-Draußen-Medium entwickelt, auf dessen schwankendem Boden sich einfach keine Geschäftsmodelle himmelwärts  recken wollen.

Bisher konnten Marketing und Werbung die Medien und ihr Publikum so nutzen, wie die Flöhe den Hund. Alte marktbezogene Medialformen sind jetzt aber zunehmend irrelevant: Peer Groups, Chats und Thread-Kommentare ersetzen die Litfass-Säulen, die TV-Spots und die 4-C-Plakate; der ‚Link‘ ersetzt das Response-Kärtchen des Direct Mailings; der Spam-Filter sagt allen SEO-Strategen : „Ihr müsst leider draußen bleiben!“ – bevor sie dann den überfälligen Tritt in den Mors erhalten. Was also tun in einer neuen Medienwelt, die sich der Ökonomie verweigert und zugleich die Mandarine und ihr überlegenes Wissen entzaubert?

Zunächst einmal nützt es nichts, lange drum herum zu reden: Wir leben mitten in einer Medienrevolution – die Menschen emanzipieren sich in einer unfassbaren Geschwindigkeit von altgewohnten ‚Leitmedien‘, von den kommunikativen Massenmärkten der Vergangenheit. Ganze Wirtschaftsbereiche stehen vor einer umfassenden Restrukturierung, wenn sie nicht ganz und gar zusammenbrechen – allen voran Werbung, Marketing und Massenmedien. Der Berufsstand des kommunikativen Maklers, der des Journalisten, ist in der Existenz bedroht. Und auch das formierte Denken, das die Politik unter dem Namen ‚gesellschaftlicher Konsens‘ – vermittelt über Massenmedien – herzustellen trachtet, wird durch eine neue unübersichtliche Vielfalt zahlloser Einzelmeinungen zerredet.

Es gibt bereits etliche Vorzeichen des Neuen: Barrack Obama war der erste Präsident, der gegen den Willen einer publizistischen Fronde aus US-Opinion-Leaders gekürt werden konnte. Das Charisma des geborenen Volkstribunen kehrt damit in die Politik zurück, der Maverick verdrängte das Establishment und die parteigenehme ‚Nachfolgerin‘. Gleichzeitig lässt eine Finanzkrise von ungeahntem Ausmaß die ‚Welterklärungsmodelle‘ aller Experten und Sachverständigen erodieren, die zuvor Talkshows und Titelgeschichten dominierten. Sie lagen mit ihren überholten Ansichten nicht nur falsch, gerade sie erwiesen sich auch als ‚paid content‘, ihr Ansehen und das Vertrauen in sie ging den Bach hinab, und damit unsere ‚Expertenkultur‘ insgesamt: Aus Experten wurden im öffentlichen Ansehen ‚Öchsperten‘ – das Modell des interessegeleiteten Meinungslobbyisten steht im öffentlichen Ansehen jetzt auf einer Stufe mit der Prostitution. Hohn und Spott trifft diese Figuren seither – vor allem im Web 2.0. Das junge Publikum, das seine Zukunftsaussichten dahinschwinden sieht, flieht die Weltsicht dieser ‚Yesterday Men‘, dieser intellektuellen Verlierer, so wie die Vernunft einen Dieter Bohlen meidet. In einer einzigartigen historischen Umbruchsituation entsteht so eine Welt, wo die Vernunft nicht länger ‚top-down‘ in die Köpfe der Menschen Einzug hält. Wie in der Natur kommen Vernunft und Lebenskraft jetzt wieder von den Wurzeln her.

Statt eines überschaubaren altmedialen Angebots – bestehend aus drei, vier Weltsichten oder ‚Ideologien‘ – erblicken die Webbewohner eine Welt, die immer fragmentierter wird: Jedes Individuum weiß quantitativ zwar mehr als je zuvor, es ist oft auch ‚politischer‘ als je zuvor – da aber alle etwas anderes wissen, jeder aus einer anderen Quelle trinkt, so hat plötzlich auch jeder seine eigene Meinung. Nichts fügt sich mehr ins altgewohnte parteipolitische Schema. Die lärmende gesellschaftliche Kakophonie macht das Finden und Erfinden einer ‚gemeinsamen Sache‘ schwierig – und die Folgen der wachsenden kommunikativen Dissonanz sind längst noch nicht zureichend erforscht oder ausdiskutiert. Klar ist nur, dass dort etwas entsteht …


6 Kommentare

  1. Bravo! Dank für den hervorragenden Artikel!

  2. Vor allem am Schluss gibst Du Beobachtungen wieder, die ich je länger je deutlicher selber mache:
    Die Dissonanz. Und sie ist ein Ergebnis der virtuellen Explosion und vor allem dort verheerend, wo sie stillschweigend hingenommen wird bzw. sich unbeobachtet entwickelt:
    Wo fühlen wir uns denn noch zugehörig? Wo sind wir wirklich ein Forum, in dem man die Gedanken mit einander entwickelt?
    Wo besteht unter einander die Einigkeit, eine Sache „richtig“ zu tun – und die manchmal eben auch notwendige Sicherheit, wie das geschehen kann?
    Wir fransen aus. Auch innerlich. Und geraten ins Uferlose.

  3. Danke für diesen lesenswerten Artikel.
    Ich war gerne und lange Zeit einer der flohbefallene Konsument altmedialer Angebote. Der Freeze-Erlass der Süddeutschen hat mich vor Urzeiten in die Untiefen des Internets gestoßen. Nach anfänglichem Freischwimmen gefällt mir der kommunikative Ozean der Kakophonie inzwischen immer besser. Der Blick zurück auf die Betonblöcken der Massenmedienanstalten lässt sie weniger bedeutsam erscheinen als sie immer noch sind.

  4. Barack wird mit einem R geschrieben, nicht mit zwei. *klugscheiß*

    Inspirierender Artikel. Vielleicht bräuchte man noch eine Art zentrales Forum, eine Mischung aus Twitter und Umfragetool, um abbilden zu können, was die Menschen bewegt und welche Themen wirklich momentan relevant sind. Aber das Ganze wird sich vielleicht aus einem evolutionären Prozess heraus von selbst entwickeln, wenn mehr Menschen entsprechende Dienste nutzen.

    Über Tags lassen sich ja Ausfransungen wieder aggregieren, siehe #zensursula.

  5. NewsPirat:)

    17. Mai 2009 at 17:37

    @ Pirat:

    Das gibt es bereits in Ansätzen. In der Subkultur der Hacker entwickelt sich der Nachfolger des traditionellen News-Mediums, s. zB.

    Die konzerngetriebenen traditionellen Medien werden sich weiter unterbieten und konvergieren zu einem Einheitsbrei aus Infoshockvolkstainment. Was wird kommen? Open-Source-Wiki-Crowdrank-News?

  6. NewsPirat:)

    17. Mai 2009 at 19:41

    He, wo ist der Link geblieben? Neuer Versuch:
    http://news.ycombinator.com/

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