Friedrich Overbeck, 1829

Allen Religionen gemeinsam ist ein Jenseits-Versprechen. Gut, im Buddhismus ist es eher die Jenseits-Drohung mit dem unausweichlich Immergleichen, bis irgendwann einmal die Kette ewiger Wiedergeburt durchbrochen wird. Klar ist jedenfalls, dass der Tod nicht das Ende darstellen soll. Es gibt dank der Religion für alle wahrhaft Gläubigen gar kein existenzialistisches Geworfensein mehr: „Ich kam auf die Welt, und wollte das nicht, und ich werde einst sterben, und das will ich dann auch nicht.“ Die Religion spendet ihnen Trost, allerdings mit ungedeckten Schecks.

Himmel und Hölle – samt allen Jenseitslohns und aller Jüngsten Gerichte – haben ihren Ursprung folglich an diesem ‚Ultima Thule‘ der Existenz. Wenn die Maden längst an unseren Knochen nagen, glauben existentiell Verunsicherte ernsthaft, käme irgendwann ein göttlicher Richter daher und urteilte über unseren Lebenswandel. Die Schlechten kämen dann ’nach unten‘, und die Guten ’nach oben‘. Denn Himmel und Hölle sind vektoriell stets eindeutig verortet. Bei den Griechen waren beide sogar noch zugänglich: Man musste den Styx hinabrudern, um in den Hades zu kommen. Oder man kraxelte die steilen Hänge des Olymp hinauf, um von den Brotkrumen des Göttermahls zu naschen.

Blöd ist immer die Sache mit der Wissenschaft. Wir wissen heute mit Sicherheit, dass wir auf der dünnen Kruste eines glühenden, ziellos durchs All rotierenden Planeten leben. Einige Flat-Earther mögen das noch anders sehen. Dort unten, unter unseren Füßen, ist nur geschmolzenes Gestein, und bohrten wir noch weiter, kämen wir in Australien wieder heraus, aber nun mal nicht in der Hölle. Auch ’nach oben‘ gibt es bloß eine Lufthülle von einigen Kilometern Dicke, danach kommt dann die lebensfeindliche große Luftleere, auf Millionen Lichtjahre hinaus.

Mit solchen Ergebnissen der empirischen Wissenschaft stehen daher alle Religionen samt ihren Märlein auf Kriegsfuß. Bei ihnen sitzen – gegen alle Evidenz – die Erlösten harfeschlagend auf kleinen Wölkchen und schauen den himmlischen Heerscharen bei ihren Freizeitvergnügungen zu. Oder sie erzählen, wie ein Prophet einst siegreich auf einem weißen Schimmel himmelwärts geritten sei, obwohl sein Zossen doch nach kurzer Zeit in der Leere des Weltalls Schnappatmung bekommen hätte. Auch die Wahrsagerin aus der Esoterik-Szene beschwört bauchrednerisch die Stimmen familiärer Ahnen ‚aus dem Totenreich‘ herauf, um zu klären, wie das mit Onkel Willis Testament damals war.

Kurzum: Aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet, sind alle Religionen nichts als Schmu. Genau deshalb bin ich areligiös, und nicht deshalb, weil ich dem Heinrich Himmler oder dem Mobutu keine Höllenstrafe gönnen würde, sondern weil Himmel und Hölle – nach allem, was wir wissen können – einfach nicht existieren. Und auch das Jüngste Gericht ist letztlich nur das älteste Gerücht …

Die Hölle / John Martin, 1841